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Rosa Vogel (geborene Israel) * 1867
Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)
HIER WOHNTE
ROSA VOGEL
GEB. ISRAEL
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET
Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
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Rosa Vogel, geb. Israel, geb. 20.6.1867 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 21.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka
Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 40/42)
"Die alten Eheleute Vogel bewohnen die 3 Zimmerwohnung in der Nordheimstiftung allein, da Untermieter nicht aufgenommen werden dürfen. Die Miete von RM 6,50 soll schon 7 Monate nicht gezahlt worden sein. Weil die Einnahmen zu gering waren, die Rente verpfändet ist und der Ehemann seither krank ist. Eine Schuhreparatur für den Ehemann kann befürwortet werden; es handelt sich um 1 Paar gut gehaltene Stiefel. Da Vogel schon seit dem 9.12. im Krankenhaus liegt, kommt nur für die Ehefrau eine Unterstützung in Frage und da möchte ich RM 7,- befürworten", notierte eine Mitarbeiterin der Wohlfahrtsbehörde am 15. Dezember 1931 nach einem Hausbesuch. Seit November 1926 war das Ehepaar Vogel auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. Seine vier Söhne hatten ihre eigenen Haushalte gegründet, waren während der Weltwirtschaftskrise zeitweise ohne Arbeit und konnten die Eltern nur geringfügig unterstützen.
Das Ehepaar Rosa und Isaac Vogel hatte am 9. April 1895 geheiratet. Beide waren in Hamburg in jüdischen Familien zur Welt gekommen. Rosa war am 20. Juni 1867 in der 2. Elbstraße 40 (heute Neanderstraße) geboren worden. Der Vater Eduard Esaias Israel, ein "Handelsmann" (Kaufmann), war früh im Alter von 43 Jahren am 4. Juni 1878 gestorben und noch auf dem alten Begräbnisplatz der Israelitischen Gemeinde auf dem Grindelfriedhof beerdigt worden. Ihre Mutter Rechl, geb. Cohn, Rieke genannt, stammte aus Niendorf bei Lübeck. Sie starb im Alter von 55 Jahren am 4. November 1897 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel in Ohlsdorf begraben.
Isaac Vogel war am 27. Dezember 1863 als Sohn von Levy Vogel und Sophie, geb. Finkenberg, zur Welt gekommen (s. Sara Vogel und Flora Vogel www.stolpersteine-hamburg.de). Er wurde Jonny genannt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Marktreisender. Zum Zeitpunkt der Eheschließung mit Rosa wohnte er in der Lincolnstraße 15 im Stadtteil St. Pauli. Isaac Vogel war in erster Ehe mit Emma Simonsohn (geb. 25.12.1864, gest. 14.5.1925) verheiratet gewesen, damals, am 24. Mai 1887, gab er beim zuständigen Standesamt als Beruf "Krankenwärter" an. Die Ehe war nach vier Jahren geschieden worden.
Rosa und Isaac Vogel wohnten an verschiedenen Adressen, u. a. in der 2. Elbstraße 21 (heute Neanderstraße), am Schulterblatt 22 und im Neuen Steinweg 37/38. Um 1917 zogen sie mit ihren vier Söhnen ins jüdische Marcus-Nordheim-Stift, in die Schlachterstraße 40/42, Haus 5. Der älteste Sohn Louis war am 15. November 1897 geboren worden, Eduard folgte am 15. März 1899, Julius am 27. November 1901 und der jüngste, Walter, am 19. März 1907. Die finanzielle Lage der Familie wurde schwierig, als Isaac Vogel schwer erkrankte. Seit 1921 hatte er eine Tätigkeit als Kontorbote ausgeübt, der er nun nicht mehr geregelt nachgehen konnte. Isaac Vogel war auch Mitglied in der "Beerdigungsbrüderschaft der Deutsch-Israelitischen Gemeinde", die über die Einhaltung der rituellen Vorschriften bei Begräbnissen wachte. Im Dezember 1931 musste er dort nach einem Schwächeanfall ausscheiden.
