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Helene Grell * 1911

Luruper Hauptstraße 20 (Altona, Lurup)


HIER WOHNTE
HELENE GRELL
JG. 1911
EINGEWIESEN 1939
ALSTERDORFER ANSTALTEN
1939 HEILANSTALT LÜNEBURG
´VERLEGT`19.7.1941
´HEILANSTALT`
KÖNIGSLUTTER
ERMORDET 26.8.1941

Helene Grell, geb. am 28.8.1911 in Groß Flottbek (heute Hamburg), aufgenommen aus der Landesheilanstalt Neustadt/Holstein in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 12.10.1926, wieder eingewiesen in die Landesheilanstalt Neustadt am 14.1.1930, erneut aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten am 6.2.1939, weiterverlegt in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn am 18.12.1939, verlegt in die Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg am 18.12.1939, zurückverlegt nach Langenhorn am 20.3.1941, verlegt in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Königslutter am Elm, dort gestorben am 26.8.1941

Luruper Hauptstraße 20

Helene Olga Gesa Grell (Rufname Helene) kam am 28. August 1911 in Groß Flottbek zur Welt. Sie war das vierte von fünf Kindern des Ehepaares Christian Theodor Eduard Grell, geboren am 16. Januar 1877 in Ottensen, und seiner zur Zeit der Heirat als Dienstmädchen tätigen Ehefrau Gesa Wilhelmine Auguste, geborene Sohrt, geboren am 17. Juni 1879 in Bahrenfeld. Das Paar hatte am 14. Januar 1905 in Altona geheiratet und ließ sich bald darauf in der Schenefelderchaussee 20 (heute Luruper Hauptstraße) in Lurup nieder. In der Heiratsurkunde war Theodor Grell als Arbeiter eingetragen. Die Adressbücher verzeichneten ihn als Kutscher.
(Bahrenfeld, Groß Flottbek, und Ottensen waren Ortsteile der damals preußischen Stadt Altona. Die pinnebergische Landgemeinde Lurup kam 1927 zu Altona. Altona wurde 1938 Teil von Hamburg.)

Anna Margareta Luise Grell, das erste Kind der Ehepaares Grell, wurde am 17. Juni 1906 in Altona geboren. Am 7. November 1908 folgten die Zwillingsbrüder Paul Christian Heinrich und Theodor Willy Ferdinand. Paul Christian Heinrich starb vier Tage nach seiner Geburt am 12. November 1908, Theodor Willy Ferdinand am 23. Dezember 1923 im Alter von nur fünfzehn Jahren im Städtischen Krankenhaus Altona. Laut Sterberegistereintrag war er bereits als Arbeiter tätig gewesen. Auf die 1911 geborene Helene folgte 1913 Gertrud Grell, deren Geburtsdatum wir nicht kennen.

Über die Kindheit von Helene Grell ist uns nichts bekannt. Ihre langjährigen Anstaltsaufenthalte, die bereits vor 1921 begonnen hatten, wurden mit der Diagnose "Enzephalitis als Folgezustand von Parkinsonismus” begründet. Enzephalitis (Gehirnentzündung) war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine weit verbreitete Krankheit, die häufig mit einem Parkinson-Syndrom einherging.

Helene Grell lebte vom 12. Oktober 1921 bis 9. Februar 1926 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf). Laut ihrer Alsterdorfer Patientenakte war sie zuvor Patientin in der damaligen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Neustadt/Holstein. Genaue Daten sind nicht vermerkt. Ab dem 14. Januar 1930 war sie erneut in der Anstalt in Neustadt, nun bis zum 6. Februar 1939. Anschließend wurde sie erneut in die Alsterdorfer Anstalten verlegt. Von dort wurde sie am 18. Dezember 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn, am 20. März 1941 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg und am 18. Juli 1941 zurück nach Langenhorn verlegt. Schließlich wurde sie am 29. Juli 1941 mit einem Sammeltransport von 30 Frauen in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Königslutter bei Braunschweig abtransportiert.

Unklar ist, wo sich Helene Grell in der Zeit von 1926 bis Anfang 1930 aufgehalten hat.

In der Patientenakte wurde zu ihrer Diagnose festgehalten, dass nicht bekannt sei, wann die Krankheit begonnen habe. Sie zeigte als Krankheitssymptome Rigidität, Speichelfluss und Demenz, war bettlägerig und konnte nicht beschäftigt werden.

