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Jenny Falck * 1870
Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)
HIER WOHNTE
JENNY FALCK
JG. 1870
DEPORTIRTZ 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET
Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Helene Biskupitzer, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Rosalie Falck, Leopold Falck, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Louis Hecker, Max Hecker, Marianne Minna Hecker, Lea Heymann, Alfred Heymann, Wilma Heymann, Paul Heymann, Alice Rosa Holländer, Gustav Holstein, Johanna Holstein, Ferdinand Justus, Ida Justus, Hannelore Justus, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Bernhard Leiserowitz, Gertrud Leiserowitz, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Heinz Lippmann, Johanna Löwe, Robert Löwenthal, Minna Meierstein, Marianne Melhausen, Martin Moses, Julius Pilatus, David Pollak, Adolf Julius Posner, Ida Prager, Anna Prager, Siegmund Rittlewski
Jenny Falck, geb. 11.10.1870 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 21.9.1942 nach Treblinka
Rosalie Falck, geb. Rittlewski, geb. 8.5.1861 in Hamburg, deportiert am 24.2.1943 nach Theresienstadt, dort verstorben am 6.5.1944
Siegmund Rittlewski, geb. 31.8.1864 in Hamburg, deportiert am 24.2.1943 nach Theresienstadt, dort verstorben am 13.3.1943
Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 40/42)
Rosalie Falck und Siegmund Rittlewski waren zwei der fünf Kinder des jüdischen Ehepaares Salomon Rittlewski und Betty, geb. Haarburger. Der ältere Bruder Heinrich kam am 17. April 1859 zur Welt. Nach Rosalie folgte am 28. Juli 1862 die Schwester Clara und nach Siegmund, die Jüngste, Hanna, am 7. Juli 1865. Der Vater Salomon Rittlewski war Schneidermeister von Beruf. Er stammte aus Tuchel, Kreis Kornits in Westpeußen und arbeitete später als Bote. Die Eltern hatten 1858 in Hamburg geheiratet und waren innerhalb der Neustadt mehrmals umgezogen. Bei Rosalies Geburt wohnten sie in der Straße Bei den Hütten 135 (heute Hütten), dann im Kraienkamp 18 (heute Krayenkamp) im Oppenheimer’s Stift, in der ehemaligen 2. Jacobstraße 26 (heute Jacobstraße) und in der ehemaligen Michaelisstraße 6, wo Salomon Rittlewski am 11. Mai 1885 verstarb. Seine Witwe verließ die Neustadt und zog in die Sternstraße 63; sie starb am 13. Dezember 1891.
Rosalies älterer Bruder Heinrich arbeitete im Hafen und lebte mit seiner Frau Rike, geb. Horwitz (geb. 24.6.1865), am Neuen Steinweg 78. Ihre Tochter Betty Beatrice wurde am 30. Juni 1892 geboren (s. Rudi und John Dan Taeger, www.stolpersteine-hamburg.de), Sohn Salomon am 26. Januar 1897. Heinrich Rittlewski starb am 15. Juni 1931, seine Frau Rike schon im Alter von 43 Jahren am 12. Juni 1909.
Die jüngere Schwester Clara Schauder, verwitwete Decke, geb. Rittlewski, wohnte in der Speckstraße 16 und arbeitete als Kaffeeverleserin. Sie starb am 16. Juni 1934 im Versorgungsheim Oberaltenallee. Der Lebensweg der jüngsten Schwester Hanna ist unbekannt.
Rosalie verdiente ihren Lebensunterhalt als Verkäuferin und war in der Poolstraße 28 gemeldet. Am 30. Januar 1894 heiratete sie den "Handelsmann" Ferdinand Falck. Ferdinand war am 21. November 1840 als Sohn des Wandsbeker Fuhrmannes Samuel Liepmann Falck und Rahel, geb. Mayer, geboren worden. Der Witwer war fast zwanzig Jahre älter als sie und hatte aus erster Ehe mit Friederike Falck, geb. Jacob, bereits erwachsene Kinder.
Am 21. September 1897 kam in der Schlachterstraße 40/42 im Marcus-Nordheim-Stift der gemeinsame Sohn Salomon zur Welt.
Ferdinand Falck starb im Alter von 76 Jahren am 20. November 1916, im gleichen Jahr, als sein Sohn Salomon in den Ersten Weltkrieg zog. Für seine Verdienste als Sanitätssoldat wurde Salomon mit dem Eiserne Kreuz II. Klasse und dem Ehrenkreuz mit Schwertern für Frontkämpfer ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde er als Reisender für die Holzverarbeitungsfabrik Holsatia-Werke in Ottensen tätig und änderte seinen Vornamen; er nannte sich nun Siegbert.
