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A(h)ron Albert Cohn * 1882

Rappstraße 15 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
ARON ALBERT COHN
JG. 1882
FLUCHT FRANKREICH
INTERNIERT NOÉ
TOT 3.3.1941

further stumbling stones in Rappstraße 15:
Adele Friedberg, Julie Hirsch, Bella Hirsch, Leopold Hirsch, Rosa Kuntzsch

A(h)ron Albert Cohn, geb. am 9.8.1882 in Hamburg, emigriert nach Frankreich, am 22.10.1940 Internierungslager Gurs, Todesdatum am 3.3.1941 im Internierungslager Noé

Rappstraße 15

Der Lebensweg von Ahron Albert Cohn ließ sich nur teilweise rekonstruieren. Er war am 9. August 1882 als Sohn von Selig Jakob Cohn (geb. 7.9.1847) und Auguste, geb. Salomon (geb. 11.11.1851) in Hamburg geboren worden. Seine Schwester Rebecka war am 28. Juni 1881 zur Welt gekommen. (Die ältere Helene, starb am 19. März 1879 im Alter von einem Jahr).

Der Vater stammte aus Lübeck-Moisling. Ihm gehörte die Firma "Cohn & Salomon, Lotterie und Geldwechsel" in der Görttwiete 25. (Ein Lotterie-Kollekteur war im 19. Jahrhundert ein staatlich lizensierter selbständiger Geschäftsmann, der Lose vertrieb. Wegen ihrer besonderen Kenntnisse und Erfahrungen im Geld- und Bankwesen wurden solche Lizenzen gern an jüdische Geschäftsleute vergeben, die es dadurch häufig zu beträchtlichem Wohlstand brachten.)

Die Familie wohnte am Hopfenmarkt 28, wo die Schwester Rebecka und auch Albert zur Welt kamen. Selig Jakob Cohn starb im Alter von 44 Jahren am 19. Mai 1891 während eines Kuraufenthalts in Travemünde. Seine Witwe Auguste gab die Wohnung am Hopfenmarkt auf und zog mit ihren Kindern ins Grindelviertel, zunächst in die Grindelallee 84, seit 1893 lebten sie in der Rutschbahn 33.

Albert Cohn muss nach seiner Schulzeit eine kaufmännische Ausbildung erhalten haben, da er später als Fondsmakler ein Bankgeschäft betrieb. 1906 unterhielt er ein Büro in der Rathausstraße 16, dann arbeitete er von der Wohnung seiner Mutter aus. Auguste Cohn verstarb am 6. Februar 1912. Sie wurde neben ihrem Ehemann auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel in Ohlsdorf beerdigt.

Nach dem Tod der Mutter gab Albert Cohn die Wohnung in der Rutschbahn auf. Seit dem 1. Oktober 1912 lebte er als Untermieter in der Kottwitzstraße 20/I bei Bravo. Von dort meldete er sich am 27. Juni 1913 nach Italien ab ("soll in Palermo aufhältlich sein"), kam aber im Oktober 1914 nochmals zurück und meldete sich am 6. Oktober 1914 in der Rappstraße 15 bei Heinsohn an.

Albert Cohn wurde am 18. März 1915 als Rekrut zum Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 59 der Königl. Bayrischen Infanterie nach München eingezogen. Da er "militärisch noch nicht ausgebildet" war, wurde er bei der Bewachungskompanie 1 B 48 Lechfeld und als Dolmetscher im Kriegsgefangenenlager Puchheim eingesetzt. "Wegen wiederholter Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit im Dienst" erhielt er dabei mehrfach Kasernenarrest. In den Kriegsranglisten und Stammrollen des Königreichs Bayern sind noch zwei Adressen für Albert Cohn vermerkt: Schlüterstraße 77 und zuletzt die Rappstraße 12. In den Hamburger Adressbüchern ist Albert Cohn jedoch nicht verzeichnet.

Während seiner Dienstzeit lernte er wohl seine spätere Ehefrau Bella Paula Wurzinger (geb. 29.4.1900 Ansbach/Bayern) kennen. Ort und Datum der Heirat sind unbekannt. Nach Kriegsende zog das Ehepaar nach Palermo, und dort kam am 11. September 1922 ihr einziges Kind Anita zur Welt. Die Ehefrau Bella (so steht sie in der Geburtsurkunde; sie unterschrieb allerdings gelegentlich auch als "Paula") war die älteste von drei in Ansbach geborenen Töchtern des Handelsmannes und Viehhändlers Sigmund (Samson Jacob Jakel) Wurzinger (geb. 31.10.1869 in Holmbach) aus Colmberg, Kreis Ansbach, und seiner Ehefrau Rosa, (geb. Lang), aus Treuchtlingen. Das Ehepaar hatte am 18. Dezember 1894 in Gunzenhausen in Bayern geheiratet.

Nach der Geburt von Anita finden sich fast 18 Jahre lang keine Hinweise auf den Verbleib der Familie. Erst im Sommer 1940 taucht sie im südfranzösischen Nizza wieder auf, wo Albert Cohn als Kaufmann, Dolmetscher und Prokurist in einer Exportfirma tätig war.
Die Tochter Anita erklärte später, sie kenne "niemanden in Deutschland, da sie immer im Ausland lebte." Die Suche sowohl in Palermo wie in Nizza blieb ergebnislos.

Im Juni 1940 wurde Albert Cohn in Nizza, vermutlich im Rahmen einer Razzia, verhaftet und durch die Vichy-Regierung in das Camp de Gurs eingewiesen. Seine letzte Station war das Internierungslager Noé bei Toulouse. Dort kam er am 3. März 1941 ums Leben.

