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Emily Agnes Robinow
Emily Agnes Robinow
© Privatbesitz

Emily Agnes Robinow (geborene Kukla) * 1883

St. Benedictstraße 13 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
EMILY AGNES ROBINOW
GEB. KUKLA
JG. 1883
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT 1939
ENGLAND

Emily Agnes Robinow, geb. Kukla, geb. 21.2.1883 in Locken/Ostpreußen, Flucht nach London 1939, dort 1967 verstorben

St. Benediktstraße 13

Emily Agnes Kukla, verheiratete Robinow, wurde am 21.2.1883 im ostpreußischen Locken (polnisch Lukta), Kreis Osterode, geboren. Sie war das jüngste von vier Kindern der Eheleute Karl Franz Eduard Kukla, gebürtig aus Brünn (tschechisch Brno), und dessen Ehefrau Emily Augusta Hertz, gebürtig aus dem englischen Bradford. Während Karl Kukla einer katholischen Familie aus dem mährischen Brünn entstammte, die dort eine Fabrik für Parkettböden betrieb, stammte Emilys Mutter von zwei jüdischen Familien aus Hamburg ab. Dies waren der in Hamburg gebürtige Textilkaufmann Moses Martin Hertz (1821-1885) und die von sephardischen Juden abstammende Josephine de Lemos (geb. 1824), die 1845 in der Synagoge zu Altona getraut wurden.

Nach der Eheschließung ließ sich das junge Paar im englischen Bradford nieder. Emilys Großvater Martin Hertz, der sich 1861 hatte christlich taufen lassen, etablierte dort einen erfolgreichen Exporthandel für "woolens” nach Hamburg. Zuvor hatte seine Familie den Import dieser Waren nach Deutschland von Hamburg aus betrieben.

Dass die ersten Ehejahre von Emilys Eltern Karl und Emily Augusta Kukla durchaus wechselhaft waren, zeigen die unterschiedlichen Geburtsorte der drei älteren Geschwister Emilys an. Wurde ihr ältester Bruder Karl 1872 noch in Brünn geboren, kam das zweite Kind Josefa Maria Elizabeth, genannt Tita, 1876 in Wien zu Welt. Der Vater Karl Kukla war von Brünn mit seiner Familie nach Wien umgezogen, wo er im Bankgeschäft tätig war. Das dritte Kind des Ehepaars Kukla, Marie Wilhelmine Elise, genannt Mimi, kam 1877 in Berlin zur Welt. Um diese Zeit nahm Karl Kukla eine Stelle als Gutsverwalter im ostpreußischen Locken an, wo 1883 das jüngste Kind Emily geboren wurde. Von Locken zog die sechsköpfige Familie Kukla daraufhin nach Schleswig-Holstein um, wo sich die aus Bradford nach Deutschland zurückgekehrten Großeltern, Martin und Josephine Hertz, zunächst in Uhlenhorst, seit 1874 ein Vorort Hamburgs, niedergelassen hatten und sich dann auf einem Gut oder Bauernhof in Schleswig-Holstein auf ihr Altenteil zurückgezogen hatten.

Emilys Vater Karl, ein passionierter Geiger, begab sich bald darauf auf eine Musiktournee in die Vereinigten Staaten, von wo er nicht mehr nach Europa zurückkehrte, sondern in den USA an einem Herzinfarkt verstarb.

Für die nun vaterlosen Kinder wurde fortan im großelterlichen Haushalt Hertz Sorge getragen, wo sie im Beisein ihrer Mutter aufwuchsen. Der älteste Sohn Karl Kukla, geboren 1872, erhielt eine kaufmännische Lehre und ging schließlich nach England, wo er, nun in Charles umbenannt, in das großväterliche Geschäft Hertz einstieg, das er 1914 bereits leitete. Später verlegte dieses seinen Hauptsitz nach Manchester, wo Charles Kukla weiterhin Managing Director des Familienunternehmens blieb.

Charles Kuklas jüngere Schwestern traten, wie für bürgerliche Töchter damals üblich, alle in jungen Jahren in den "Hafen der Ehe” ein. Während die älteste, Tita, einen deutschen, nicht-jüdischen Offizier namens Theodor Pratsch heiratete, ehelichte ihre ein Jahr jüngere Schwester Mimi einen Benno Weinstein, mit dem sie nach Lissabon zog. Emily Agnes heiratete 1901 den 18 Jahre älteren Paul Melchior Robinow aus der gleichnamigen Hamburger Kaufmannsfamilie.

