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Bereits verlegte Stolpersteine



Dora, Frieda, Pinkas, Jakob Salo und Leo Ziegel (von links)
Dora, Frieda, Pinkas, Jakob Salo und Leo Ziegel (von links)
© Privatbesitz

Frieda Ziegel * 1922

Jessenstraße 10a-16 (Altona, Altona-Altstadt)


HIER WOHNTE
FRIEDA ZIEGEL
JG. 1922
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
KINDERTRANSPORT 1938
ENGLAND

Weitere Stolpersteine in Jessenstraße 10a-16:
Pinkas Ziegel, Dora Ziegel, Leo Ziegel, Jakob Salo Ziegel

Pinkas Ziegel, geb. 15.7.1888 in Lysiec (heute Lysets, Ukraine), zwangsweise abgeschoben am 28.10.1938 über die deutsch-polnische Grenze bei Zbąszyń (deutsch: Bentschen), ermordet

Dora Ziegel, geb. Wagner, geb. 2.6.1890 in Skole (heute Skole, Ukraine), zwangsweise abgeschoben im August 1939 über die deutsch-polnische Grenze, ermordet

Leo Ziegel, geb. 20.10.1918 in Hamburg, 1939 bis 1945 Haft und Zwangsarbeit in mehreren Konzentrationslagern, überlebt

Frieda Staszewski, geb. Ziegel, geb. 20.5.1922 in Hamburg, Kindertransport nach England Dezember 1938, überlebt

Jakob Salo Ziegel, geb. 7.10.1927 in Hamburg, Kindertransport nach England 14.7.1939, überlebt

Jessenstraße 10a-16 (ehemals Funkstraße 2)

Pinkas Ziegel war am 15. Juni 1888 in der galizischen Ortschaft Lysiec (heute Lysets, Ukraine) als Sohn von Jakob und Frumed Ziegel geboren worden. Über Herkunft und Alter seiner Eltern haben wir keine Angaben. Er hatte drei Geschwister: Adolf, Regina und Moshe.

Galizien gehörte damals zu Österreich-Ungarn, Pinkas war also zunächst österreichischer Staatsbürger. Die Familie war jüdisch. Über seine Kindheit und Jugend ist uns nichts bekannt.

Angaben seiner Enkel zufolge drängten Pinkas Eltern ihn und seine Geschwister am Vorabend des Ersten Weltkrieges dazu, Galizien zu verlassen. Pinkas und seine Schwester Regina gingen nach Deutschland, genauer nach Hannover, sein Bruder Adolf nach Österreich. Pinkas’ Eltern und sein Bruder Moshe blieben in Galizien und gelten als im Holocaust umgekommen

Adolf Ziegel habe in Wien gelebt und im Justizwesen gearbeitet, erzählen seine Nachfahren. Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich 1938 sei er zunächst verhaftet worden. Dann sei er mit Hilfe seiner Frau Gisela freigekommen, 1939 mit ihr über Italien in die USA geflohen und dort 1955 gestorben. Exakt verifizieren lassen sich diese Angaben allerdings nicht, genauso wenig wie der weitere Lebensweg von Regina Ziegel. Sie soll mit ihrem Mann Berman Klein aus Hannover nach England geflohen und dort 1939 gestorben sein.

Pinkas Ziegel wohnte in Hannover in der Burgstraße 9. Womit er dort seinen Lebensunterhalt bestritt, wissen wir nicht. Um 1913 kam er nach Altona und war als Kantor in der Großen Synagoge der Hochdeutschen Israelitengemeinde in der Kleinen Papagoyenstraße angestellt. Außerdem verdiente er Geld als so genannter Produktenhändler (= Altstoffhändler, z.B. Lumpen Felle, Eisen). Zu dieser Zeit war er in Altona noch nicht gemeldet, ob er schon dort wohnte, wissen wir nicht. Als er 1913 Dora/Dwora Wagner heiratete, wurde er im Altonaer Standesamtsregister als "Chorsänger" mit Wohnsitz in der Burgstraße in Hannover bezeichnet.

Seine Frau Dora war die Schwester von Wolf Rechtschaffen (siehe www.stolpersteine-hamburg.de). Sie war am 2. Juni 1890 in Skole in Galizien geboren (heute ukrainisch) und mit ihren Eltern Ephraim und Ester Rechtschaffen 1902 nach Deutschland gekommen. Dass Dora bis zur Heirat den Geburtsnamen "Wagner" trug, rührte daher, dass die Eltern zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch nicht zivilrechtlich verheiratet waren (eventuell aber nach jüdischem Ritus), "Wagner" war der Mädchennamen ihrer Mutter.

