Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Lissy von Halle * 1904

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
LISSY VON HALLE
JG. 1904
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Helene Biskupitzer, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Jenny Falck, Rosalie Falck, Leopold Falck, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Louis Hecker, Max Hecker, Marianne Minna Hecker, Lea Heymann, Alfred Heymann, Wilma Heymann, Paul Heymann, Alice Rosa Holländer, Gustav Holstein, Johanna Holstein, Ferdinand Justus, Ida Justus, Hannelore Justus, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Bernhard Leiserowitz, Gertrud Leiserowitz, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Heinz Lippmann, Johanna Löwe, Robert Löwenthal, Minna Meierstein, Marianne Melhausen, Martin Moses, Julius Pilatus, David Pollak, Adolf Julius Posner, Ida Prager, Anna Prager

Lissy Ledica von Halle, geb. 11.1.1904 in Hamburg, deportiert am 10.3.1943 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 12.10.1944 nach Auschwitz

Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 46/47)

Lissy Ledica von Halle und ihre Mutter Jenny gehörten offenbar zu den letzten langjährigen Bewohnerinnen und Bewohnern des jüdischen Lazarus-Gumpel-Stifts in der ehemaligen Schlachterstraße 46/47. Diese Stiftung für Freiwohnungen in Hamburg war im Jahre 1837 von dem wohlhabenden jüdischen Kaufmann Lazarus Gumpel (geb. 1770, gest. 1843) für ordentliche und tätige, aber unbemittelte Familien gegründet worden.

Anfang September 1942 wurden die Grundstücke der Stiftung von der Hansestadt Hamburg "übernommen". Ende Januar 1943 erfolgte dann auf Anordnung der Staatsverwaltung die Aufhebung der Stiftung. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Wohnungen infolge der Deportationen bereits frei geworden. Die letzten Bewohnerinnen und Bewohner des Lazarus-Gumpel-Stifts wurden in andere "Judenhäuser" umquartiert. Lissy und Jenny von Halle erhielten eine Unterkunft in der Beneckestraße 2. Die Grundstücke 2 bis 6 gehörten noch dem "Jüdischen Religionsverband Hamburg e. V.", Nachfolger der ehemaligen Jüdischen Gemeinde, wo Lissy im Verwaltungsbüro der Zweigstelle der übergeordneten "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" als Kassiererin beschäftigt war. Im Juli 1943 wurden die Häuser in der Schlachterstraße während der Luftangriffsserie der "Operation Gomorrha" zerstört.

Lissy Ledica von Halle war am 11. Januar 1904 als Tochter des Schlachters Mordechai/Max von Halle (geb. 4.9.1871) und seiner Ehefrau Jenny, geb. Magnus (geb. 10.11.1866), in Hamburg zur Welt gekommen. Wie ihre jüngere Cousine Lilli von Halle (s. Albert und Rosa von Halle www.stolpersteine-hamburg.de) erhielt auch Lissy ihren zweiten Vornamen zur Erinnerung an ihre am 25. Januar 1890, im Alter von 48 Jahren, verstorbene Großmutter Ledica von Halle. Die Großmutter stammte aus der sephardischen jüdischen Familie de Lemos, die vor Generationen wegen ihres Glaubens von der Iberischen Halbinsel vertrieben worden war. Sie hatte in Hamburg den Lotteriekollekteur Martin von Halle (geb. 11.6.1841, gest. 12.2.1928) geheiratet. Ihre sieben Kinder wuchsen in der Elbstraße (heute Neanderstraße) auf.

Die Großeltern mütterlicherseits, der Schuhmachermeister und spätere Kaufmann Bendix Magnus (geb. 4.3.1836, gest. 17.11.1916) und Sorel Dorothea, geb. Bandmann (geb. 7.31835 in Militsch, gest. 24.9.1912), wohnten in der Nachbarschaft, viele Jahre in der Peterstraße 62 und später am Großneumarkt 56.

Lissys Eltern hatten am 24. Dezember 1900 geheiratet, dem Jahr, in dem ihr Vater auch eine Fleischwarenhandlung eröffnete. Zunächst befand sie sich in der 2. Marienstraße 20 (ab 1940 Jan-Valkenburg-Straße), dann Kohlhöfen 39. 1902 verzeichnete ihn das Hamburger Adressbuch in der Eckernförderstraße 60 (heute Simon-von-Utrecht-Straße) als Inhaber einer Steinkohlenhandlung, die er 1905 in die Elbstraße 123 verlegte. Lissy kam dann in der Marcusstraße 42 (heute Markusstraße) zur Welt. Ihre Eltern bezogen 1914 die Stiftswohnung in der Schlachterstraße 46/47, Haus 7; ab diesem Zeitpunkt fuhr ihr Vater als Steward zur See. Ab 1927 verzeichneten ihn die Hamburger Adressbücher mit der Berufsangabe "Arbeiter". Mordechai/Max von Halle erkrankte an Lungentuberkulose, er verstarb am 7. April 1939 im Israelitischen Krankenhaus und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel in Ohlsdorf beerdigt.

Lissy erhielt eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Buchhalterin, bis sie wegen ihrer jüdischen Herkunft nur noch stundenweise eine Beschäftigung fand. Sie arbeitete dann im Verwaltungsbüro des Jüdischen Religionsverbandes, wie sich die Jüdische Gemeinde seit Anfang 1938 nennen musste.