Ihre Mutter und ihre Schwester Margarethe besuchten sie regelmäßig.

Ende 1940 füllte die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn den "Meldebogen I" über Helene Grell aus. Mit diesem Formular mussten alle Anstalten während der ersten "Euthanasie”-Phase von 1939 bis August 1941 wichtige Daten über die Insassinnen und Insassen an die Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin mitteilen. Die Angaben auf diesen Meldebögen bildeten die Entscheidungsgrundlage dafür, ob Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen in einer der sechs Gasmordanstalten getötet werden sollten. Über Helene Grell wurde zusätzlich zur Diagnose vermerkt, dass sie regelmäßig Besuch von ihrer Schwester und ihrer Mutter bekam, bettlägerig war und keiner Beschäftigung nachgehen konnte.

Trotz des sonst gelegentlich als Selektionshindernis wirkenden Hinweises auf Verwandtenbesuche wurde Helene Grell am 29. Juli 1941 in einem Transport mit 30 Frauen nach Königslutter am Elm in die dortige die Landes-Heil- und Pflegeanstalt abtransportiert. Diese Anstalt bildete eine der Zwischenanstalten für die Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg, eine der sechs Tötungsanstalten, in der Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen mit Gas ermordet wurden. Auch die am 29. Juli 1941 aus Langenhorn nach Königslutter transportierten Frauen sollten nach Bernburg gebracht werden.

Wachsender Unmut in der Bevölkerung und der öffentliche Protest des Bischofs Clemens August Graf von Galen sowie anderer kirchlicher Würdenträger führten jedoch am 24. August 1941 zum Stopp des Gasmordprogramms. Die Krankenmorde wurden jedoch von Ärzten und Pflegepersonal in den bisherigen Zwischenanstalten fortgesetzt – nun durch überdosierte Medikamente, systematischen Nahrungsentzug und pflegerische Vernachlässigung.

Durch die Beendigung der Gasmorde kam es nicht mehr zur Weiterleitung der Langenhorner Frauen nach Bernburg. Da aber die Hamburger Gesundheitsverwaltung die Verlegung nach Königslutter als endgültig ansah, kam ein Rücktransport nach Hamburg nicht in Betracht. Die Patientinnen blieben in Königslutter.

Dort starb innerhalb der ersten sechs Monate fast die Hälfte von ihnen und innerhalb von drei Jahren insgesamt 29. Nur eine Patientin überlebte.

Helene Grell starb am 26. August 1941 im Alter von 30 Jahren. Als Todesursache war im standesamtlichen Sterberegistereintrag der "Folgezustand nach Gehirnhautentzündung (Enzephalitis)” vermerkt.

Auf allen ärztlichen Sterbebescheinigungen der in den ersten sechs Monaten verstorbenen Frauen stand hingegen "Schizophrenie" als Todesursache.

Stand: März 2026
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg diverse Jahrgänge, StaH 332-5 Standesämter 6117 Geburtsregister Nr. 66/1879 (Gesa Wilhelmine Auguste Sohrt), 6150 Geburtsregister Nr. 35/1877 (Christian Theodor Eduard Grell), 14786 Geburtsregister Nr. 582/1906 (Anna Margareta Luise Grell), 113601 Geburtsregister Nr. 108/1908 (Paul Christian Heinrich Grell), 113601 Geburtsregister Nr. 109/1908 (Theodor Willy Ferdinand Grell) 5793 Heiratsregister Nr. 9/1905 (Christian Theodor Eduard Grell/ Gesa Wilhelmine Auguste Sohrt), 4817 Sterberegister Nr. 41/1908 (Paul Christian Heinrich Grell), 5353 Sterberegister Nr. 1861/1923 (Theodor Willy Ferdinand Grell), 352-8/7 Abl. 1/1995 Staatskrankenhaus Langenhorn 26674 (Helene Grell); Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abt. 377 Provinzialanstalt Neustadt Nr. 44 (Helene Grell). Niedersächsisches Landesarchiv Abt. Wolfenbüttel, Sterberegistereintrag des Standesamt Königslutter am Elm im Bestand 10 Kb (Personenstandsunterlagen) Nr. 164/1941: 10 Kb Zg. 2009/514 Nr. 384. Susanne Weimann, Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Königslutter und der Krankenmord, Braunschweig 2020, S. 56f. Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 147 ff. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016.

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