Doras Familie lebte seit 1909 in Altona, ganz in der Nähe der Synagoge in der Kleinen Papagoyenstraße. Dort mögen sich Dora und Pinkas auch kennengelernt haben.
Das Paar wohnte zunächst in der Bürgerstraße in Altona und zog im Mai 1915 in die Funkstraße 2. Dort sollten sie bis zu ihrer Abschiebung 1938 wohnen. Das Paar bekam drei Kinder: Leo, geboren am 20. Oktober 1918, Frieda, geboren am 20. Mai 1922 und Jakob Salo, geboren am 7. Oktober 1927.

Zu Doras Familie bestand ein enger Kontakt: Pinkas war geschäftlich mit den Rechtschaffens verbunden, sein Sohn Jakob Salo ging mit seinem Cousin Jakob Rechtschaffen in die gleiche Klasse der jüdischen Schule, und die beiden waren gut befreundet.

Die Wohnung in der Funkstraße war zwar nicht groß, aber der Familie reichte der Platz wohl. Sie konnte sich eine Hausangestellte leisten - nicht zuletzt, weil Mutter Dora sehr aufs Geld geachtet habe, wie die Nachfahren überlieferten. Tochter Frieda erzählte ihren Kindern später, sie habe, auch aus Sparsamkeitsgründen, den etwa drei Kilometer langen Weg zur Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße regelmäßig zu Fuß zurückgelegt.

Alle drei Kinder gingen zunächst auf die Israelitische Gemeindeschule in der Palmaille Nr. 17. In der Synagoge bekamen die Söhne zusätzlich Unterricht in jüdischen Lebensvorschriften. Am Schabbat lud Altonas Oberrabbiner der Hochdeutschen Israelitengemeinde, Joseph Carlebach, auch die Kinder der Umgebung nachmittags zum traditionellen Heringsessen zu sich in die Palmaille ein. Carlebachs Tochter Miriam schrieb dazu: "[...] Der Hering zu dem sogenannten "Herings-Schiur" wurde auf Glastellern angerichtet und der dazugehörige Schnaps in kleinen Glasbechern rumgereicht. Dieser "Herings-Schiur", ein ostjüdischer Brauch, fand am Schabbatnachmittag statt […] - mit chassidischem Solo-Gesang von Kantor Ziegel und kurzen Tora-Worten von Rabbiner Duckesz – und mit Hering auf Glastellern." (zu Eduard Duckesz siehe www.stolpersteine-hamburg.de) Und Pinkas Ziegel sang in der Synagoge: "Verhalten" an "normalen" Tagen, erinnern sich Zeitzeugen, mit großem Gestus an Feiertagen.

Dora Ziegel führte den Haushalt, Pinkas verdiente, so legen es die Angaben auf seinen Steuerkarten der jüdischen Gemeinde nahe, als Kaufmann und als Angestellter des Hamburger Synagogenverbandes bis Ende der 1920er Jahre recht gut. Auch durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 kam die fünfköpfige Familie noch glimpflich. Pinkas Ziegel reiste für die Metallhandels-Firma Rechtschaffen seiner Schwäger, deren Geschäftstätigkeit aber im Jahr 1933 durch die neuen nationalsozialistischen Machthaber abrupt beendet wurde.

Pinkas Ziegel blieb die Arbeit als Kantor, doch auch die wurde ihm von den Nationalsozialisten erschwert. Grund war die fehlende deutsche Staatsangehörigkeit. Denn mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkrieges war Pinkas Ziegels Geburtsort an Polen gefallen. Aus dem Österreicher war ein Pole geworden. Und als Pole brauchte er für seine Arbeit in Hamburg ab 1933 einen "Befreiungsschein" vom Arbeitsamt.

