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Louis Melhausen * 1867

Stutsmoor 27 (Altona, Bahrenfeld)


HIER WOHNTE
LOUIS MELHAUSEN
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.1.1943

Louis Melhausen, geboren am 2.1.1867, deportiert nach Theresienstadt am 19.7.1942, dort gestorben am 26.1.1943

Stutsmoor 27

Louis Melhausen wurde am 2. Januar 1867 in Hamburg als drittes Kind des Ehepaares Moses und Hanna Melhausen, geborene Levy, geboren. Beide Eltern waren jüdischer Abstammung. Louis hatte drei Geschwister: Isaac, geboren am 5. März 1857, Joseph, geboren am 28. März 1865 und Julius, geboren am 13. Februar 1869. Die Kinder wurden von den Eltern evangelisch erzogen. Ansonsten wissen wir nichts über ihre Kindheit, Jugend und Ausbildung.

Am 28. Februar 1892 heiratete Louis Melhausen die nichtjüdische Maria Auguste Hermandine Meinecke, geboren am 15. Oktober 1866. Ihre Eltern waren Andreas Friedrich Meinecke und Johanna Helene Auguste Meinecke, geborene Möller.

Louis und Maria Melhausen wohnten in der Kleinen Gärtnerstraße 145 (heute Stresemannstraße) in Altona Nord zur Untermiete bei Martens. Sie zogen 1894 in die Königstraße 68 und bereits sechs Monate später in die Große Rosenstraße 114 (heute Paul-Roosen-Straße) in St. Pauli.

Beruflich arbeitete Louis Melhausen bei der Unfallversicherung Colonia und stieg beruflich zum Bezirksdirektor auf. (Die Colonia Versicherung AG war ein deutsches Versicherungsunternehmen mit Sitz in Köln, an der Börse notiert und bot sowohl Erst- als auch Rückversicherungen an. Heute bildet das Unternehmen den zentralen Teil der deutschen Geschäfte des französischen Axa-Konzerns.)

Das Ehepaar Melhausen bekam vier Kinder: Reinhold Louis, geboren am 19. Oktober 1893, Ella Auguste, geboren am 30. Mai 1896 und Martha Louise, geboren am 4. Oktober 1897. Walter August, geboren am 5. Februar 1895, starb bereits am 25. März 1895. Wo er beigesetzt wurde, ist uns nicht bekannt.

Im Jahr 1897 kehrte die Familie in die Kleine Gärtnerstraße 145 zurück und wohnte erneut zur Untermiete bei Martens. 1906 wechselte sie in die Gerichtstraße 37 in Altona Nord, 1912 in die Goebenstraße 37 und 1914 in die Weidenallee 6, beide in Eimsbüttel.

Die Kinder, nun erwachsen, gingen eigene Wege:

Reinhold Melhausen, der älteste Sohn, diente im ersten Weltkrieg als Unteroffizier der 4. Kompanie, er fiel am 12. Juni 1918 bei Dommiers/Soissons in Frankreich.

Seine Schwester Ella Melhausen und Alfred Büttner, geboren am 14. April 1889, heirateten am 9. Oktober 1928. Sie bekamen am 12. September 1929 ihren Sohn Alfred Louis Johannes. Die Familie wohnte im Stutsmoor 27/Groß Flottbek. 1935 trennte sich das Ehepaar, der Ehemann Alfred Büttner zog aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Martha Louise Melhausen ging am 11. Dezember 1928 die Ehe ein mit dem Gastwirt Kurt Hermann Erich Lange, geboren am 25. Dezember 1901. Sie wurden Eltern von zwei Kindern: Marion Auguste Henriette, geboren am 6. Oktober 1931, und Kurt Reinhold, geboren am 28. Juli 1934. Das Ehepaar lebte mit seinen Kindern in Barmbek-Nord, Oldachstraße 32. Die politischen Umstände jener Jahre prägten auch das Leben dieser Familie: Kurt Lange war 1933 der NSDAP beigetreten, wurde jedoch 1938 aus der Partei ausgeschlossen – einerseits wegen seines jüdischen Schwiegervaters, andererseits, weil er sich trotz massiven Drucks weigerte, sich von seiner "halbjüdischen" Frau Martha Louise scheiden zu lassen. Sein Umsatz als Gastwirt ging zurück und er musste seine Gastwirtschaft schließen. Vom Arbeitsamt wurde ihm auferlegt Zwangsarbeit anzunehmen. Ob er die Zwangsarbeit tatsächlich ausführen musste, wissen wir nicht.

