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Jonny Vogel * 1891
Langenfelder Damm 38 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)
HIER WOHNTE
JONNY VOGEL
JG. 1891
EINGEWIESEN 1907
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 7.8.1943
‚HEILANSTALT‘ EICHBERG
12.10.1943 HADAMAR
ERMORDET 3.1.1944
Jonny Vogel, geboren am 2.10.1891 in Hamburg, am 8.5. 1907 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute evangelische Stiftung Alsterdorf), am 7.8.1943 "verlegt" in die "Heil- und Pflegeanstalt Eichberg", am 12.10.1943 "verlegt" in die "Heilanstalt Hadamar", dort gestorben am 3.1.1944
Langenfelder Damm 38 (ehemals Langenfelder Damm 28)
Jonny Vogel wurde am 2. Oktober 1891 in Hamburg geboren. Seine Eltern waren Carl Gottfried Vogel, geboren am 2. Oktober 1851, von Beruf Drechsler, und Henriette Christine Friederike Vogel, geborene Henkel, geboren am 10. Oktober 1850 in Oldenburg/Holstein. Am 20. Mai 1879 hatten seine Eltern in Hamburg geheiratet.
Jonny Vogel war das achte von neun Kindern: Otto, geboren am 9. Mai 1880, Emmy, geboren am 25. Januar 1882, Willy, geboren am 29. Juli 1883, Alma, geboren am 28. Oktober 1884, Paul, geboren am 12. Oktober 1885, Anna, geboren am 27. Juni 1888, Carl, geboren am 15. August 1889 und Frieda, geboren am 2. Oktober 1893. Ein weiteres mögliches Geschwister wurde tot geboren.
Jonny Vogel wurde am 19. August 1894 evangelisch getauft und am 10. März 1907 konfirmiert.
Seine Geburt verlief schwierig. Sie musste mit einer Geburtszange unterstützt werden. Über Kindheit und frühe Jugend des Jungen ist uns fast nichts bekannt. Er wurde mehrmals der Allgemeinen Armen-Anstalt vorgestellt. Diese Hamburger Einrichtung der Armenfürsorge und Armenpflege diente u.a. der medizinischen Versorgung der Armen sowie ihrer Unterstützung während der Schwangerschaft und bei der Entbindung. Nach seinem letzten Besuch in der Armenanstalt am 18. April 1907 überwies ihn ein Armenarzt "wegen Schwachsinns auf Kosten der Allgemeinen Armenanstalt" in die "Alsterdorfer Anstalten". (Der heute nicht mehr verwendete Begriff "Schwachsinn" bezeichnete eine Intelligenzminderung bzw. angeborene Intelligenzschwäche.) Die Kostenübernahme durch die Allgemeine Armenanstalt lässt erkennen, dass die Familie Vogel in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebte.
Die Familie wohnte viele Jahre in Ottensen, einem Stadtteil der damals selbstständigen Stadt Altona. Zwischen 1886 und 1888 zog sie nach Hamburg-Eimsbüttel in die Straße Langenfelderdamm und vollzog dort mehrere Ortswechsel. Bei Jonny Vogels Geburt lebte die Familie im Langenfelderdamm 113.
Jonny Vogel wurde am 8. Mai 1907 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute evangelische Stiftung Alsterdorf) aufgenommen. Zu dieser Zeit wohnte die Familie Vogel im Langenfelderdamm 28 (heute Langenfelder Damm 38).
Sowohl seine Vorgeschichte als auch sein Leben nach der Aufnahme in Alsterdorf sind durch die Aufzeichnungen in seiner dort geführten "Patientenakte" überliefert, die noch existiert. Die medizinische Untersuchung am Aufnahmetag ergab eine Größe von 132 cm und ein Gewicht von 32,5 kg. Bereits mit 15 Jahren zeigte sich, dass er eher klein war, und das änderte sich auch im Erwachsenenalter nicht. 1928 war Jonny Vogel 147,5 cm groß.
Die Diagnose lautete Imbezillität (ein veralteter Begriff für eine Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten). Jonny hatte die Hilfsschule besucht. Bei seiner Aufnahme konnte er seinen Namen schreiben, aber keine Sätze. Während seiner Zeit in Alsterdorf besuchte Jonny Vogel die Anstaltsschule. Über ihn hieß es in einem Bericht über die Zeit während der vierten Klasse (die erste Klasse war damals die höchste): "Er benimmt sich stets gut und zeigt regen Fleiß. Er ist ordentlich und reinlich, liest deutsche Druckschrift recht gut, ist aber im Sprechen durch Stottern behindert. Macht vorbereitetes Diktat sehr gut und sauber. Er eignet sich den Lehr- und Memorierstoff recht gut und mit Verständnis an. Er ist artig, freundlich und still. Einfache Operationen im Zahlenkreis von 1–20 rechnet er in befriedigender Weise. Trotz reger Aufmerksamkeit beobachtet und urteilt er nur mäßig. Er zeichnet einfache Dinge noch höchst ungeschickt. Turnen: fast befriedigend. Singen: überhaupt nicht. Fortschritt: nur sehr gering. Intelligenz: gering."
Die Familie kümmerte sich um Jonny. Immer zu den Weihnachtstagen war er zu seinen Eltern beurlaubt, auch manchmal an seinem Geburtstag und an anderen Tagen. Sein Vater starb am 13. Januar 1919 im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf. Zu einem uns nicht bekannten Zeitpunkt verstarb auch seine Mutter. Ab 1926 wurde Jonny Vogel öfter zu seiner Schwester Alma beurlaubt, die seit 1922 mit dem Klempner Alfred Geilich verheiratet war.