Weil er den zunächst nicht bekam, setzte sich Oberrabbiner Carlebach im November 1933 persönlich für ihn ein: "Das Gesuch des Herrn Paul Ziegel, Altona, Funkstr. 2, um Gewährung einer Arbeitsbewilligung gestatte ich mir, wärmstens zu befürworten. Die stimmliche Begabung, über die Herr Ziegel verfügt, ist eine ungewöhnlich gute, sodaß sein Vortrag in unserer orgellosen großen Synagoge den Raum zu füllen und den Gemeindegesang zu regeln in der glücklichsten Weise imstande ist. Unsere Gemeinde hat s.Z., bevor Herrn Ziegel das Amt übertragen war, versucht, eine gleichwertige Kraft durch Ausschreibung der Stelle zu gewinnen, aber ohne Erfolg. Es würde daher ein schwerer Schaden für die Andacht und die Würde unseres Gottesdienstes sein, wenn Herrn Ziegel eine Tätigkeit untersagt würde."
Carlebachs Intervention war erfolgreich: Von nun an bekam Pinkas Ziegel bis zu seiner Ausweisung 1938 alle sechs Monate eine Verlängerung seiner Arbeitserlaubnis vom Landesarbeitsamt Nordmark. 1938 verdiente er 282,58 RM brutto monatlich, mithin ungefähr doppelt so viel wie ein Arbeiter.

Ende März 1938 verabschiedete das polnische Parlament ein Gesetz, mit dem allen länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen die Entziehung der polnischen Staatsbürgerschaft drohte. Hintergrund war die polnische Sorge vor einer massenhaften Rückkehr von in Deutschen Reich verfolgten Juden aus Osteuropa. Für Pinkas und Dora Ziegel bedeutete dieses Gesetz die Staatenlosigkeit.

Der NS-Staat, der sich ja die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zum Ziel gesetzt hatte, reagierte schnell auf das polnische Gesetz. Ende Oktober 1938 wurden auf Anweisung Heinrich Himmlers 17.000 im Reichsgebiet lebende Menschen polnischer Staatsangehörigkeit überraschend verhaftet und nach Polen abgeschoben. In Hamburg betraf dies etwa 1.000 Menschen, darunter auch Pinkas Ziegel und seinen ältesten Sohn Leo. Dora und die beiden jüngeren Kinder blieben in Hamburg zurück.

Vater und Sohn Ziegel wurden in Altona verhaftet, durften lediglich Lebensmittel für zwei Tage und wenige persönliche Habseligkeiten mitnehmen. Dann wurden sie mit dem Zug nach Zbaszyn in Polen gebracht und von den polnischen Behörden registriert. Da sie keine Verwandten in Polen mehr hatten, zu denen sie hätten gehen können, wurden sie in Zbaszyn interniert. Gemeinsam mit zeitweise mehr als 8.000 Leidensgenossen verbrachten sie dort den Winter unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, obwohl die amerikanische Hilfsorganisation American Distribution Committee, kurz JOINT, das Lager unterstützte.

In Deutschland hatten die Nationalsozialisten mit der Pogromnacht vom 9. November 1938 den Druck auf die jüdische Bevölkerung nochmals verstärkt. Das und die Ausweisung ihres Mannes und ihres ältesten Sohnes mag Dora Ziegel darin bestärkt haben, für ihre beiden jüngeren Kinder, Frieda und Jakob Salo, eine Fluchtmöglichkeit zu suchen. Es gelang ihr, die beiden in Kindertransporte nach England unterzubringen. Frieda Ziegel kam schon im Dezember 1938 in London an, ihr Bruder Jakob Salo konnte Deutschland im Juli 1939 verlassen.

Im Juli 1939 durften Pinkas und Leo Ziegel, allerdings unter Aufsicht der Gestapo, für kurze Zeit aus Polen nach Hamburg zurückkehren, um ihren Hausstand in der Funkstraße aufzulösen. Pinkas und Dora Ziegel sollen – so sagten Zeugen nach dem Krieg aus – im August verzweifelt versucht haben, ein Land zu finden, in das sie auswandern konnten.

Gleichzeitig räumte das Ehepaar mit Unterstützung der Altonaer Spedition Bartels seine Wohnung in der Funkstraße aus. Eine Genehmigung der Devisenstelle für den Transport von Möbeln und Hausrat nach Polen oder England lag zwar vor, es fehlte jedoch noch ein konkretes Ziel. Und dafür war die Zeit dann zu knapp: Ende August 1939, wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, wurde das Ehepaar von der Gestapo festgenommen und endgültig nach Polen ausgewiesen. Möbel und Kleidung mussten sie bei der Spedition in Altona zurücklassen.

In Polen verliert sich die Spur von Pinkas und Dora Ziegel.