Louis Melhausen selbst war am 31. August 1932 in den Ruhestand gegangen und erhielt fortan eine monatliche Rente in Höhe von 510 Reichsmark (RM). Noch vor dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit hatte er bei der Colonia Versicherung eine Hausratsversicherung über 4.500 RM abgeschlossen – ein Schritt – so dachte er - der eine vorausschauende Absicherung bedeutete. Während seiner langjährigen Tätigkeit bei der Colonia Versicherung war er wiederholt mit Schadensfällen, insbesondere mit Wohnungsbränden, befasst gewesen.

Das Ehepaar Louis und Maria Melhausen zog 1933 in den Krohnskamp 6 nach Winterhude und 1935 in die Chateneaufstraße 3 nach Hamm.

Maria Melhausen starb dort am 5. Oktober 1935. Wenige Wochen zuvor, am 15. September 1935, war das "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" in Deutschland erlassen worden. Durch eine Mischehe, eine Ehe mit einem nichtjüdischen Partner, waren die jüdischen Menschen anfangs noch vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten geschützt. Dieser fragwürdige Schutz fiel für Louis Melhausen nach dem Tod seiner Ehefrau nun weg.

1937 bezog er eine Wohnung in der Straße Hammerhof 18 (heute Hammer Hof) in Hamm. Anfang des Jahres 1938 wechselte er erneut seinen Wohnsitz und zog wieder in den Stutsmoor 27 zu seiner Tochter Ella Büttner zurück.

Auch diese wurde von Nachbarn und nationalsozialistischen Amtsträgern beobachtet: Sie berichtete für die Wiedergutmachungsakten von den Drangsalierungen, die sie und ihre Familie unter dem Nationalsozialismus erlitten hatten: Ihr achtjähriger Sohn Alfred hatte am 20. April 1938, dem Geburtstag von Adolf Hitler, auf dem Balkon in der Straße Stutsmoor 27 einfache Papierflaggen angebracht, weil er wie alle anderen Kinder auch "flaggen" wollte. Von Nachbarn für diese Aktion denunziert, wurde die Familie Melhausen zum Stadthaus vorgeladen und musste viele Demütigungen über sich ergehen lassen.

Die Schikanen des NS-Regimes hörten damit allerdings nicht auf. Ella Büttner berichtete: "Ein anderes Mal musste ich während des Krieges in die Lagerstraße gehen, um Lebensmittelkarten für meinen Vater bei der jüdischen Abholstelle anzumelden. Ein SA-Mann mit goldenem Parteiabzeichen schüttelte mich und schlug mich derart, dass ich zusammenbrach. Am folgenden Tag wurde uns dann befohlen, unser Telefon abzugeben, falls der ´Jude Melhausen` – mein Vater – nicht ausziehen würde".

1938 traten Verordnungen in Kraft, die das Leben von Louis Melhausen weiter erheblich belasteten. Am 26. April 1938 erging eine Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden. Als Jude war Louis Melhausen danach verpflichtet, sein gesamtes Vermögen offenzulegen, sofern es den Wert von 5.000 RM überschritt. Er verfügte über Bargeld, zwei Sparkassenbücher mit einem Guthaben von 6.000 RM sowie über Goldschmuck im geschätzten Wert von etwa 2.960 RM und wurde somit in der Folge zur "Judenvermögensabgabe" herangezogen. Die Oberfinanzdirektion setzte für die Zahlung von insgesamt 1.000 RM drei Fälligkeitstermine fest: den 15. Dezember 1938, den 15. Februar 1939 und den 15. Mai 1939.

Die ständigen Schikanen ließen in Louis Melhausen den Entschluss reifen, seine Wohnung am Stutsmoor 27 aufzugeben, um seine Tochter Ella Büttner und ihren Sohn Alfred vor weiteren Gefahren zu schützen. Er bezog im Mai 1942 ein möbliertes Zimmer zur Untermiete bei M. Wingenbach in der Hansastraße 40 in Harvestehude.

Per Einschreiben erhielt Louis Melhausen den "Evakuierungsbefehl" Nr. 4484 für die Deportation nach Theresienstadt am 19. Juli 1941. Er sollte sich am 18. Juli 1942 morgens um 10.00 Uhr in der Schule Altonaer Straße einfinden. In dem Schreiben war präzise aufgelistet, was er mitzubringen hatte: 1 Koffer mit Rucksack und vollständiger Kleidung, Essgeschirr, Bettzeug und Decke. Das Gepäck musste in der Beneckestraße 2-4 zur Kontrolle vorgelegt werden.