Er war 1865 in Hamburg als Sohn des Johannes Adolph Robinow (1838-1897) geboren worden und zum Zeitpunkt seiner Eheschließung ein gestandener Import-Export-Kaufmann. Bis zur Hochzeit mit Emily hatte er umfangreiche Auslandserfahrungen in Süd- und Nordamerika gemacht und war Partner der angesehenen Hamburger Handelsfirma Siegmund Robinow & Sohn, benannt nach seinem Großvater Siegmund Robinow (1808-1870). Paul M. Robinow war darüber hinaus Mitglied der Hamburger Kunsthalle, des Hamburger Kunstvereins und ein passionierter Sammler impressionistischer Kunst, die er der Kunsthalle für Ausstellungen vielfach als Leihgabe zur Verfügung stellte. Während des Ersten Weltkriegs war Paul M. Robinow im Auftrag der deutschen Regierung für die Nahrungsmittelbeschaffung im besetzten Belgien von Brüssel aus tätig gewesen, wofür er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Im Zuge des Anfang der 1920er Jahre aufflammenden Antisemitismus machte Robinow mit einem diskreten Hinweis (E.K.) im Adressbuch der Stadt Hamburg darauf aufmerksam, dass auch er sich um das deutsche Vaterland im verlorenen Kriege verdient gemacht hatte.

Die Söhne der wirtschaftlich erfolgreichen und verzweigten Hamburger Kaufmannsfamilie Robinow hatten im 19. Jahrhundert zwar zumeist jüdische Ehefrauen geheiratet, hatten sich in der Generation Paul Robinows jedoch zunehmend assimiliert und nicht selten dem protestantischen Glauben zugewandt. Sie blieben den Familien der assimilierten jüdischen Wirtschaftselite jedoch verbunden.

Das Ehepaar Emily und Paul M. Robinow, das bereits vor dem Ersten Weltkrieg in die Agnesstraße 38 in Hamburg-Winterhude zog, führte kein von jüdischen Traditionen und jüdischer Konfession geprägtes Leben. Seine vier Töchter, die ab 1902 zur Welt kamen, ließ das Ehepaar Robinow evangelisch taufen und auch konfirmieren. Die älteste Tochter Margot heiratete 1924 den protestantischen Kaufmann Hilmar Jürgens, die zweite Tochter Käthe, geboren 1904, hatte bereits 1923 den nicht-jüdischen Zahnarztsohn und Kaufmann Wilhelm Roloff geheiratet. Aus beiden Ehen gingen die drei ersten, allesamt in Hamburg geborenen Enkelkinder Emily Robinows hervor.

Als Emilys Ehemann Paul M. Robinow 1922 in Folge einer Operation unerwartet früh verstarb, machte sie dies fortan zur Witwe, was sie lebenslang blieb. Sie trat vorübergehend in das Unternehmen ein, welches sie zusammen mit dem Cousin ihres Mannes, dem Juristen und Bankier Carl Melchior (1871-1933), sowie mit ihrem Schwager, dem Hamburger Rechtsanwalt Richard Robinow (1867-1945) zu unterstützen versuchte.

Zunächst war Emily Robinow durch das Vermögen ihres verstorbenen Ehemannes zwar noch hinreichend finanziell abgesichert. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929 musste sie jedoch Werke aus der von Paul M. Robinow zusammengetragenen Sammlung impressionistischer Kunst veräußern. Mehrere Wohnortwechsel (1929: Oderfelderstraße 25; 1931: Winterhuderweg 31) deuten ihre finanziell zunehmend schwierige Lage an.

Einen weiteren Schlag bedeutet für Emily Robinow der Anbruch des Dritten Reiches. Trotz ihrer protestantischen Konfession wurde sie von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft im Zuge antisemitischer Gesetzgebung und Verfolgungsmaßnahmen schließlich außer Landes getrieben, ausgebürgert und finanziell ausgeplündert.

Ihren eigenen Kindern erging es nicht besser. Während ihre beiden jüngsten Töchter, Gertrud (Jg. 1909) und Erika (Jg. 1912) im Jahr 1933 beide die Söhne des deutsch-jüdischen Hamburger Industriellen Jacques Sonneborn heirateten, Ludwig und Edgar Sonneborn, warfen die Scheidungen ihrer beiden älteren Töchter Margot und Käthe von ihren beiden nicht-jüdischen Ehemännern bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dunkle Schatten auf die sich rasch verschlechternde Situation im Dritten Reich voraus: Während die nicht-jüdischen Ehemänner der beiden Robinow-Töchter Margot und Käthe zunächst einen Schutz vor deren antisemitischen Verfolgung hätten darstellen können, ebenso wie für die leiblichen Kinder, die aus diesen Ehen hervorgegangen waren, zogen beide Ehemänner es vor, ihre eigene gesellschaftliche und berufliche Position nicht durch Ehefrauen, die spätestens mit Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 aus staatlicher Sicht als Jüdinnen betrachtet wurden, zu gefährden.

Emily Robinows Schwiegersohn Wilhelm Rudeloff (1900-1979) war durch die Eheschließung mit Käthe Robinow (1904-1990) der geschäftliche Aufstieg in gehobene Unternehmerkreise Hamburgs gelungen, worin er durch Max Warburg, einen engen Freund und Vertrauten der Familie Robinow, in den 1920er Jahren unterstützt worden war. Emilys Tochter Margot war die erste, die nach ihrer Ehescheidung den Entschluss zur Flucht aus dem Deutschen Reich fasste und 1935 ihre beiden Söhne Paul und Curd Arthur mit nach England nahm. Die Töchter Gertrud und Erika, beide verheiratete Sonneborns, verließen Hamburg gemeinsam mit ihren jüdischen Ehemännern im Herbst 1937, Erika mit dem gerade erst im Januar geborenen ersten Kind Ronald Sonneborn. Emilys Tochter Käthe, geschiedene Roloff, verließ Hamburg 1938, gefolgt von ihrer eigenen Tochter Gisela, die zunächst bei ihrer Großmutter Emily in Hamburg geblieben war.