Ihr Sohn Leo, der (siehe unten) mehrere NS-Konzentrationslager überlebt hatte, ging nach Kriegsende zunächst davon aus, dass die beiden möglicherweise über Warschau nach Stanislawow (heute Iwano-Frankiwsk/Ukraine) gekommen seien und dort 1941 (Pinkas) und 1942 (Dora) von der SS ermordet wurden. So jedenfalls lauten die von Leo für seine Eltern veranlassten Einträge in der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem und im Gedenkbuch des Bundesarchivs der Bundesrepublik.

Da es dafür aber keine Belege gab und um den Weg für mögliche Entschädigungen frei zu machen, ließ Leo seine Eltern 1956 vom Amtsgericht Altona offiziell für tot erklären. Als Todestag für Dora und Pinkas Ziegel setzten die Richter den 9. Mai 1945 fest.

Leo Ziegel war – wie erwähnt - mit seinem Vater an die polnische Grenze abgeschoben worden. Zuvor hatte auch er wie seine Geschwister zunächst die Israelitische Gemeindeschule in Altona besucht. Seine Eltern wollten ihm ein Studium ermöglichen, deshalb schickten sie ihn 1929 auf die Talmud-Tora-Schule in Hamburg, für die Schulgeld zu zahlen war. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde jüdischen Jugendlichen der Weg an die Universitäten erst erschwert, dann verwehrt.

Leo begann daher eine Berufsausbildung, um seine Erwerbschancen bei einer Auswanderung zu erhöhen. 1935 verließ er die Schule. Weil er keine Lehrstelle als Schlosser fand, absolvierte er eine sogenannte Schlosser-Vorlehre bei der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Im Januar 1936 fing er als Volontär bei der Kupferschmied-Firma Lachenmayer in Hamburg an. Volontär bedeutete, dass er keinerlei Ausbildung erhielt, keinen Gesellenabschluss machen konnte und nicht bezahlt wurde. Auch der Besuch der Berufsschule war ihm als Jude verboten.

Zwei Jahre arbeitete Leo bei Lachenmayer, aber finanziert von seinen Eltern. 1938 beendete er das Volontariat und versuchte vergeblich, Arbeit als Kupferschmied zu finden. Auch gelegentliche Verkäuferjobs in der Metall-Handelsfirma seines Onkels Wolf Rechtschaffen brachten kaum Geld ein.

Erstmals mit der Gestapo in Kontakt war er gekommen, als er nach Zbaszyn abgeschoben worden war. Zwar hatte er mit seinem Vater für kurze Zeit nach Hamburg zurückkehren können, um den Hausstand aufzulösen, doch fand er in dieser Zeit keine Auswanderungsmöglichkeit. Er hatte zwar bei der britischen Botschaft ein Gesuch eingereicht, erhielt die Papiere aber nicht mehr rechtzeitig vor dem Kriegsbeginn ab 1. September 1939.

Noch im September 1939 wurde Leo erneut verhaftet – wie mehrere tausend polnischer Juden. Hintergrund war, dass sie nun als "feindliche Ausländer" galten. Im Frühjahr 1940 dann verlegte man ihn vom KZ Fuhlsbüttel ins KZ Sachsenhausen. Dort musste der junge Mann zunächst unter extremen Bedingungen im Klinkerwerk arbeiten und war häufig krank. Später wurde er als Schmied in den Fabriken des Lagers eingesetzt. Zweieinhalb Jahre blieb Leo in Sachsenhausen, dann wurde er im Herbst 1942 zur Zwangsarbeit ins IG-Farben-KZ Buna-Monowitz, Teil des Lagerkomplexes von Auschwitz, verlegt.

Trotz schlimmster Bedingungen überlebte er diese Zeit bis Januar 1945, als er einen Fußmarsch ins KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen antreten musste. Hier schuftete er drei Monaten in der unterirdischen Raketenproduktion, die von Peenemünde dorthin verlegt worden war. Unter dem Eindruck der vorrückenden Alliierten fand noch eine letzte Verlegung statt, diesmal ins KZ Bergen-Belsen, das gegen Kriegsende heillos überfüllt war und wo Flecktyphus grassierte. Auch diese Station überlebte Leo, wenn auch extrem abgemagert, traumatisiert und schwer krank. Anfang Mai 1945 wurde er dann von amerikanischen Soldaten in Bergen-Belsen befreit.

Zurück in Hamburg versuchte Leo Ziegel wieder Fuß zu fassen. 1946 heiratete er Ada Gartenbank, Sohn Uri wurde im Oktober geboren. Ende 1947 erhielt er endlich die Erlaubnis, ein Metallgeschäft zu eröffnen, doch lief dieses nicht erfolgreich. Also verdingte er sich bei der Jüdischen Gemeinde - und betrieb seine Auswanderung in die USA.

