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Bereits verlegte Stolpersteine



Elise Tesch
Elise Tesch
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Elise Tesch (geborene Heyn) * 1869

Bellealliancestraße (vor Spielplatz Haus Nr. nicht vorhanden) (Eimsbüttel, Eimsbüttel)


HIER WOHNTE
ELISE TESCH
GEB. HEYN
JG. 1869
EINGEWIESEN 1935
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 16.8.1943
‚HEILANSTALT‘
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 3.5.1944

Elise Tesch, geb. Heyn, geb. 10.10.1869 in Ahlbeck (Insel Usedom), am 26.4.1935 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), abtransportiert am 16.8.1943 nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 3.5.1944

Bellealliancestraße (vor Spielplatz, Haus Nr. 11 nicht mehr vorhanden)

Elise Wilhelmine Karoline Ottilie Tesch (Rufname Elise), geborene Heyn, wurde am 10. Oktober 1869 in Ahlbeck auf der Insel Usedom als Tochter des Hoteliers und Schlachtermeisters Louis Heyn und seiner Ehefrau Friederike, geborene Malzahn, geboren.

Die folgenden biografischen Darstellungen stützen sich auf Angaben, die Elise Tesch während der Aufnahmeuntersuchungen in mehreren Krankenanstalten machte. Einzelne Daten hat sie zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich angegeben. Sie konnten nicht überprüft werden.

Elise Tesch berichtete, dass sie das älteste von sechs Geschwistern gewesen sei, von denen vier früh gestorben seien, eines an Kindbettfieber und eines an einer Kehlkopferkrankung. Über die weiteren Geschwister ist uns nichts bekannt.

Elise Tesch besuchte die Volksschule in Swinemünde und beschrieb sich selbst als Durchschnittsschülerin, die nie eine Jahrgangsstufe habe wiederholen müssen. Nach der Schulzeit habe sie ihren Eltern in deren Restaurant geholfen.

Am 20. Februar 1894 heiratete sie in Ahlbeck den Kaufmann Franz Wilhelm Johann Tesch, der am 20. Mai 1864 in Rossin unweit von Anklam (Vorpommern) geboren worden war. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Zwei starben früh an Scharlach, der Sohn Otto Karl Luis Franz, geboren am 14. Juni 1896 in Ahlbeck, fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg.
Angeblich war Elise Teschs Ehemann zur Zeit der Geburt dieses Sohnes an einer langwierigen Lungenentzündung verstorben.

Wir wissen nicht, wann genau Elise Tesch sich in Hamburg niedergelassen hat. Ihre erste Aufnahme in einem Hamburger Krankenhaus erfolgte 1921. Ihre erste uns bekannte Adresse in Hamburg kennen wir aus einer Meldebescheinigung, in der am 3. Juni 1931 die Straße Sieldeich im Stadtteil Veddel vermerkt ist, wo sie zur Untermiete wohnte. Über eine Erwerbstätigkeit ist uns nichts bekannt. Bis Mitte 1934 wechselte sie ihre Untermietverhältnisse mehrmals. 1933 wohnte sie in der Bellealliancestraße 11 und schließlich 1934 in der Marthastraße 11, jeweils im Stadtteil Eimsbüttel gelegen.

Elise Tesch war vom 5. bis zum 19. September 1921 stationäre Patientin im damaligen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf wegen chronischen Gelenkrheumas, eine Krankheit, die, wie sie berichtete, im Alter von 17 oder 19 Jahren begonnen habe. Nach einer anderen Angabe erlitt sie seit 1915 oft Ohnmachtsanfälle, bei denen sie sie öfter das Bewusstsein für meist eine Stunde verloren habe. Diese Zustände sollen meist im Anschluss an Aufregungen aufgetreten sein.

Der akute Anlass für die Klinikaufnahme waren seit einem Jahr anhaltende Schwellungen und Schmerzen in den Zehen und Fußgelenken. Hinzu kamen zuletzt Schmerzen und Schwellungen im rechten Schultergelenk, in den Finger- und Kniegelenken sowie in beiden Kiefergelenken. Infolge Schlaflosigkeit und Stichen in der Herzgegend sowie Herzklopfen waren ihre Bewegungen sehr eingeschränkt und schmerzhaft. Nach zwei Wochen wurde Elise als "gebessert" in ambulante Behandlung entlassen. Ihre Gelenke waren nun frei von Schmerzen und gut beweglich. Es blieben lediglich leichte Schmerzen in den Kiefergelenken und im rechten Handgelenk bestehen.

Mitte 1927 musste Elise Tesch erneut in das Eppendorfer Krankenhaus, diesmal wegen Angina, einer Entzündung der Lymphgefäße und einer akuten Entzündung der Stirnhöhlen. Nach dreieinhalb Wochen wurde sie geheilt entlassen.

