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Gisela Martens * 1936
Bachstraße 35, Ecke Heinrich-Hertz-Straße (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)
HIER WOHNTE
GISELA MARTENS
JG. 1936
EINGEWIESEN 1940
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 16.8.1943
AM STEINHOF / WIEN
‚KINDERFACHABTEILUNG‘
ERMORDET 4.9.1943
Gisela Martens, geb. am 13.12.1936 in Hamburg, aufgenommen in den damaligen "Alsterdorfer Anstalten" (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 15.11.1940, "verlegt" nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") am 16.8.1943, dort gestorben am 4.9.1943
Bachstraße 35
Gisela Martens war noch nicht ganz vier Jahre alt, als sie am 15. November 1940 in den damaligen "Alsterdorfer Anstalten" aufgenommen wurde. Der niedergelassene Arzt W. Roggenkämper hatte dies mit wenigen Worten begründet: "Zangengeburt, Querlage, sehr dürftig, geistig weit zurück, läuft nicht mit fast 4 Jahren, schwere Rachitis."
Die Eltern, der Arbeiter Richard Martens, geboren am 17. Dezember 1904 in Ollndorf, und seine Ehefrau Hedwig, geborene Frank, geboren am 30. Juni 1903 in Zarrentin, waren beide aus dem Westen Mecklenburgs nach Hamburg gekommen. Hier hatten sie am 15. Oktober 1930 geheiratet und eine Wohnung in der Bachstraße 35 in Barmbek gefunden.
Gisela Martens war am 13. Dezember 1936 in der Frauenklinik Finkenau geboren worden. Sie hatte einen älteren Bruder, Günther, geboren am 19. April 1931. Ihre Schwester Helga kam am 22. Dezember 1935 zur Welt, ein weiteres Geschwister im November 1940.
Während der komplizierten Geburt kam es bei Gisela Martens zum Sauerstoffmangel, vermutlich die Ursache der später auftretenden Probleme. Schon im Alter von sechs Monaten musste sie wegen Atmungsproblemen, die seit ihrer Geburt auftraten, und chronischem Husten mit starken Nebengeräuschen in das Krankenhaus Barmbek eingeliefert werden. Erst nach zwei Monaten durfte sie als gebessert zu ihrer Familie zurückkehren. Als sie ein Jahr alt war, waren ihre Einschränkungen erkennbar, sie bedurfte intensiver Betreuung.
Im Herbst 1940 erwartete Giselas Mutter ihr viertes Kind. Die Eltern fürchteten, dass sie künftig der weiteren Betreuung des Mädchens nicht mehr gewachsen sein und den beiden Geschwistern die erforderliche Zuwendung nicht mehr würde geben können. Gisela konnte zu der Zeit ohne Halt kaum sitzen und war völlig unselbstständig. Sie sprach nicht, nässte und schmutzte ein. Sie galt als dauerhaft nicht bildungsfähig.
Als Gisela am 15. November 1940 in den damaligen "Alsterdorfer Anstalten" aufgenommen wurde, sprach sie immer noch nicht, konnte nicht stehen oder gehen, aber doch alleine sitzen. Das Personal nahm das Kind als freundlich und ruhig wahr, es musste mit Breikost ernährt und vollständig versorgt werden.
In Gisela Martens‘ Patientenakte wiederholte sich im August 1941 der vorherige Bericht. Doch im Oktober hieß es, sie habe sich sehr verbessert, vor sich hin gespielt und sich gefreut, wenn sich jemand mit ihr beschäftigte. Jetzt konnte sie auch überwiegend sauber gehalten werden. In den folgenden zwei Jahren änderte sich anscheinend nichts.
Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte die Gelegenheit, nach Rücksprache mit der Gesundheitsbehörde einen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner, die als arbeitsschwach, pflegeaufwändig oder als besonders schwierig galten, in andere Heil- und Pflegeanstalten zu verlegen. Am 16. August 1943 ging ein Transport mit 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der "Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn" nach Wien ab in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien". Unter ihnen befand sich Gisela Martens.
In Wien soll Gisela Martens bei der Aufnahme körperlich schwach, sehr blass und sehr unruhig gewesen sein. Vier Tage später, unter dem 20. August, enthielt ihre Krankenakte den Eintrag: "Verfällt, schwach".
Gisela Martens starb am 4. September 1943.
Als Todesursache wurde "Marasmus bei Idiotie" und "Imbezillitas" festgehalten.
("Marasmus" ist eine schwere Form der Unterernährung. "Imbezillitas" und "Idiotie" sind nicht mehr gebräuchliche Begriffe für eine mittelgradige geistige Behinderung bzw. für eine schwere Form der Intelligenzminderung).
Am 31. Oktober 1943 bat Gisela Martens‘ Mutter, die wegen der Luftangriffe aus Hamburg nach Schwerin in Mecklenburg evakuiert worden war, in einem Schreiben an die Wagner von Jauregg-Anstalt um Mitteilung über das Befinden ihrer Tochter. Die Antwort vom 11. November 1943 lautete: "Auf Ihr Schreiben vom 31.v.M. wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihre Tochter Gisela am 17. August mit einem grösseren Krankentransport aus Hamburg hierher gebracht wurde und hier am 4. September an Lungentuberkulose gestorben ist.
Vom Ableben wurde am gleichen Tage unter der hier vorgemerkt gewesenen Anschrift ‚Hedwig Martens, Hamburg, Bachstr. 35‘ telegraphisch verständigt. Da nach Ablauf einer Woche seitens Angehöriger keine Bestattungsverfügung getroffen war, wurde die Leiche am Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Gez. Der Direktor."
In der Wiener Anstalt hatte die Chefärztin/Pathologin Barbara Uiberrak die Sektion (Obduktion) des Leichnams vorgenommen und dabei insbesondere das Gehirn untersucht, das sie in Formalin konservierte. Seit 1943 wurden in der Wiener Anstalt von rund der Hälfte aller sezierten Leichen die Gehirne für histologische Untersuchungen entnommen und zum Teil in der hirnanatomischen Sammlung verwahrt. Noch bis 2002 befanden sich in der Wiener Anstalt 700 Gehirne, die bei Sektionen entnommen worden waren.
Stand: Juni 2025
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Hamburg 1937; Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 156 (Gisela Martens). Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 425 ff. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 283 ff., 331 ff.