Im September 1949 war es dann soweit: Leo Ziegel, seine hochschwangere Frau Ada und Sohn Uri verließen Deutschland und siedelten nach New York über. Im Oktober kam dort Tochter Doris zur Welt. Leo arbeitete zunächst als Bügler in einer Krawattenfabrik, später wechselte er wieder in den Metallhandel. Im August 1953 wurde Tochter Annette geboren.

Von New York aus begann Leo Ziegel bei den Behörden in Hamburg Wiedergutmachung für das Schicksal der Familie zu erstreiten. Im März 1952 beantragte er beim Amtsgericht Altona, seine Eltern Pinkas und Dora Ziegel offiziell für tot zu erklären (siehe oben). Damit war der juristische Weg für weitere Wiedergutmachungsanträge frei. Leo erstritt in den folgenden Jahren Haftentschädigungen für seine Eltern (1958), dazu Zahlungen für entgangene Berufschancen seines Vaters (1963) und den verlorenen Hausrat der Familie (1970).

Auch für seine eigene Leidenszeit stellte Leo Ziegel Wiedergutmachungsanträge für die Verschleppung 1938 und die jahrelange Zwangsarbeit, deren Bewilligung sich bis in die 1960er Jahre hinzog. 1966 dann wurde ihm auch eine Entschädigung für sein Ausbildungsverbot unter den Nationalsozialisten zugesprochen.

Im selben Jahr wurde auch Leo Ziegels Rentenantrag in Deutschland positiv beschieden: 25 Prozent Erwerbsminderung durch die erlittene Verfolgung bescheinigten ihm die Gutachter. 48 Jahre war er inzwischen alt, und litt als Folge seiner KZ-Aufenthalte an vielfältigen physischen und psychosomatischen Beschwerden.

Leo Ziegel lebte mit seiner Familie im New Yorker Stadtteil Queens. Mit seinem Cousin Manfred Rechtschaffen, der ebenfalls in die USA ausgewandert war, betrieb er bis in die 1990er Jahre die Firma "R&Z Metal Corp." mit Sitz in Brooklyn. Im Dezember 1985 starb seine Frau Ada, gut ein Jahr später heiratete er die 1923 in Budapest geborene Elisabeth Srollvits. Leo Ziegel, der in der Familie als sehr fromm galt, starb am 4. April 2014 in New York.

Seine älteste Tochter Doris heiratete Irwin Greenberg und übersiedelte nach Israel. Ihre jüngere Schwester Annette heiratete Jakob Wiesel und blieb in New York.

Wie oben erwähnt, hatten die Eltern die Kinder Frieda und Jakob Salo Ziegel nach Großbritannien in Sicherheit bringen können.

16 Jahre war Frieda Ziegel alt, als sie im Dezember 1938 in Harwich nahe London anlandete. In Altona hatte sie zunächst die Israelitische Gemeindeschule in der Palmaille besucht, später dann die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße in Hamburg. In London kam die junge Frau in einem Hostel für jüdische Mädchen in Willesden Green unter, arbeitete als Sekretärin und ließ sich zur Modistin ausbilden. Frieda hatte entfernte Verwandte in London, und über einen Cousin lernte sie Anfang der 1940er Jahre Sali Staszewski kennen.

Sali war wie sie 1922 geboren. Seine Familie stammt aus Frankfurt am Main und hatte es kurz vor Kriegsbeginn geschafft, offiziell nach London umzuziehen. Hintergrund war ein Gesuch der britischen Fabrikantenfamilie Bechler bei der Regierung. Bechlers stellten Damen-Handtaschen her und wollten Familie Staszewski als Verstärkung für ihre Firma nach London holen. Die britische Regierung befürwortete den Antrag, stellte Visa aus, die deutsche Regierung akzeptierte die Auswanderung und ließ die Familie ziehen. Nun arbeitete Sali für die Firma Bechler.

Am 18. August 1943 heirateten Frieda und Sali in der Großen Synagoge in der Grove Street im Londoner East End. Das Paar bekam drei Kinder: Hanni, geboren 1944, Paul, geboren 1952 und Michael, geboren 1955.