Seine Mutter Rosalie übernahm jetzt Heimarbeiten, sie nähte Totenbekleidung im Auftrag der "Israelitischen Beerdigungsbrüderschaft M. Josias" in der Bogenstraße 52. In ihrem Haushalt lebte ihr mittlerweile ertaubter Bruder Siegmund Rittlewski, der eine kleine Invalidenrente erhielt, sowie ab Oktober 1926 ihre unverheiratete Stieftochter Jenny Falck. Jenny arbeitete als "Strickerin" und war nach dem Tod ihrer Mutter Friederike am 3. März 1892 als Köchin in verschiedenen Haushalten tätig und wohnte wahrscheinlich auch bei ihren jeweiligen Arbeitgebern. Nachdem sie arbeitslos geworden war, fand sie, angeblich aufgrund ihres Alters, nur noch aushilfsweise eine Beschäftigung. Zwischenzeitlich bezog sie Fürsorgeleistungen.
Ihr Halbbruder Siegbert/Salomon Falck heiratete am 6. Februar 1923 die sieben Jahre ältere Schneiderin Lina Heimann, geboren am 29. Januar 1892. Deren Vater Bernhard Heimann (geb. 12.5.1860, gest. 5.10.1918) war Uhrmacher und besaß im Neuen Steinweg 36 ein Geschäft, dass die Mutter Sophie, geb. Cohn (geb. 1867 in Lübeck), nach dem Tod ihres Mannes noch einige Jahre weiterführte.
Siegberts/Salomons und Linas erstes Kind Hilde kam am 16. Dezember 1924 zur Welt, Ruth folgte am 16. Juni 1929. Siegbert/Salomon wurde Gemeindebeamter der orthodoxen Synagogengemeinde "Vereinigte Alte und Neue Klaus" auf dem Jüdischen Friedhof in Langenfelde und erhielt mit seiner Familie eine Dienstwohnung im Försterweg 43 in Hamburg-Stellingen. Neben seiner Aufgabe als Friedhofsaufseher machte er sich mit einem Grabsteinhandel, einer kleinen Gärtnerei und der Instandsetzung von Gräbern selbstständig, zunächst in Hamburg-Ohlsdorf in der Fuhlsbüttelerstraße 685, dann im Försterweg 43.
Die Ehe wurde nicht glücklich, seit 1935 gingen Lina und Siegbert/Salomon im Hause Försterweg getrennte Wege. Im April 1940 wurde die Ehe geschieden.
Siegbert/Salomon Falck heiratete zwei Monate später seine Freundin Lieselotte Rosenberg (s. www.stolpersteine-hamburg.de) und zog zu ihr und den Schwiegereltern Harry und Bettina Rosenberg (s. www.stolpersteine-hamburg.de) in die Bogenstraße 25.
Als Siegbert/Salomon und Lieselotte Falck auf die Deportationsliste für den ersten Transport am 25. Oktober 1941 ins Getto "Litzmannstadt" nach Lodz gesetzt wurden, er mit der Berufsbezeichnung Grabsteinhändler, wohnten sie im "Judenhaus" in der Dillstraße 20. Bis zuletzt hatten sie auf die Hilfe eines Freundes in den USA gehofft. Doch die erforderliche Bürgschaft, ein Affidavit, erhielten sie nicht.
Das Ehepaar Falck überlebte den ersten Winter im Getto. Es war dort am Altmarkt 4 untergebracht, als es im Mai 1942 eine "Ausreiseaufforderung" für einen Abtransport mit unbekanntem Ziel erhielt. Siegbert/Salomon wandte sich in einem Schreiben an die "Ausreise-Kommission" in der Hoffnung auf eine Rücknahme der Aufforderung. Er verwies auf seine Kriegsauszeichnungen und auf seine Tätigkeit vom November 1941 bis zum 20. April 1942, als "O. D. Mann beim V. Revier". Sein Antrag wurde genehmigt.
Lieselotte Falck verstarb am 30. Juni 1943 im Alter von 31 Jahren an einer Lungentuberkulose im "Getto-Hospital". Siegbert/Salomon wurde nach Auflösung des Gettos, angesichts des Vormarsches der Roten Armee, im August 1944 nach Tschenstochau (Czestochowa) südlich von Warschau in ein von der SS verwaltetes Zwangsarbeiterlager für den Rüstungskonzern "HASAG" (Hugo Schneider AG) verlegt. Die Häftlinge arbeiteten unter mörderischen Bedingungen in einer Munitionsfabrik und im Stahlwerk. Am 24. Dezember 1944 wurde Siegbert/Salomon Falck mit einem Massentransport in das KZ Buchenwald eingeliefert. Mit der Haftnummer 11874 wurde er dort als "jüdischer Häftling" und der Berufsangabe "Krankenpfleger" registriert.
