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Elly Seemann * 1902
Kempelbarg 16 (Altona, Lurup)
HIER WOHNTE
ELLY SEEMANN
JG. 1902
EINGEWIESEN 1924
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT`16.8.1943
´HEILANSTALT`
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 21.2.1945
Elly Seemann, geb. 12.3.1902 in Altona, aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 21.5.1924, abtransportiert am 16.8.1943 nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 21.2.1945
Kempelbarg 16
Elly Emma Elisabeth Seemann (Rufname Elly) wurde am 12. März 1902 in der Wohnung ihrer Mutter in der Georgstraße 43 p (heute Mumsenstraße) in der damals preußischen Stadt Altona (heute Hamburg) geboren. Sie erhielt zunächst den Nachnamen Grünhagen, da ihre Mutter Friederike Grünhagen und ihr Vater Hans Georg Heinrich Seemann zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch nicht verheiratet waren. Auch Ellys älterer Bruder Heinrich Fritz, geboren am 25. Januar 1901, wurde vorehelich geboren.
Friederike Grünhagen war am 22. September 1879 in Plau im heutigen Mecklenburg-Vorpommern zur Welt gekommen. Die Schneiderin verließ ihre Heimat schon als sehr junge Frau. Ihren ältesten Sohn Heinrich Fritz gebar sie im Alter von 21 Jahren in der Parallelstraße 47 (heute Eifflerstraße) in Altona. Ellys Vater Hans Georg Heinrich Seemann war am 21. Dezember 1876 in Altona geboren worden. Er übte zunächst den Beruf des Schlachters aus, später war er als Arbeiter im Gaswerk in Bahrenfeld tätig.
Nach der Eheschließung am 4. September 1902 erkannte Heinrich Seemann am 24. September die Vaterschaft für beide Kinder an, so dass sie fortan als ehelich galten.
Elly Seemann war das zweite von neun Kindern, von denen wir nur drei weitere mit Namen kennen: Georg Hans, geboren am 12. Dezember 1904, Magdalene Elisabeth, geboren am 14. Mai 1908, und Karl-Heinz geboren 1915.
Die Familie wohnte in der Helenenstraße 16 in der damaligen Landgemeinde Lurup, die zu Pinneberg gehörte und 1927 nach Altona eingemeindet wurde. Die Helenenstraße erhielt 1929 die Bezeichnung Kempelbarg.
Elly Seemann soll mit eineinhalb Jahren das Sprechen und mit zwei Jahren das Laufen gelernt haben. Ab dem vierten Lebensjahr wurden starke geistige Einschränkungen bei ihr festgestellt. Sie erkrankte im Kindesalter an Rachitis, Keuchhusten und Lungenentzündung. Elly besuchte die Volksschule in der Luruper Hauptstraße vom 1. April 1909 bis zur dritten Klasse Ende März 1916 allerdings mit sehr geringem Erfolg. (Die erste Klasse war damals die höchste.) Wahrscheinlich erkrankte das Mädchen in jungen Jahren auch an Kinderlähmung. Am 14. August 1923 wurde sie Bewohnerin des damaligen "Krüppelheims Alten Eichen" im Wördemannsweg 19/29 in Stellingen.
Im Mittelpunkt der Arbeit des von der Inneren Mission getragenen "Krüppelheims Alten Eichen" standen neben chirurgisch-orthopädischen Behandlungen eine Anstaltsschule und eine Lehrwerkstatt.
Dort sollten Elly Seemanns durch die Kinderlähmung verursachten Bewegungseinschränkungen operativ korrigiert werden. Bereits am 24. September 1923 wurde sie wieder entlassen. Die Bemühungen in "Alten Eichen" brachten offenbar nur geringen Erfolg, denn später wurde wiederholt von einer Schwäche beider Beine als Folge der Kinderlähmung berichtet, die auch die Geistesschwäche verursacht haben soll.
Am 25. Januar 1924 wurde die 21-jährige Elly Seemann mit folgender Begründung in der damaligen Alsterdorfer Anstalt aufgenommen: "Die Aufnahme der Elly Seemann in der Alsterdorfer Anstalt ist wegen Folgen einer Kinderlähmung (?) Beinschwäche, Geistesschwäche erforderlich. Nähere Angaben: Sie ist, abgesehen von der Schwäche beider Beine, körperlich gesund. Geistig steht sie auf der Stufe eines Kindes im Alter von 6 Jahren, vergißt alles, ect., Altona, d. 23.2.1924".
In den Alsterdorfer Anstalten wurde Elly Seemanns Wesen als "gutmütig, leicht reizbar, sehr empfindlich, anhänglich, oft recht albern, unangenehm" beschrieben. Handwerkliche Tätigkeiten wie das z.B. das Stopfen von Strümpfen seien ihr wegen "lahmer Finger" schwer gefallen.
Ellys Eltern, die großen Anteil an ihrer Entwicklung nahmen, nahmen ihre Tochter mehrmals im Jahr auf Urlaub zu sich nach Hause.