Im Juli 1934 versuchte Elise Tesch, sich durch das Öffnen der Pulsadern das Leben zu nehmen. Sie führte wirre Gespräche und behauptete, dass jemand ihr nach dem Leben trachte. Eine Polizeiärztin stellte hochgradigen Verfolgungswahn fest und ordnete ihre Überführung in das Staatskrankenhaus Friedrichsberg zum eigenen Schutz auf der Grundlage von Paragraph 22 des Hamburgischen Verhältnisgesetzes (Verh. Ges.) an.

Diese Regelung vom 23. April 1879, die am 8. Oktober 1923 novelliert wurde, erlaubte es den Polizeibehörden und ihren Beamten und Angestellten, "Personen in Verwahrung zu nehmen, wenn der eigene Schutz dieser Personen oder die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ruhe oder die Abwendung von Gefahren für anderen Personen diese Maßregel erforderlich macht."

Elise Tesch wurde am 11. Juli 1934 im Staatskrankenhaus Friedrichsberg aufgenommen. Dort stellten die Ärzte fest, dass beide Handgelenke total versteift, die Finger jedoch als frei beweglich waren. Sonst wurde sie als körperlich "normal" eingestuft. Psychisch erhielt sie hingegen die Diagnose Schizophrenie mit folgender Begründung: "Patientin fühlt sich von Kommunisten ständig verfolgt, die sie umbringen wollen. Um aus dieser ängstlichen Ungewissheit herauszukommen, versuchte sie mit einem Trennmesser die Pulsadern zu öffnen, nachdem sie vorher einen naiven Suizidversuch mit HCI (stark) verdünnt gemacht hatte [HCI=Chlorwasserstoff oder Salzsäure]. Patientin ist örtlich und zeitlich und persönlich orientiert. Keine bemerkenswerten Gedächtnislücken. Intelligenz und Auffassungsvermögen sind gut erhalten. Depressive Stimmung, resultierend aus den Verfolgungs- und Beziehungsideen."

Mit einem zusammenfassenden Gutachten des Assistenzarztes Hans Buchta wurde Elise Teschs Verlegung in die Alsterdorfer Anstalten bewirkt. Er schrieb:
"Frau T., behördlicherseits der Anstalt Friedrichsberg gemäß Paragraph 22 Verhältnisgesetz zum eigenen Schutz am 11.7.1934 überwiesen, leidet an ängstlichen Verstimmungs-Zuständen und wahnhaften Beziehungs- und Verfolgungsideen. Die Kranke hat nur geringe Krankheitseinsicht. Da zu erwarten ist, dass die Kranke unter Einfluss ihrer Krankheitsideen bald auf Entlassung aus der Anstalt dringen wird, da andererseits aber längerer Aufenthalt in der Anstalt aber voraussichtlich erforderlich sein wird, so wird hiermit beantragt die Einweisung der Kranken in die geschlossene Anstalt gemäß Paragraph 22 Verhältnisgesetz zum eigenen Schutz auszusprechen. Gezeichnet Buchta".

Am 10. April 1935 genehmigte die Polizei ihre Verlegung in die Alsterdorfer Anstalten. Die Einweisungsverfügung gemäß Paragraph 22 Verh. Ges. sollte auch für den Aufenthalt in Alsterdorf gelten. Die Verlegung fand am 26. April 1935 statt.

Anscheinend hatte Elise Tesch in Hamburg keine Verwandten. In ihrer Alsterdorfer Patientenakte ist lediglich ein Schwager in Berlin-Neukölln als Angehöriger vermerkt, der sonst an keiner Stelle erwähnt wurde.

In den Alsterdorfer Anstalten wurde Elise Tesch als sauber und ordentlich beschrieben. Sie besorgte ihre Körperpflege selbst. Bei der Beschäftigung "auf der Garderobe" soll die inzwischen Sechzigjährige ihrem Alter entsprechend fleißig und auch verträglich gewesen sein. Sie sei stets hilfsbereit und beschäftige sich in ihrer freien Zeit mit Handarbeiten. Bei Unterhaltungen sei sie sehr rege und wisse manchmal alles besser, so die Eintragungen in der Patientenakte. Ihren Aussagen zufolge gefalle es ihr in den Alsterdorfer Anstalten. Sie wolle nicht wieder fort, sei zufrieden und bescheiden.

Dieses Verhalten hielt jedoch nicht dauerhaft an. Im März 1936 galt Elise Tesch als zank- und herrschsüchtig. Über gesundheitliche Einbrüche wurde erst Anfang Oktober 1939 berichtet. Sie fiel plötzlich in Ohnmacht, sank nach hinten zurück, wurde sehr blass und erbrach sich. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie, "mein Herz will nicht mehr". Um die Augen hatte sie breite dunkle Ränder. Sie erhielt 1 ccm Cardiazol, ein heute kaum noch verwendetes Kreislauf- und Atemstimulans, das in hohen Dosen starke Krämpfe auslösen kann. Über den weiteren Verlauf dieses Zusammenbruchs und ihren Zustand in der Folgezeit finden sich keine Aufzeichnungen.