Siegbert/Salomon wurde zunächst im "Kleinen Lager", einer Quarantänezone, untergebracht und kam dann ins Hauptlager in den Block 47, wo die Lebensbedingungen besser waren. Ab März 1945 musste er Zwangsarbeit in einem Baukommando leisten, zuletzt Instandhaltungsarbeiten in der nahegelegenen SS-Siedlung in Kleinobrigen, obwohl er seit 1942 linksseitig gehbehindert war. Siegbert/Salomon Falck starb kurz vor Auflösung des Lagers am 29. März 1945 im Krankenbau des "Kleinen Lagers". Als Todesursache wurde ein infektiöser Magen-Darmkatarrh angegeben.
Seine Mutter Rosalie war im Oktober 1939 mit ihrem Bruder Siegmund und der Stieftochter Fanny von der Jüdischen Gemeinde in das "Lazarus-Samson-Cohen-Eheleute und Levy-Hertz-Eheleute Stift" im Neuen Steinweg 78 umquartiert worden.
Der Grund waren Umbauarbeiten im "Marcus-Nordheim-Stift" zum Altenheim "Nordheim-Stift", um Einweisungen der alten und alleinstehenden Personen in staatliche Versorgungs- oder Pflegeheime zu vermeiden. Die bestehenden Altenheime der Gemeinde waren bereits überbelegt. Im Dezember zogen sie in die Schlachterstraße 40/42 zurück. Jenny Falck erhielt ihren Deportationsbefehl für den 19. Juni 1942, sie wurde gemeinsam mit ihrem Bruder Samuel Siegfried Falck (geb. 18.7.1872), der früher ein Milchgeschäft im Grindelviertel betrieben hatte, und nun mit seiner Frau Minna, geb. Cohen (geb. 31.5.1872), im "Judenhaus" Schlachterstraße 46/47 leben musste, nach Theresienstadt deportiert. Samuel Siegfried und Minna Falcks einziges Kind James Falck (geb. 11.8.1902), bis zum Berufsverbot Heilpraktiker in der Brahmsallee 23, befand sich bereits am 8. November 1941 mit seiner Frau Judith, geb. Gräper (geb. 18.9.1909) und Tochter Bescha (geb. 11.1.1939) in einem Transport, der ins Getto nach Minsk ging.
Als dann Rosalie mit ihrem Bruder Siegmund am 24. Februar 1943 aus dem "Judenhaus" in der Beneckestraße 6 nach Theresienstadt deportiert wurde, fanden sie im Getto niemanden aus ihrer Familie mehr vor: Jenny Falck war bereits am 21. September 1942 mit einem Transport ins Vernichtungslager Treblinka gebracht worden. Ihr Bruder Samuel Siegfried Falck starb am 11. Oktober 1942, kurz darauf, am 3. November, auch seine Frau Minna.
Rosalie Falck verstarb am 6. Mai 1944 in Theresienstadt, sie überlebte ihren Bruder Siegmund, der bereits am 13. März 1943 im Getto verstorben war.
Ihre Enkeltöchter: Ruth, Schülerin an der jüdische Fachschule für Schneiderinnen in der Heimhuderstraße 70, und die dreizehnjährige, schwer herzkranke und an Gelenk-Rheumatismus leidende Hilde wurden am 11. Juli 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter Lina aus dem Försterweg 43 nach Auschwitz deportiert. An sie, sowie an Siegbert/Salomon Falck erinnern Stolpersteine im Försterweg 43 (s. www.stolpersteine-hamburg.de).
Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl
Quellen: 1; 3; 5; 7; 9; StaH 351-11 AfW 19952 (Falck, Salomon); StaH 351-11 AfW 32425 (Rosenberg, Edith); StaH 621-1/84_2 (Firmenarchiv Ernst Kaufmann); StaH 332-5 Standesämter 1978 u 2186/1880; StaH 332-5 Standesämter 182 u 1547/1885; StaH 332-5 Standesämter 2744 u 1230/1889; StaH 332-5 Standesämter 2829 u 106/1894; StaH 332-5 Standesämter 2433 u 3242/1897; StaH 332-5 Standesämter 2924 u 272/1899; StaH 332-5 Standesämter 747 u 1158/1916; StaH 332-5 Standesämter 8047 u 630/1918; StaH 522-1 Jüdische Gemeinden 391 Mitgliederliste 1935; StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1142 (Falck, Jenny); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1140 (Falck, Samuel Siegfried); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1143 (Falck, James); StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e Band 2; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e Band 5; StaH 522-1 Jüdische Gemeinden 388 a, Liste der Hamburger Juden ohne Jahr (kurz nach 1914); Lodz Hospital, Der Hamburger Gesellschaft für Genealogie zur Verfügung gestellt von Peter W. Landé, 2009, USHMM, Washington, bearbeitet von Margot Löhr; Auskunft aus der Gedenkstätte Buchenwald von Torsten Jugi, E-Mail vom 22.3.2016; Sparr: Stolpersteine, S. 184.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

