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Günther Jagemann * 1924
Starstraße 9 (Hamburg-Nord, Barmbek-Nord)
HIER WOHNTE
GÜNTHER JAGEMANN
JG. 1924
EINGEWIESEN 1927
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 27.11.1941
‚HEILANSTALT‘ TIEGENHOF
ERMORDET 24.2.1942
Günther Jagemann, geb. 4.7.1924 in Hamburg, am 31.10.1927 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 28.7.1941 verlegt in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn, abtransportiert am 27.11.1941 in die "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" (Dziekanka) bei Gnesen (heute Gniezno, Polen), dort gestorben am 24.2.1942
Starstraße 9
Günther Adolph Otto Jagemann (Rufname Günther) wurde am 4. Juli 1924 in Hamburg geboren. Seine Eltern waren der Schlosser Emil Otto Jagemann, geboren am 22. Juli 1888 in Webau (heute ein Ortsteil von Hohenmölsen im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt) und dessen Ehefrau Anna, geborene Malig, geboren am 27. März 1888 in Hamburg. Sie hatten am 13. März 1915 in Hamburg geheiratet.
Anna Jagemann starb nur vier Tage nach Günthers Geburt am 8. Juli 1924 im Krankenhaus Hamburg-Barmbek, vermutlich an deren Folgen. Am 9. Mai 1925 heiratete Emil Otto Jagemann erneut, und zwar Ida Alma Maria Timmermann, geboren am 21. Juni 1890 in Hamburg.
Günter Jagemann wurde am 31. Oktober 1927 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) aufgenommen. Er war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Über sein Leben als Kleinkind ist uns nichts bekannt.
Die einzigen verfügbaren Informationen über ihn stammen von einer Karteikarte, die für das ab 1934 aufgebaute Hamburger Gesundheitspassarchiv zum Zwecke der "erbbiologischen Bestandsaufnahme” der Bevölkerung in den Alsterdorfer Anstalten angelegt wurde. Mithilfe dieser sogenannten Erbgesundheitskarteikarten oder Sippschaftstafeln, die zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideologie der Erb- und Rassenhygiene beitragen sollten, sollte einerseits "krankes Erbgut" erkannt und "ausgemerzt" und andererseits "hochwertige Erbeigenschaften" erhalten und gemehrt werden. Auf diesen Karteikarten wurden die Vorfahren bis zu den Großeltern sowie alle Nachkommen der Eltern und Großeltern verzeichnet. Zusätzlich wurden kurze Beschreibungen des Gesundheitszustandes der jeweiligen Person hinzugefügt. Die Eintragungen auf diesen Karteikarten waren durchgängig in verurteilender und abwertender Sprache verfasst. Sie enthielten meist Bemerkungen wie "unheilbar", "zu keiner produktiven Arbeitsleistung fähig" oder "völlig arbeitsunfähig".
So auch bei Günter Jagemann. Auf der Karteikarte über ihn wurde als Diagnose "Idiotie" vermerkt, ein heute nicht mehr verwendeter Begriff für eine schwere Form der Intelligenzminderung. Die kurze Beschreibung des nunmehr Zehnjährigen lautete: "es handelte sich also um einen tiefstehenden Pat.[ienten], der zeitweilig unter starken Erregungszuständen litt, in denen er motorisch erregt war. Er ist als unheilbar krank anzusehen. Beziehungen zu seiner Umwelt besass er gar nicht. Zu einer produktiven Arbeit war er nicht zu gebrauchen."
Günther Jagemann lebte bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr in Alsterdorf, dann wurde er am 28. Juli 1941 zusammen mit mindestens 49 weiteren Jungen und Männern in die "Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn" im Norden Hamburgs überführt. Drei Tage später folgte ein weiterer Transport mit mindestens 20 Frauen. Die Patientinnen und Patienten wurden mit Bussen der "Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft" (GeKraT), einer Teilorganisation der "Euthanasie"-Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, nach Langenhorn gebracht.
Michael Wunder, der die Geschichte der ermordeten Alsterdorfer Patientinnen und Patienten aufgearbeitet hat, wies darauf hin, dass die Transporte, die überwiegend aus besonders schwachen und nicht arbeitsfähigen Menschen bestanden, anhand von Meldebögen an die "Euthanasie"-Zentrale zusammengestellt worden waren: Während der ersten "Euthanasie"-Phase vom Oktober 1939 bis August 1941 mussten die psychiatrischen Anstalten wichtige Daten ihrer Insassinnen und Insassen an die Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin melden. Die Angaben auf diesen individuellen Meldebögen bildeten die Grundlage für die Entscheidung, ob Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen in einer der sechs Gasmordanstalten des Deutschen Reiches getötet werden sollten.