Da die geringen Fürsorgeleistungen zum Lebensunterhalt nicht ausreichten, übernahm Rosa die Totenwache für die weiblichen Verstorbenen der Jüdischen Gemeinde, eine Tätigkeit, die sie sich mit zehn anderen Frauen teilte. Isaac Vogel verstarb am 31. August 1932 im Alter von 68 Jahren. Nach seinem Tod erhielt Rosa eine monatliche Rente von 13,20 Reichsmark (RM) und wurde von der Jüdischen Gemeinde mit 4 RM wöchentlich unterstützt.
Drei Jahre später, am 2. Juni 1935, verstarb auch ihr zweitältester Sohn. Der Tapezierer und Lagerarbeiter Eduard Vogel war an Krebs erkrankt. Er ließ seine Frau Clara Vogel (s. www.stolpersteine-hamburg.de), geb. Meierstein, die er im Juni 1927 geheiratet hatte, mit den noch unmündigen Kindern Edith (geb. 10.5.1928) und Hildegard (geb. 14.2.1930) in der Schlachterstraße 40/42, im Nachbarhaus-Nr. 3, unversorgt zurück.
Eduards Bruder Julius Vogel konnte seine Schwägerin nicht unterstützen. Mit seiner nichtjüdischen Ehefrau Irmgard, geb. Kern (geb. 2.11.1909), und den Kindern Ingrid (geb. 1933) und Ronald (geb. 1935) wohnte er in der nahegelegenen Straße Kohlhöfen 41. Julius Vogel hatte als Expedient gearbeitet, fand als Jude aber mittlerweile keine Beschäftigung mehr. Im Juni 1936 beschloss das Ehepaar, nach Brasilien zu emigrieren, wo Irmgards Mutter und ihre Geschwister bereits lebten.
Der Nächste, der Deutschland verließ, war Julius´ Bruder Louis Vogel. Louis hatte am 3. Januar 1922 die Schwester seiner Schwägerin Clara, Alice Goldschmidt, geb. Meierstein (geb. 28.4.1892), geheiratet. Louis und Alice Vogel wohnten mit ihren gemeinsamen Kindern Kurt (geb. 2.11.1920) und Lilli (geb. 11.6.1922) und mit Käthe Goldschmidt (geb. 18.3.1912), Alices Tochter aus erster Ehe mit Sussmann Goldschmidt, in der Peterstraße 45. Louis Vogel arbeitete als Schauermann beim Hafenbetriebsverein. 1929 wechselte er als Bühnenmeister an das Varieté- und Revuetheater "Ballhaus Trichter". Ende 1931 musste er diese Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und fand nach seiner Genesung 1933, wie seine Brüder, keine geregelte Arbeit mehr. Die Ausweglosigkeit der wirtschaftlichen Situation - der Umzug in eine mietfreie Wohnung im Marcus-Nordheim-Stift war bereits erfolgt - veranlasste Louis Vogel im April 1937, in die Niederlande zu gehen, wo er jedoch keine Arbeitserlaubnis erhielt und nach Hamburg zurückkehren musste. Kurz darauf, im August, musste er sich bei der Gestapo melden. Er sollte zwischen einer Unterbringung in einem Konzentrationslager und der Ausreise aus Deutschland innerhalb von zehn Tagen wählen. Am 24. September 1937 emigrierte Louis Vogel mit seiner Familie "Hals über Kopf" nach Uruguay und von dort weiter nach Buenos Aires.
Der jüngste Bruder Walter Vogel, der als Letzter sein Elternhaus verließ, war durch seine politische Tätigkeit und als Jude doppelt gefährdet. Nach Beendigung der Talmud Tora Schule hatte er den Beruf des Malers und Tapezierers in einer Firma am Hafen in der Karpfangerstraße erlernt. Am 24. Dezember 1930 heiratete er Elisabeth Maria, geb. Wiedl (geb. 5.10.1909 in Langenfelde), die zum Judentum konvertiert war. Die religiöse Trauung vollzog am darauffolgenden Tag Bruno Italiener (geb. 6.2.1881, gest. 17.7.1956), Rabbiner des Israelitischen Tempelverbandes. Das junge Paar wohnte zunächst in der Straße Kohlhöfen 41, später am Grindelberg 9a. Walter Vogel arbeitete bis Ende 1932 als Schiffsmaler bei der Reederei "Hamburg-Amerika-Linie" und hielt sich dann mit Gelegenheitsarbeiten, die er für kleine jüdische Unternehmen verrichtete, über Wasser. Walter Vogel war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) und des Roten Frontkämpferbundes (RFB); seine erste Festnahme aus politischen Gründen erfolgte am 25. Februar 1934. Bis zur Gerichtsverhandlung, genau ein Jahr später, blieb er als Untersuchungshäftling in der Strafanstalt Fuhlsbüttel in Einzelhaft. Das Hanseatische Sondergericht verurteilte ihn wegen seiner Zugehörigkeit zur verbotenen KPD zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe, die er bis zum 30. August 1935 verbüßte.