Die Berichte über Elly Seemann wiederholten sich in den Jahren. Sie benötigte Hilfe bei der Körperpflege und konnte sich nicht selbst an- und auskleiden. Eine Entwicklung war nicht zu erkennen.
Am 16. August 1943 vermerkte der Anstaltsarzt SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg in Elly Seemanns Akte: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Fliegerangriff verlegt nach Wien."
Durch die schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte die Gelegenheit, um sich mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn im Norden Hamburgs nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") "verlegt". Unter ihnen befand sich Elly Seemann.
Bei ihrer Ankunft in der Anstalt in Wien konnte sie schlecht gehen. Ihre Füße waren stark geschwollen, möglicherweise infolge ihrer Behinderung, die als rechtsseitige Lähmung dokumentiert wurde. Die inzwischen 41-jährige Frau wirkte zunächst zufrieden, ruhig, harmlos und willig. Doch Elly Seemann litt unter Heimweh. Bei Luftalarm geriet sie immer in große Angst, die sich durch "lautes Schreien und Jammern" äußerte.
Elly Seemanns Eltern hielten Kontakt zu ihrer Tochter. Anfang 1945 bestätigte die Wiener Anstalt den Empfang eines Pakets und mehrerer Briefe. Von dem Ableben ihrer Tochter erhielten sie jedoch erst mit Verzögerung Kenntnis.
Am 22. Januar 1945 richtete die Mutter voller Sorge ein Schreiben an die Direktion der Alsterdorfer Anstalten:
"Unsere Elly ist im Juli 43 mit nach Wien gekommen, wir möchten sie gern wieder hier haben und zu uns nehmen, sie leidet sehr unter Heimweh. Es ist doch möglich, wenn die Gefahr dort unten größer wird, dass alle Hamburger Kinder weiter rauf ins Altreich kommen und vielleicht bringt dann irgend eine Angestellte unsere Tochter mit nach hier. Die Unkosten, die daraus entstehen, würden wir selbstverständlich tragen. Unser Kleinster ist bei Leningrad im Alter von 18 Jahren gefallen, ein Sohn war in Boulogne am Kanal, ist seit September in englische Gefangenschaft geraten. Am 22.12.1944 bekamen wir die Nachricht, dass unser Zweitältester in Saarburg vermisst ist seit 20. November.
Unsere Elly ist so weit, wir hätten sie so gerne bei uns. Bitte die Direktion um Nachricht, ob die Möglichkeit besteht, dass unser Wunsch erfüllt wird. Heil Hitler, Frau Seemann, Groß Flottbek, Kempelbarg 16."
(Boulogne ist eine nordfranzösische Hafenstadt an der Stelle, an der der Fluss Liane in den Ärmelkanal fließt. Saarburg ist eine Stadt im heutigen Landkreis Trier-Saarburg in Rheinland-Pfalz.)
Über Elly Seemanns Befinden wurden in Wien keine Aufzeichnungen vorgenommen. Sie wurde am 16. Februar in Pavillon 19 verlegt, der als "Infektionspavillon" diente und ein Ort des herbeigeführten Sterbens war. Patientinnen, die entweder an (Lungen-) Tbc erkrankt waren oder in Verdacht standen, an Tbc erkrankt zu sein, wurden in diesen Pavillon überstellt. Spätestens dort wurden auch noch gesunde Patientinnen mit Tbc infiziert.
Nur fünf Tage später, am 21. Februar, starb Elly Seemann, angeblich an Lungenentzündung.
Die seit 1938 an der "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" tätige Chefärztin und Pathologin Barbara Uiberrak nahm am folgenden Tag die Sektion (Obduktion) des Leichnams vor. Sie schrieb unter anderem in den Sektionsbericht: "Fixation des Gehirns und des herauspräparierten Rückenmarks in 4 %-Formalin.”
Die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" war während der ersten Phase der NS-"Euthanasie" vom Oktober 1939 bis August 1941 Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt selbst, massenhaft weiter gemordet: durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheit, vor allem aber durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.
Es ist als sicher anzunehmen, dass Elly Seemann keines natürlichen Todes starb.
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Altona diverse Jahrgänge; StaH 332-5 Standesämter 13676 Geburtsregister Nr. 307/1901 (Heinrich Fritz Grünhagen), 14365 Geburtsregister Nr. 129/1904 (Georg-Hans Seemann), 113601 Geburtsregister Nr. 55/1908 (Magdalena Elisabeth Seemann), 5957 Heiratsregister Nr. 902/1902 (Hans Georg Heinrich Seemann/ Friederike Grünhagen); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 235 (Elly Seemann). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371. Peter von Rönn, Der Transport nach Wien, in: Peter von Rönn u.a., Wege in den Tod, Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 425-467. Peter Schwarz, Die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hg.), Krieg und Psychiatrie, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Innsbruck/Wien 2022.