Er wurde zudem aufgefordert, zwei Sparkassenbücher im Wert von 6.000 RM bei der Gestapozentrale an der Rothenbaumchaussee abzuliefern. Das Geld diente dem Abschluss eines sogenannten Heimeinkaufsvertrages, mit dem die Betroffenen angeblich einen Anspruch auf einen "Heimplatz" in Theresienstadt erhalten sollten.
Louis Melhausen fand sich wie befohlen am 18. Juli 1942 in der Schule an der Sternschanze ein. Er nahm 2.000 RM Bargeld und eine goldene Armbanduhr unerlaubt mit nach Theresienstadt.

Auf dem Schulhof versammelten sich mit ihm 765 Menschen. Die Schule Altonaer Straße befindet sich ganz in der Nähe des Bahnhofes Sternschanze. Versteckt hinter Wohnhäusern war der Schulhof von der Straße aus nicht einsehbar. Aufgrund dieser abgeschirmten Lage wurde er von der Geheimen Staatspolizei im Juli 1942 zum idealen Sammelplatz für diejenigen Juden erklärt, die wegen ihres Alters (über 65 Jahre) oder Gebrechlichkeit nicht in die Osttransporte einbezogen worden waren. Louis Melhausen gehörte als 75jähriger Mann dazu. Auf Lastwagen wurden die Menschen zum Hannoverschen Bahnhof (heute HafenCity, Lohseplatz) gefahren. Dort bestiegen sie den Deportationszug nach Theresienstadt, der dort einen Tag später ankam.

Louis Melhausen starb am 26. Januar 1943 in Theresienstadt.

Viele Jahre später, am 16. Juni 1987, sprach sein Enkel Alfred Büttner mit dem für die evangelisch-lutherische Melanchthongemeinde in Groß Flottbek in der Ebertallee 30 zuständigen Pastor. In diesem intensiven Gespräch erwähnte Alfred Büttner, dass seine Mutter Ella Büttner die Armbanduhr ihres Vaters zurückerhalten habe. Der Hintergrund dieser Rückgabe verlief nach der Schilderung der Mutter folgendermaßen und blieb Alfred Büttner sehr eindrücklich in Erinnerung: Louis Melhausen soll kurz vor seinem Tod in Theresienstadt einer unbekannten Gettobewohnerin seine goldene Armbanduhr anvertraut haben – mit dem Wunsch, sie seiner Tochter Ella Büttner zukommen zu lassen. Bei Kriegsende wurde die Frau offenbar von den Alliierten befreit. Sie, deren Namen wir nicht kennen, übergab die Uhr an die jüdische Bianca Kock, wohnhaft in Großflottbek, Rosenwinkel 12, die eine gute Freundin der Familie Melhausen gewesen war. Die übergab die Uhr schließlich an Ella Büttner, für die die Uhr nun zu der Gewissheit führte, dass ihr Vater nicht mehr lebte.

Stand: Oktober 2025
© Bärbel Klein

Quellen: 1; 2; 3; 4; 5; 7; StaH, 213-13 Landgericht Hamburg Widergutmachung 8554 (Melhausen); 314-15 Oberfinanzpräsident Devisenstelle Str 0719 (Ruckick); 351-11 Amt für Widergutmachung 18972 (Büttner), 18973 (Lange); 352-8/9 Bernhard-Nocht-Institut 1846 Büttner; 741-4 Fotoarchiv K4499 (Melhausen), K 6588 (Melhausen), K 7342 (Melhausen), K 2581 (Stutsmoor); 332-5 Geburtsurkunde 6282 Nr. 3239/1893 Reinhold Louis Melhausen, 6288 Nr. 458/1895 Walter August Melhausen, 9126 Nr.1228/1896 Ella Auguste Melhausen, 6300 Nr. 2443/1897 Martha Louise Melhausen, Heiratsurkunde 485/1892 Melhausen/Meinecke, 8828 Nr. 692/1928 Melhausen/Lange, Nr. 527 Melhausen/Büttner, Sterbeurkunde 790 Nr. 1009/1918 Reinhold Louis Melhausen, 1016 Nr. 195/1933 Joseph Melhausen, 1035 Nr. 1466/1935 Maria Melhausen; schriftlich niedergelegte Gesprächsnotiz mit dem Pastor der Melanchthongemeinde in Groß Flottbek vom 16.06.1987; Alfred Gottwald und Diana Schulle, Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005; https://agora.sub.uni-hamburg.de/ 1906, 1911, 1912,1914, 1915,1932; Colonia (Versicherung) – Wikipedia; Feiertage im Deutschen Reich 1933–1945 – Wikipedia; https://Ancestry.de (Zugriff 13.7.2025).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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