Im Frühjahr 1938 soll Elise Tesch Phasen zeitweise die Arbeit verweigert, sich den Schwestern (Betreuerinnen) gegenüber "frech und aufsässig" verhalten und auch die Nahrung verweigert haben. Privatpatienten gegenüber soll sie sich stets höflich und liebenswürdig gezeigt haben, nicht jedoch gegenüber den anderen Patienten, denen sie anders gegenübergetreten sei.

Die Alsterdorfer Anstalten mussten dem Polizeipräsidenten offenbar regelmäßig über Elise Tesch berichten, um zu überwachen, ob die Zwangsmaßnahme nach Paragraph 22 Verh. Ges. fortbestehen musste. 1941 lautete die Meldung: "Frau Elisa Tesch leidet an paranoider Schizophrenie. Die Patientin ist zur Zeit recht verträglich und freundlich, beschäftigt sich trotz ihrer Gicht mit Handarbeiten. Im Allgemeinen übt sie keinen guten Einfluss auf die Patienten aus ist außerordentlich herrschsüchtig. Weitere Anstalt Aufenthalt ist zum eigenen Schutz erforderlich. Der leitende Oberarzt in Vertretung gezeichnet Professor Schäfer"

Danach wiederholten sich die Berichte mit gleichem Inhalt, wenn auch in immer kürzerer Form. Die Einträge in der Patientenaktie von Elise Tesch enden am 16. August 1943 mit folgendem Vermerk: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Bombenangriff verlegt nach Wien. Gezeichnet Dr. Kreyenberg"

Durch die schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha”) erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, das SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde die Gelegenheit, um sich eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder besonders schwierig” galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien” (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof”) in Wien "verlegt”. Unter ihnen befand sich Elise Tesch.

Bei ihrer Ankunft soll sie ruhig gewesen sein, allerdings muss sie so stark geschwollene Füße gehabt haben, dass dies in der Patientenakte vermerkt wurde. Sie war ruhig, geordnet und orientiert, gab willig und geordnet Antworten. In der Nähstube war sie fleißig.

Anfang 1944 berichtete die Direktion der Wiener Anstalt dem Hamburger Polizeipräsidenten über Elise Tesch: "Patientin Tesch Liese leidet an Schizophrenie. Bringt Verfolgungsideen vor, ist autistisch abweisend. Eine weitere Anhaltung in geschlossener Anstalt ist erforderlich, eine wesentliche Änderung ihres Zustandes kaum zu erwarten. Gezeichnet Dr. Wunder E. H."

Wenig später, am 1. April, soll Elise Tesch eine Rippenfellentzündung bekommen haben. Diese Krankheit verläuft zwar meist nicht tödlich, kann aber tödlich enden, wenn schwere Fälle unbehandelt bleiben und dann zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
Nach zehn Tagen, am 11. April, wurde Elise Tesch wegen Durchfalls in den Pavillon 19 verlegt, der als "Infektionspavillon" diente und auch als Ort eingeleiteten Sterbens galt. Ihre Temperatur schwankte zwischen 37,1 Grad und 38,1 Grad.
Der Eintrag in die Patientenakte am 28. April lautete: "Zunehmender Verfall, neuerlicher Temperaturanstieg auf 38,6 Grad, starke Kurzatmigkeit". Am 30. April wurde vermerkt: "Temperatur 38,3 Grad, keine Besserung", am 2. Mai: "Temperatur 39,1 Grad, wesentliche Verschlechterung".

Der letzte Eintrag datiert vom 3. Mai 1944 und lautet: "Exitus letalis, Todesursache: basale Lungenentzündung, Pleuritis exsudativa links, Enterocolitis".
(Basale Lungenentzündung = Entzündung im unteren Bereich der Lungenflügel, Pleuritis exsudativa = feuchte Rippenfellentzündung, Enterocolitis = entzündliche Erkrankung des Dünn- und Dickdarms.)

Während der ersten Phase der NS-"Euthanasie” vom Oktober 1939 bis August 1941 war die Anstalt in Wien eine sogenannte Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in den bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt, massenhaft weitergemordet: durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und vor allem durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.

Der Stolperstein zur Erinnerung an Elise Tesch müsste eigentlich vor dem Haus Bellealliancestraße 11 in den Fußweg eingelassen werden. Das Gebäude besteht jedoch nicht mehr. Deshalb wurde der Stolperstein vor den Eingang des heute dort befindlichen Spielplatzes gelegt.

Stand: April 2026
© Ingo Wille

Quelle: Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, Sonderakte V 227 (Elise Tesch).

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