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Emil Schlüter * 1906
Kurze Straße 8 (Hamburg-Mitte, Neustadt)
HIER WOHNTE
EMIL SCHLÜTER
JG. 1906
EINGEWIESEN 1935
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 24.9.1941
‚HEILANSTALT‘ WEILMÜNSTER
ERMORDET 1.12.1941
Emil Wilhelm Heinrich Schlüter, geb. 5.1.1906 in Hamburg, aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten am 22.3.1935, verlegt in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn am 10.5.1939, weiterverlegt nach Lübeck in die Heilanstalt Strecknitz, am 24.9.1941 verlegt in die Heil- und Pflegeanstalt in Weilmünster in Mittelhessen, dort gestorben am 1.12.1941
Kurze Straße 8
Emil Wilhelm Heinrich Schlüter (Rufname: Emil) wurde am 5. Januar 1906 als viertes Kind von Emil Friedrich Schlüter (geboren am 28. Januar 1874 in Hamburg) und Johanna Louise Wilhelmine Günter (geboren am 13. August 1870 in Hamburg) geboren. Zur Zeit der Geburt seines jüngsten Sohnes gab Emil Friedrich Schlüter seinen Beruf als Steinbrügger (Pflasterer) an. Zu Beginn der 1930er Jahre nannte er sich Arbeiter, ab 1934/1935 Händler. Das Paar hatte am 8. Oktober 1899 in Hamburg geheiratet.
Emil Schlüters drei Geschwister wurden zwischen 1892 und 1902 geboren. Der älteste Bruder Gustav Willi kam am 2. November 1892 in der elterlichen Wohnung in der Volksdorfer Straße 16 in Barmbek zur Welt. Ihm folgte am 5. Dezember 1900 in der Bethesdastraße 3 in Borgfelde die Schwester Frida Bertha und am 10. Januar 1902 der weitere Bruder Martin Albert Emil. Dieser Bruder lebte nur drei Jahre und zwei Monate. Er starb am 12. März 1905 im damaligen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf.
Die Lebensgeschichte dieser Familie liegt weitgehend im Dunkeln. Wir wissen weder, wie sich das Schicksal der Familie weiterentwickelte, noch wie Emil Schlüters Leben im Einzelnen verlief. Unklar geblieben ist auch, wie der Jahre vor der Heirat seiner Eltern geborene Gustav Willi laut Geburtsregistereintrag von Geburt an den Nachnamen Schlüter erhalten hat. Der Geburtsregistereintrag enthält dazu keinen Hinweis. Offen bleibt auch die Sterbeursache des mit drei Jahren gestorbenen Kleinkindes Martin Albert Emil.
Von Emil, dem Jüngsten der Familie, müssen wir annehmen, dass er an einer Geisteskrankheit litt. Dies folgt daraus, dass der 29jährige am 22. März 1935 aus der elterlichen Wohnung in der Kurzen Straße 8 (Hamburg-Neustadt) in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) aufgenommen wurde. Über sein weiteres kurzes Leben sind nur einige wenige Veränderungsdaten bekannt.
Emil Schlüter verbrachte vier Jahre in den damaligen Alsterdorfer Anstalten. Am 10. Mai 1939 wurde er zusammen mit mindestens dreizehn weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn verlegt. Von dort aus erfolgte am 3. April 1940 die Verlegung in einem Transport von 25 Personen nach Lübeck in die Heilanstalt Strecknitz.
Dieser Transport war einer von mehreren, die ab 1930 aufgrund eines Vertrages der Stadt Hamburg mit der Hansestadt Lübeck stattfanden. In der Lübecker Heilanstalt Strecknitz befand sich eine Hamburger Abteilung mit 400 Betten, die die Hansestadt Hamburg im Jahr 1930 für ihre Patienten finanziert hatte.
Nachdem in den späten 1930er Jahren wiederholt vergeblich versucht worden war, die Anstalt Strecknitz aufzulösen, wurde die lange beabsichtigte Räumung am 24. September 1941 sehr plötzlich vollzogen. Unter Leitung der "Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft" (GeKraT), einer Teilorganisation der "Euthanasie"-Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, wurden 605 Patientinnen und Patienten mit der Eisenbahn in die Heil- und Pflegeanstalten Eichberg, Weilmünster und in einem Fall nach Scheuern/Nassau abtransportiert. Nur 80 Patientinnen und Patienten blieben zurück.
302 Menschen des Transports aus Lübeck wurden in die Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster im heutigen Landkreis Limburg-Weilburg gebracht. Unter ihnen befand sich Emil Schlüter.
Weilmünster fungierte wie auch Eichberg und Scheuern während der ersten Phase der Krankenmorde als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn, in der die Menschen mit Kohlenmonoxid ermordet wurden. Nach dem offiziellen Ende der Gasmorde am 28. August 1941 wurde in den Zwischenanstalten weiter gemordet.
Über die Verhältnisse in Weilmünster berichtete der ehemalige Anstaltsgeistliche Walter Adlhoch im Jahr 1982:
"Sie bekamen nur Gemüse, sind auf den Stationen weithin eingegangen, hatten dauernd Durchfall. Die Wäsche reichte nicht mehr, die Betten waren durchgefault, die Matratzen. Da die Betten durchgefault waren, lagen die Sterbenden in der Badewanne im Wasser. Da hab‘ ich ihnen da drin die Krankensalbung gespendet, das Wasser grün gefärbt und mit Kot. Sie waren nur noch Haut und Knochen, Haut und Knochen."
Wir wissen nicht, wie es dem 36-jährigen Emil Schlüter in Weilmünster tatsächlich erging. Es ist jedoch sicher anzunehmen, dass sein Tod ähnlich wie von Walter Adlhoch berichtet durch Überdosierung von Medikamenten, pflegerische Vernachlässigung, vor allem aber durch systematisches Verhungernlassen herbeigeführt wurde.
Emil Wilhelm Heinrich Schlüter starb am 1. Dezember 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster. In der Sterbeurkunde steht als Todesursache "Gehäufte Anfälle bei Epilepsie".
Stand: November 2025
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Hamburg (mehrere Jahrgänge); StaH 332-5 Standesämter 6327 Geburtsregister Nr. 2772/1892 (Gustav Willi Schlüter), 13413 Geburtsregister Nr. 2140/1900 (Frida Bertha Schlüter), 13827 Geburtsregister Nr. 128/1902 (Martin Albert Emil Schlüter), 14713 Geburtsregister Nr. 70/1906 (Emil Wilhelm Heinrich Schlüter), 6418 Heiratsregister 540/1899 (Emil Friedrich Schlüter/Johanna Louise Wilhelmine Günter, 9656 Sterberegister Nr. 610/1905 (Martin Albert Emil Schlüter); Standesamt Weilmünster, Sterberegistereintrag Nr. 368/1941 (Emil Wilhelm Heinrich Schlüter). Harald Jenner, Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017, S. 480. Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat, Frankfurt/M 12. Aufl. Mai 2009, S. 427 (Gespräch mit Walter Adlhoch). Peter Delius, Das Ende von Strecknitz – Die Lübecker Heilanstalt und ihre Auflösung 1941, Kiel 1988, S. 27 ff. (Die Hamburger Verträge und die Erweiterung der Heilanstalt Strecknitz), S. 69 ff. (Die Auflösung der Heilanstalt Strecknitz im Jahre 1941), S. 81f. (Die Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster).