Am 10. März 1943 wurden die Namen von Lissy von Halle und ihrer Mutter Jenny auf die Deportationsliste für einen Transport mit weiteren 51 Personen ins "Vorzugs"-Getto nach Theresienstadt in die besetzte Tschechoslowakei gesetzt. Der "Vorzug" wurde ihr als Mitarbeiterin des Religionsverbandes gewährt. Im Getto wurden sie in der Seestraße 121, Zimmer 18 einquartiert. In Theresienstadt war ein zensierter Postverkehr erlaubt. Überlebenswichtig war der Erhalt von Lebensmittelpaketen, sofern es noch Angehörige oder Bekannte gab.

Am 14. September 1944 bedankten sich Jenny und Lissy von Halle ein letztes Mal bei den Mitgliedern der Hamburger Gemeinde. Sie war, ebenso wie die übergeordnete Reichsvereinigung, am 10. Juni 1943 auf Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes aufgelöst worden, die Gestapo ließ nur noch einen sehr eingeschränkten Zusammenschluss zu, die sogenannte Rest-Reichsvereinigung, die die in "Mischehen" Lebenden betreute. Ihre Postkarte erhielt Fritz Katz in der Dillstraße 15.
"Meine Lieben. Vorerst will ich Euch einmal persönlich danken für die wunderschönen Päckchen, deren Inhalt ich sehr, sehr gut verwenden kann. Es ist so lieb von Euch, dass Ihr in so rährender [rührender; Tippfehler] Weise an uns denkt. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was fär [für; Tippfehler] ein schönes Gefähl [Gefühl; Tippfehler] es für uns ist zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die in Liebe unserer gedenken. Ich muss Euch heute mitteilen, dass infolge der allgemeinen Posteinschränkungen wir nur noch jede 8 Wochen schreiben können, während Ihr uns jede 4 Wochen entweder 1 Brief oder 1 Postkarte senden könnt über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Berlin. Pakete bleiben von der Neuregelung vollständig unberührt und erreichen uns nach wie vor direkt. Es geht mir und meiner Mutter gesundheitlich G.s.D. gut. Ich wünsche Euch weiter alles Gute, bleibt gesund. Allen ehemaligen Kollegen, die noch dort sind ebenfalls recht herzliche Grüsse. Vielleicht macht es sich, dass Herr Elias Frau Dschüs bald einmal sieht und spricht [vermutlich eine verschlüsselte Nachricht]. Für heute recht, recht herzliche Grüsse Eure Lissy von Halle + Jenny von Halle".

Knapp einen Monat später wurde Lissy von ihrer Mutter getrennt. Am 12. Oktober 1944 wurde Lissy mit einem Transport nach Auschwitz-Birkenau verbracht, wo sie ermordet wurde.

Jenny von Halle gehörte zu den wenigen Personen, die ihre Deportation von Hamburg nach Theresienstadt überlebten. Sie wurde am 8. Mai 1945 von sowjetischen Truppen befreit.

Jenny von Halles Schwester Emma Elkeles, geb. Magnus (geb. 16.6.1871, gest. 16.6.1945 in Jerusalem), hatte mit ihrer Familie Deutschland noch rechtzeitig verlassen können, allerdings blieb eine ihrer Töchter, Ilse Wagener, geb. Elkeles (geb. 30.7.1898), in Hamburg zurück (s. Ilse und Max Moses Wagener, Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek und Eilbek). Sie wurde mit ihrer Familie am 25. Oktober 1941 ins Getto "Litzmannstadt" nach Lodz deportiert. Jenny von Halle schrieb nach dem Krieg an ihre Nichte Edith Basch, geb. Elkeles (geb. 8.8.1903), Ilse Wageners jüngere Schwester in New York: "Sie [Ilse] war dort mit Max und den Kinder zusammen. Wir haben ein halbes Jahr korrespondiert. Sie durfte uns jeden Monat schreiben. Und wir durften Pakete schicken und haben es auch fleißig getan. Genau wie Lissy’s Verlobter, der mit Ilse zusammen in Litzmannstadt war. Wir konnten es Gott sei Dank, da Lissy in der Jüdischen Gemeinde war und gut verdiente und ich meine Rente hatte. Wir waren auch bis zur Auflösung der Gemeinde, da Lissy immer wieder als unentbehrlich galt, in Hamburg verblieben, das war im März 43 [...]."

Jenny von Halle ist am 6. August 1946 in Hamburg verstorben, ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkopel in Ohlsdorf neben ihrem Ehemann.

Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 9; StaH 332-5 Standesämter 9145 u 1584/1898; StaH 332-5 Standesämter 2947 u 1382/1900; StaH 332-5 Standesämter 14228 u 98/1904; StaH 332-5 Standesämter 672 u 689/1912; StaH 332-5 Standesämter 747 u 1146/1916; StaH 332-5 Standesämter 1103 u 214/1939; StaH 332-5 Standesämter 672 u 689/1946; StaH 522-1 Jüdische Gemeinden Abl. 1993/01 Ordner 15; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 5; StaH 351-11 AfW 21551 (Wagener, Ilse); Stein: Stiftung, S. 195, S. 224; Meyer: Verfolgung, S. 79-87.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

druckansicht  / Seitenanfang