Am 13. Januar 1937 kam Tochter Marion zur Welt, kurz nach ihrer Geburt, am 11. April, geriet Walter Vogel aus unbekannten Gründen für einen Monat in "Schutzhaft". Am 23. Juni 1938 gehörte Walter Vogel zu den etwa 200 jüdischen Männern, die wegen einer früheren Verurteilung während der "Juni-Aktion" von der Gestapo verhaftet wurden. Seine Entlassung am 14. September 1938 aus dem KZ Sachsenhausen erfolgte unter der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen. Im November 1938 emigrierte er ohne seine Familie über Paraguay nach Buenos Aires zu seinem Bruder Louis.
Elisabeth Vogel verließ mit Tochter Marion das Grindelviertel und zog in den Brauerknechtgraben 45. Sie fand Arbeit in der Zigarrengroßhandlung von Emil Wolsdorff und konnte so den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter sichern. Am 2. Februar 1940 folgten sie Walter nach Argentinien.
Rosa Vogel blieb allein in Hamburg zurück. Die letzte Nachricht seiner Mutter erreichte Walter mit dem Datum "Oktober 1941". Rosa Vogel zog zu ihrer verwitweten Schwiegertochter Clara Vogel und den Enkelkindern Edith und Hildegard in die Kirchenstraße 18 nach Altona. Sie bewohnten die Kellerräume des Hauses, das sich noch im Besitz des Jüdischen Religionsverbandes Hamburg, Zweigstelle Altona, befand und als eines der sogenannten Judenhäuser zur Vorbereitung der Deportationen diente.
Clara Vogel wurde am 6. Dezember 1941 mit ihren Töchtern nach Riga deportiert. Edith war dreizehn Jahre alt, ihre Schwester Hildegard elf. Beide wurden an der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße als fleißige Schülerinnen geschildert. Ihre halbjährlichen Zeugnisse Nr. 7108 und 7110 enden im Juli 1941 mit dem Vermerk: "Abgewandert am 6. Dez. 1941".
Rosa Vogel lebte zuletzt wieder in der Schlachterstraße, sie wurde im jüdischen Altenheim "Nordheim-Stift" einquartiert. Am 19. Juli 1942 kam sie mit einem der Großtransporte in das "Altersgetto" nach Theresienstadt. Am 21. September 1942 wurde Rosa Vogel im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Julius Vogel verließ 1949 Brasilien und zog zu seinen Brüdern nach Argentinien.
Louis Vogel starb am 27. März 1954, Walter Vogel am 9. März 1960. Nach ihrem Tod kehrte Julius Vogel 1964 nach Deutschland zurück, wo er am 30. April 1966 verstarb.
Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl
Quellen: 1; 3; StaH 351-11 AfW 25259 (Vogel, Julius); StaH 351-11 AfW 19624 (Vogel, Walter); StaH 351-11 AfW 34379 (Vogel, Lisbeth); StaH 351-11 AfW 34400 (Vogel, Irmgard); StaH 351-11 AfW 14727 (Vogel, Alice); StaH 351-11 AfW 2503 (Meierstein, Minna); StaH 551-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1970 (Vogel, Isaak); StaH 332-5 Standesämter 52 u 1661/1878; StaH 332-5 Standesämter 1038 u 275/1935; StaH 332-5 Standesämter 3427 u 2/1922; StaH 332-5 Standesämter 2847 u 295/1895; StaH 352-5 Todesbescheinigung 1935, Sta 2a, 275; StaH 332-5 Standesämter 416 u 1879/1897; StaH 332-5 Standesämter 3552 u 427/1927; StaH 332-5 Standesämter 13432 u 850/1930.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

