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Jenny Rosenmeyer (geborene Calmann) * 1868
Oderfelder Straße 17 (Eimsbüttel, Harvestehude)
HIER WOHNTE
JENNY ROSENMEYER
GEB. CALMANN
JG. 1868
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.11.1942
Weitere Stolpersteine in Oderfelder Straße 17:
Arthur Lewardt, Emilie Löwenthal, Olga Helene Meyer, Dr. Louis Weigert
Jenny Rosenmeyer, geb. Calmann, geb. am 22.9.1868 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort umgekommen am 24.11.1942
Oderfelder Straße 17
Der Familienname von Jenny Calman kommt zumeist in der Schreibweise Calmann vor, beispielsweise in den Adressbüchern Hamburgs. Diese letztere Namensform wird deshalb hier verwendet.
Jenny Calmann war die Tochter von Elias Calman, geboren am 12. November 1830, gestorben in Hamburg am 6. Januar 1911, und seiner Ehefrau Emilie Marcus Calman, geborene Bargebuhr, geboren am 17. Juni 1832 in Norden, Ostfriesland, gestorben am 17. Dezember 1912 in Hamburg. Jenny war eines von sieben Kindern (nachfolgend in alphabetischer Reihung, weil nicht alle Geburtsdaten bekannt sind): Aaron Louis, geboren 1862, gestorben 1936 in Hamburg; Adolf, geboren am 15. Februar 1871; Gotthelf, geboren am 3. Dezember 1866, gestorben 1938 in Hamburg; Hanna, geboren 1861, verheiratete Hecht, gestorben. 1930; Helene; Jenny, geboren am 22. September 1868 in Hamburg; Max.
Jennys Vater Elias Calman(n) war in Geldgeschäften tätig; die Adressbücher geben hierzu Auskunft: Von 1860 bis gegen 1880 wird das Lotterie-, Geldwechsel- und Staatspapier-Geschäft genannt; 1890 taucht auch das Wort Bank auf, 1900 zusätzlich auch die Versicherung gegen »Coursverlust«, 1910 allein das Bankgeschäft. In den 1890er Jahren hatte Elias Calmann nahe Angehörige als Mitinhaber der Firma aufgenommen, die Adressbücher nannten als Inhaber E. (Elias), M. (Max) und A. (Aaron) sowie G. J. Rosenmeyer, Jennys Ehemann Gustav Joseph Rosenmeyer, geboren am 9. Mai 1858 in (Wuppertal-) Elberfeld. […]. Später trat auch Jennys Bruder Gotthelf Calmann der Firma bei. Auch ein Dr. Hans Calmann wird als Teilhaber der Bank genannt (der Verwandtschaftsgrad zu dem Gründer konnte nicht geklärt werden). Seit Beginn des NS-Regimes 1933 gingen die Geschäfte des Bankhauses kontinuierlich zurück. 1938 war ein Liquidator eingesetzt und den Anteileignern die Verfügung über ihr Vermögen entzogen worden. Am 23. Juni 1939 wurde das Bankhaus endgültig aus dem Handelsregister gelöscht.
Die Familie von Elias Calmann hatte es nicht leicht, sie zogen häufig um: In den frühen 1860er Jahren wohnten sie am Neuen Steinweg 97, dann am Holstenwall 2, 1863 in der Marienstraße 21, schließlich wurde von 1864 bis 1873 in der Neustraße 2 der Hamburger Neustadt eine Wohnung bezogen.
Schon einige Jahre vor seinem Tod am 6. Januar 1911 hatte Elias Calmann sich zurückgezogen, zuletzt lebte er als Privatier in der Hochallee 25. Wie sich offensichtlich die geschäftliche Grundlage der Firma konsolidierte, lässt sich auch an deren wechselnden Anschriften ablesen: Begann die Tätigkeit zuerst wohl von der eigenen Wohnung am Neuen Steinweg 97 und von der Neustraße 2 aus, so wurde sie bald ins Zentrum der Stadt, in die Amelungstraße 4 und an den Meßberg 37, verlegt, während sich die Wohnung in der Feldstraße 38 und dann im Grindelhof 34 befand. Noch vor der Jahrhundertwende lautete die Geschäftsadresse Neuer Wall 105, dann 101. Das Bankgeschäft bildete nun den Kern der Tätigkeit.