Ende der 1940er Jahre machte sich das Paar selbstständig und gründete die Firma "Sasta Travel Goods", ebenfalls im East End. Sali managte Produktion und Verkauf, Frieda kümmerte sich um die Buchhaltung. Zunächst wurden, wie bei Bechlers, Damenhandtaschen hergestellt, später kamen Koffer hinzu. Auch nach Salis Tod 1977 bestand die Firma bis 1982 weiter.
Frieda Staszewski überlebte ihren Mann um mehr als 40 Jahre. Sie starb am 26. August 2018 in London.

Jakob Salo Ziegel war knapp zwölf Jahre alt, als sein Kindertransport mit der Nummer 7978 am 14. Juli 1939 London erreichte Der Junge wurde von einer Familie aufgenommen, die wie er aus Deutschland geflohen war. Nicht zuletzt wegen ihrer eigenen Probleme konnte sie sich jedoch nicht intensiv um Jakob Salo kümmern.

In Altona hatte Jakob Salo von 1933 bis 1937 die Israelitische Gemeindeschule besucht und war dann auf die Talmud-Tora-Schule gewechselt. In England aber war ihm die höhere Schule zunächst versperrt, weil er kaum Englisch sprach und zu alt war, um nach den geltenden Vorschriften zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden. So musste der 12-jährige erst einmal für zwei Jahre zurück in die Grundschule ("Elementary School").

1942 schaffte er mit Hilfe seiner Schwester und anderer Unterstützer den Sprung an eine bezahlbare Privatschule, wo er im Jahr darauf einen ersten Abschluss ablegte. Nun hätte dem 16-jährigen nur noch eine Prüfung für den Weg an die Universität gefehlt, doch er konnte weder die Studiengebühren noch den Lebensunterhalt für sich selbst aufbringen. Also arbeitete Jakob Salo zunächst zwei Jahre lang als Büroangestellter, bevor er, wieder auf einer Privatschule, die Universitätsreife erlangte. 1948 nahm er, ausgestattet mit einem Stipendium, sein Jura-Studium in London auf, musste aber dennoch bis zu dessen Abschluss 1952 nebenbei als Privatlehrer und Büroangestellter arbeiten. Dann verließ Jakob Salo England und ging als Rechtsanwalt nach Kanada. Zunächst arbeitete er in Vancouver.

1960 stellte er beim Amt für Wiedergutmachung in Hamburg einen Antrag auf Entschädigung für die entgangene Ausbildung. Doch da er die im Bundesentschädigungsgesetz festgelegte Frist (1. April 1958) verpasst hatte, wurde dieser abgelehnt. Auch zwei weitere Antragsversuche in den folgenden Jahren schlugen fehl.

Von 1962 bis 1975 lehrte Jakob Ziegel an den Universitäten von Saskatchewan, Montreal (Mc Gill University) und York (Osgoode Hall Law School). Dann wechselte er an die Universität Toronto, wo er bis zu seiner Emeritierung 1993 die Jura-Fakultät leitete. Wirtschaftsrecht, speziell die Rechte von Verbrauchern, waren sein Spezialgebiet. Jakob Ziegel veröffentlichte über die Jahre mehrere Grundsatzwerke, gab eine juristische Schriftenreihe heraus und war Mitglied der "Canadian Law Commission".

Seine Ehe mit der Wissenschaftlerin und Autorin Adrienne Kolb aus Kapstadt blieb kinderlos. Jakob Ziegel starb, hochgeehrt, am 13. Dezember 2023.

Stand: März 2026
© Christoph Macherauch

Quellen: 1; 5; 8; Ina S. Lorenz (Hg): Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39, Wallstein-Verlag, Göttingen 2016 (Band III und Band IV) Polen: zbaszyn1938.pl; United States Holocaust Memorial Museum: Oral history interviews of the Brad Zarin Collection, collections.ushmm.org; USC Shoah Foudation: Visual History Archive, Interviews 3510 und 3499; Interview Jacob Rechtschaffen "Werkstatt der Erinnerung", FZH/WdE600; Miriam Gillis-Carlebach: "Jedes Kind ist mein Einziges", Verlag Dölling und Galitz, Hamburg 2000, S. 102; Gespräch mit dem Enkel P.S. vom 18.6.2025; Schriftliche Auskünfte von P.S. in E-Mails vom 10. und 19. Dezember 2025, sowie schriftliche Unterlagen der Familie; StaH 351-11_12049; StaH 351-11_56197; StaH 351-11_56198; Star 351-11_48648; StaH 351-11_56067; StaH 314-15_7656; StaH 314-15_5648; StaH 424-111_6892; StaH 213-13_28223; StaH 332-5_6016.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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