In den ersten Jahren seines Aufenthalts in den Alsterdorfer Anstalten musste Jonny Vogel häufig ins Krankenhaus: Angina, Herpes, Frosthände, Herzfehler, Ekzeme, Zahnextraktion. 1924 wurde dokumentiert, dass er Hilfe beim Ankleiden benötigte, leichte Hausarbeit und Botendienste verrichtete. Seine Schulkenntnisse seien verloren gegangen, er sei aber sauber und "verträglich". 1928 wurde er als treuer und fleißiger Mensch beschrieben, der sich rührend um hilflose "Pfleglinge” kümmerte. 1930 wurde sein Wesen als kaum verändert beschrieben, doch er wurde als "blöde" bezeichnet. 1932 wurde vermerkt, dass Jonny Vogel durch den Pfleger viele Karten an seine Angehörigen schreiben ließ und um Besuche bat. Ab 1934 soll er sich oft über das Essen beschwert und deshalb Brot gehortet haben. Ab 1937 scheinen seine Beschwerden nachgelassen zu haben. Er wurde nun als ruhiger beschrieben.
In einem seiner Berichte an das "Fürsorgewesen" schrieb der Oberarzt und SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg 1936, Jonny Vogel leide an "Schwachsinn mittleren Grades" (eine weitere herabsetzende und veraltete Bezeichnung für eine kognitive Einschränkung). Er besäße fast keine Schulkenntnisse und würde mit einfachen Hausarbeiten beschäftigt. In der letzten Zeit sei er langsamer und "körperlich hinfälliger" geworden.
In den Akten der Alsterdorfer Anstalten wurde das Gewicht von Jonny Vogel regelmäßig notiert. Von 1928-1938 schwankte es immer zwischen 47 und 52 kg. Ab 1939 sieht man, dass das Gewicht von Jonny Vogel abnahm. Bis zu seiner Verlegung im Jahr 1943 wog er zeitweise nur noch 36,4 kg. Besondere Gründe für die Gewichtsreduzierung sind nicht vermerkt.
Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 (Operation Gomorrha) erlitten auch die damaligen Alsterdorfer Anstalten in der Nacht vom 29./30. Juli 1943 und dann noch einmal vom 3./4. August 1943 Schäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, bat die Gesundheitsbehörde um Zustimmung zur Verlegung von 750 Patientinnen und Patienten, angeblich um Platz für Verwundete und Bombengeschädigte zu schaffen. Zwischen dem 7. und dem 16. August wurden mit drei Transporten insgesamt 468 Mädchen, Frauen, Jungen und Männer in die "Landesheilanstalt Eichberg" in der Nähe von Wiesbaden, in die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein im Rheingau, in die "Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen" bei Passau und in die "Landesheilanstalt Am Steinhof" in Wien verlegt.
Jonny Vogel kam am 7. August 1943 in einem Sammeltransport in die "Landesheilanstalt Eichberg", zusammen mit 75 Kindern und Männern. Die letzte Eintragung in seiner Hamburger Krankenakte datiert vom 6. August 1943 lautete: "wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Fliegerangriff verlegt nach Eichberg".
Von dort wurde Jonny Vogel am 12. Oktober 1943 zusammen mit 23 weiteren Männern in die "Landesheilanstalt Hadamar" verlegt. Alle 24 Männer fanden dort in der Zeit vom 14. Oktober 1943 bis 3. Januar 1944 den Tod.
Hadamar war von Januar bis August 1941 eine von sechs Tötungsanstalten der "Aktion T4". Nach dem offiziellen Ende der Gasmorde wurde in Hadamar mit überdosierten Medikamenten weiter gemordet. Die Menschen wurden unter Leitung des Anstaltsleiters Dr. Adolf Wahlmann (1876-1956) durch Injektionen von Morphium, Einflößen vergifteter Nahrung und/oder systematische Unterernährung umgebracht.
Sowohl aus Eichberg als auch aus Hadamar gibt es keine Akteneinträge über Jonny Vogel. Er wurde am 3. Januar 1944 um 6 Uhr ermordet. Auf seiner Sterbeurkunde steht: Idiotie, Verfall, Herzschwäche, Verfall bei Idiotie.
Seine Familie wurde nicht informiert. Sein Bruder Willy Vogel schrieb am 5. August 1946 einen Brief an die Alsterdorfer Anstalten, in dem er nach dem Verbleib seines Bruders fragte. Daraufhin wurde ihm und seinen Geschwistern mitgeteilt, dass ihr Bruder Jonny bereits vor zweieinhalb Jahren "gestorben” war.
Stand: November 2025
© Karin Gutjahr
Quellen: 332-5 Standesämter 6153 Geburtsregister Br, 247/1880 (Otto Vogel), 6155 Geburtsregister Nr. 61/1882 (Emmy Vogel), 6156 Geburtsregister Nr. 406/1883 (Willy Vogel), 6157 Geburtsregister Nr. 603/1884(Alma Vogel), 6158 Geburtsregister Nr. 593/1885 (Paul Vogel), 9036 Geburtsregister Nr. 3345/1888 (Anna Vogel), 9050 Geburtsregister Nr. 1759/1889 (Carl Vogel), 9071 Geburtsregister Nr. 2424/1891 (Jonny Vogel), 9093 Geburtsregister Nr. 2419/1893 (Frieda Vogel), 2600 Heiratsregister Nr. 480/1879 (Carl Gottfried Vogel/Henriette Christine Friederike Henkel), 9772 Sterberegister Nr. 188/1919 (Carl Gottfried Vogel); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, Sonderakte V 93 (Jonny Vogel). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 283-286 und 299-314.