SA-Mitglied Pastor Lensch, damals Anstaltsleiter der Alsterdorfer Anstalten, hatte von der Gesundheitsbehörde Hamburg eine entsprechende Liste der Transportteilnehmer erhalten. Gesundheitssenator Ofterdinger hatte ihm versichert, es handele sich lediglich um eine Verlegung, um die Alsterdorfer Anstalten zu entlasten und die leerstehenden Betten in Langenhorn sinnvoll zu nutzen. Dennoch machte sich Aufregung unter den Insassen breit, als die Busse der GeKraT auf das Gelände der Alsterdorfer Anstalten fuhren. Durch die kirchlichen Proteste gegen die Euthanasie, die zu diesem Zeitpunkt reichsweit ihren Höhepunkt erreicht hatten, und durch Hinweise aus süddeutschen und ostdeutschen Anstalten waren die Tötungsaktionen durchaus auch unter den Pflegerinnen und Pflegern der Alsterdorfer Anstalten und teilweise auch den Anstaltsinsassen bekannt. Deshalb verfasste Lensch ein Rundschreiben an alle Pflegekräfte, in dem er den Abtransport als "Verwaltungsakt" darstellte, der mit "anderen Maßnahmen nichts zu tun hat". Die Pflegekräfte mussten den Empfang dieses Rundschreibens quittieren.
Trotz dieser Begründung wurde Günther Jagemann am 27. November 1941, vier Monate später, mit weiteren Frauen und Männern aus Langenhorn in die "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" (Dziekanka) bei Gnesen (polnisch: Gniezno) verlegt. Das Hamburger Gedenkbuch Euthanasie enthält die Namen von 66 ehemaligen Alsterdorfer Patientinnen und Patienten, die mit diesem Transport zum Tiegenhof gebracht wurden. (Vier der insgesamt 70 Alsterdorfer Patienten waren vor dem Transport in Langenhorn gestorben.) Insgesamt wurden aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn zwischen dem 26. September und dem 27. November 1941 in mehreren Transporten mehr als 200 Menschen in die "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" abtransportiert.
Die psychiatrische Anstalt Dziekanka in der Nähe von Gnesen war im Oktober 1939 von der deutschen Wehrmacht besetzt worden und hatte die Bezeichnung "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" erhalten. Bis zum Sommer/Herbst 1941 ermordeten die Deutschen die polnischen Patientinnen und Patienten in mehreren Aktionen. Als die Hamburger im Tiegenhof eintrafen, traf dieses Schicksal auch sie. Sie wurden durch systematisches Verhungernlassen, Überdosierung von Medikamenten und Verwahrlosung getötet. In den Unterkünften von Tiegenhof befanden sich separate Tötungszimmer, in denen den wehrlosen und entkräfteten Opfern tödliche Mittel injiziert, mittels Klistier eingeführt oder in aufgelöster Form in der Suppe verabreicht wurden.
Günther Jagemann lebte nicht einmal drei Monate im Tiegenhof. Er verlor sein Leben am 24. Februar 1942, wahrscheinlich nicht durch einen natürlichen Tod.
Stand: Juni 2026
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Hamburg 1926; StaH 332-5 Standesämter 2164 Geburtsregister Nr. 1250/1888 (Anna Malig), 32696641 Heiratsregister Nr. 161/1915 (Otto Emil Jagemann/Anna Malig), 6641 Heiratsregister Nr. 121/1925 (Otto Emil Jagemann/Ida Alma Maria Timmermann), 7046 Sterberegister Nr.725/1924 (Anna Jagemann geb. Malig); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv (Karteikarte Günther Jagemann), 731-1 Handschriftensammlung 1851 Wilhelm Thiele, Das Gesundheitspassarchiv und die Erbbestandsaufnahme in Hamburg.
Friedemann Pfäfflin, Das Hamburger Gesundheitspaßarchiv: bürokratische Effizienz und Personenerfassung in: Angelika u.a., Heilen und Vernichten im Mustergau Hamburg, Hamburg 1984, S. 18-20. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 269 ff.; Enno Schwanke, Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof, Frankfurt/M. 2015, S. 101 ff.