Emily Robinow war lange Zeit nicht bereit, ihre deutsche und Hamburger Heimat aufzugeben und tat dies nur widerstrebend. Nachdem ihre jüngsten Töchter Gertrud und Erika im September 1937 beide nach Großbritannien geflüchtet waren, dauerte es noch bis zum Frühjahr 1939, ehe sie durch einen leitenden Angestellten ihres Bruders Charles Kukla aus Großbritannien überzeugt werden konnte, Hamburg dringend zu verlassen. Nachdem Emily ihre Wohnung in Hamburg zuvor mehrfach hatte wechseln müssen (1935: Alsterkamp 7), überließ die mittlerweile 56jährige ihrer älteren Schwester, der Offizierswitwe Tita Pratsch, ihre Wohnung in der St. Benediktstraße 13 und floh Ende März/Anfang April über Holland aus dem Deutschen Reich.

Sie ließ sich in London nieder, wo sie mit den verschiedenen Mitgliedern ihrer Familie, besonders ihren Töchtern und Enkelkindern, in stetem Kontakt blieb. Emily überlebte zwar den Krieg, verlor durch die nationalsozialistische Verfolgung jedoch ihre deutsche Heimat und zahlreiche Angehörige. Ihre Schwester Tita, die den Zweiten Weltkrieg in Hamburg überlebt hatte, nahm sich 1946 aus Verzweiflung über ihre Vereinsamung und Isolation das Leben.

Emily selber wurde nach ihrer Flucht die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, weshalb der Oberfinanzpräsident (OFP) Hamburgs im März 1943 den "Verfall ihres Vermögens” beantragte. Zuvor hatte der OFP von der Gestapo die Mitteilung erhalten, dass "die obengenannte Jüdin [Emily Sara] Robinow im hiesigen Meldeamt angegeben hat, vier jüdische Großelternteile zu haben [daher … sei es] unwesentlich, ob sie bzw. ihre Vorfahren dem jüdischen Bekenntnisse angehört haben oder nicht".

Nach dem Krieg wurde Emily Robinow weiter finanziell diskriminiert. Im Oktober 1948 erhielt sie von den Hamburger Finanzbehörden die Aufforderung, Reichsfluchtsteuer zu bezahlen. Auf Veranlassung des Finanzamtes Hamburg-Nord wurden aus einem noch existierenden Sperrdepot Emily Robinows bei der Hamburger Bank Brinckmann, Wirtz und Co, Nachfolgerin der arisierten Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co. Aktien im Wert von 3689,80 DM verkauft, um ihre angebliche Steuerschuld zu begleichen. Der Reichsfluchtsteuerbescheid des Hamburger Fiskus von 1948 (!) wurde erst 1955 als rechtswidrige Maßnahme zurückgenommen. Ein Mitarbeiter des Hamburger Amtes für Wiedergutmachung, wo Emily Kukla 1961 einen Antrag auf Härteausgleich gestellt hatte, kommentierte damals: "Der Fall ist bedauerlich.” Erst im September 1965 wurde die von ihr 1949 erhobene Reichsfluchtsteuer zurückerstattet.
Emily Robinow starb 1967 in London.

Stand: April 2025
© Eva Pietsch

Quellen: Adressbücher der Stadt Hamburg; StA Hamburg Bestand 351-11_6412 Emily Robinow (Wiedergutmachungsakte); Dorothea Hauser, Rezension zu: Lorenz, Ina: Carl Melchior. Hamburger Jurist, internationaler Bankier, Politiker, Leipzig 2023, in: H-Soz-Kult, 17.09.2024, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-129781 (letzter Zugriff am 12.4.2025). Albert Heckscher, Stamtavlen Melchior, Kopenhagen 1920; Heinrich Lohmann, Der Bremer Fichtenhof und seine Bewohner, Bremen 2018 (zu Wilhelm und Käthe Roloff); Heiko Morisse, Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger jüdischen Juristen im Nationalsozialismus, Bd. 1: Rechtsanwälte, Göttingen 2013 (zu Richard Robinow); Eva Pietsch, Leo Stern und Jacques Sonneborn. Gründerunternehmer der Hamburger Mineralölindustrie, Göttingen 2025; Sylvia Steckmest, Die Robinows oder Hamburger, in: Maajan – Die Quelle, Nrn. 103-105, 2012, S. 4024-4155. Besonderer Dank gilt Ronnie Sonneborn (GB), der seine Erinnerungen an seine Großmutter Emily Robinow mit der Autorin teilte.

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