Seiner Witwe gelang mit Tochter Anita und ihrem Schwiegersohn, dem Handelsmann Ludwig/Louis Rozsa (geb. 14.11.1907 in Bratislava), die Flucht in die Schweiz. Als Datum, an dem Ludwig Rozsa die französisch-schweizerische Grenze bei Perly überquerte, nennt das Staatsarchiv Genf den 26. September 1942, während das United States Holocaust Memorial Museum für Anita Rozsa-Cohn und ihre Mutter den 15. Oktober 1942 als Ankunftsdatum in der Schweiz angibt.

Alle drei logierten zunächst wenige Tage im Hôtel de Berne in Genf und reisten am 2. Oktober 1942 weiter nach Aeugst am Albis, einer kleinen Gemeinde im Kanton Zürich. Private Briefe aus dem Nachlass des Berliner Buchhändlers und Verlegers Leon Hirsch belegen, dass das Trio von Januar 1943 bis Januar 1945 durchgehend in Ruvigliana am Luganer See im Flüchtlingsheim Monte Brè wohnte. Sie waren vermutlich nicht interniert, sondern durften und mussten für ihren Lebensunterhalt einer geregelten Arbeit nachgehen. Anita Rozsa beschrieb ihre Situation folgendermaßen:
"Hier in Lugano ist ein herrliches Klima, leider kommen wir durch unsere Arbeit nicht so viel an die Sonne. ...Uns geht es gut und wünschen nichts anderes, nur dass wir bis Kriegsende da bleiben können." Ein amtliches Schreiben an Bella Paula Cohn im Zusammenhang mit der Wiedererlangung eines deutschen Passes ist noch am 23. Juli 1945 – also nach Kriegsende – an dieselbe Anschrift gerichtet.

Weiterhin zusammen mit Anita’ Mutter wurde das Ehepaar Anita und Ludwig Rozsa erst am 17. April 1949 in Alès im Dept. Gard in Frankreich wieder aktenkundig. Unter diesem Datum stellte Anita Rozsa als Alleinerbin einen Antrag auf Wiedergutmachung und Rückerstattung des Vermögens ihrer Tante Rebecka Cohn (siehe unten). Dabei gab sie als Wohnsitzanschrift die Villa Marie Therèse in Alès, Rue Guynemer 8 an und wies sich mit einem tschechoslowakischen Pass Nr. 3036/48 aus.

Anita und Ludwig Rozsa wanderten zusammen mit Anita’ Mutter Bella Cohn als Staatenlose danach in die USA aus. Als Sponsor wird in den Auswanderungsdokumenten ein Mr. Milton Heimlich in 26 Myrtle Bd., Larchmont N.Y. genannt. Mit Hilfe ihrer am 4. Juni 1951 in Marseille ausgestellten Visa verließen sie Frankreich ab Le Havre am 7. September 1951 mit SS Île de France und kamen am 13. September 1951 in New York an. Am 12. April 1956 erhielt Anita Rozsa ihre Einbürgerungsurkunde in die USA. Das Ehepaar wohnte seit der Einwanderung bis zuletzt in 99-63, 66th Ave., Forest Hills 74, N.Y. Ludwig Rozsa starb am 5. November 1996 in New York.

Albert Cohn’ ledige Schwester Rebecka Cohn arbeitete von 1901 bis 1931 als Lehrerin an der Israelitischen Höheren Mädchenschule in der Bieberstraße. 1912 hatte die Schule die Anerkennung als Lyzeum erhalten. Rebecka Cohn wechselte an die Israelitische Töchterschule in der Carolinenstraße 35. Dort unterrichtete sie auch später noch, obwohl sie nicht mehr im Schuldienst stand, die letzten Erstklässler der "Jüdischen Schule in Hamburg" (s. Ingeborg Feldheim www.stolpersteine-hamburg.de.), bis am 30. Juni 1942 alle jüdischen Schulen im Deutschen Reich geschlossen wurden.

Rebecka Cohn wurde am 11. Juli 1942 im Alter von 61 aus der Grindelallee 23 nach Auschwitz deportiert und ermordet. An sie erinnert ein Stolperstein in der Husumerstraße 2 und in der Bieberstraße 6-12, ehemals Israelitische Töchterschule, heute Unigelände (s. www.stolpersteine-hamburg.de.).

© Susanne Rosendahl mit Ergänzungen von Heidi und Hans-Otto Haag im Oktober 2025

Quellen: 1; 5; StaH 332-5 Standesämter 1993 u. 2667/1881, StaH 332-5 Standesämter 2019 u. 3314/1882, StaH 332-5 Standesämter 1917 u 738/1878; StaH 332-5 Standesämter 58 u. 934/1879; 332-5 Standesämter 8011 u. 76/1912; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 4; http://search.ancestry.de (Kriegsranglisten und Stammrollen des Königreichs Bayern, 1. Weltkrieg 1914-1918, Zugriff 17.3.2017); http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_swd_401022.html (Zugriff 17.3.2017); Auskunft von Peter Landé, United States Holocaust Memorial Museum Washington/USA, E-Mail vom 3.4.2017; diverse Hamburger Adressbücher; Randt: Talmund Tora Schule; ancestry Samson Wurzingerin der Samlung Ansbach, Deutschland, Auszüge aus Lutherischen Kirchengemeinderegister, 1526.1940 (Zugriff 28.10.2025)
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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