Zur Zeit von Jennys Geburt betrieb ihr Vater sein Geschäft wohl noch von der Wohnung in der Hamburger Neustadt, Neustraße 2, aus. Wie sie ihre frühen Jahre verbracht hatte, wissen wir nicht. Seit ihren Kinderjahren hat sie aber den Aufschwung der Firma miterlebt, und wir müssen sie uns sicherlich als Schülerin auf der Israelitischen Töchterschule vorstellen.
Jenny Calmann muss früh geheiratet haben, ein Datum ist nicht bekannt, lässt sich aber aus den Wohnsitzen der jungen Familie erschließen: Es muss in den Jahren 1889 oder 1890 gewesen sein. Eine Tochter, Lilly, wurde am 13. Juli 1891 geboren, der Sohn Kurt am 26. Juni 1893 und dann am 21. April 1903 der Sohn Werner. Auch die junge Familie wechselte öfter ihre Wohnung. Das Adressbuch von 1890 nannte Gustav Rosenmeyer in der Bergstraße 13; in den Ausgaben von 1891 bis 1894 lautete die Anschrift Bundesstraße 38. Für das nachfolgende Jahr wurde für Gustav Rosenmeyer auch "i. Fa. E. Calmann" genannt und als Anschrift nun die Rutschbahn 8, vermutlich eine der neuen Stellung geschuldete Verbesserung. Schon ein Jahr darauf lautete die Adresse Hallerstaße 43, später Rappstraße 12 und Innocentiastraße 33.
Am 29. Oktober 1914 starb Jennys Ehemann; sie blieb aber noch mindestens zehn Jahre in der Innocentiastraße, das Adressbuch von 1926 verzeichnet zum letzten Mal ihren Namen, die gerade genannte Anschrift und den Vermerk »i. Fa. E. Calmann«. Wo sie die nächsten Jahre wohnte, bleibt ungewiss. Die Volkszählung von 1939 nennt für sie die Senator-Hayn-Straße 5 (schon damals auch als Hayn-Straße bezeichnet). […].
Wann Jenny Rosenmeyer von der Gestapo in den Steubenweg 36 [seit 1941 ein "Judenhaus" in Blankenese, Anm. Sabine Brunotte] befohlen wurde, ist nicht bekannt. Das Haus war aber, nachdem die letzten jüdischen Jugendlichen es am 7. Juli 1941 verlassen hatten, leer und stand zur Aufnahme neuer Bewohner bereit. [Es war bisher als "Hachschara-Lager" zur Vorbereitung auf die Auswanderung in das Britische Mandatsgebiet Palästina bzw. seit 1935 auch als Tagesferienkolonie für jüdische Kinder genutzt worden. Anm. S.B.].
Jenny Rosenmeyer wurde am 19. Juli 1942 mit dem Transport VI / 2 nach Theresienstadt deportiert. Auf der Liste 1 der jüdischen Gemeinde findet sich ihr Name unter der Nummer 590. Mit ihr wurden weitere neun Menschen aus dem Steubenweg 36 – die letzten Bewohner des Hauses – in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, alle sind dort umgekommen. Jenny Rosenmeyers Todesdatum ist der 24. November 1942. […].
Auch einige von Jenny Rosenmeyers Geschwistern wurden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: Ihr Bruder Dr. med. Adolf Calmann war ein anerkannter Frauenarzt von internationaler Bekanntheit dank seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Im Jahr 1900 hatte er seine Praxis in den Colonnaden 67, einige Jahre später in der Schäferkampsallee 32 und obendrein eine Privatklinik in derselben Straße im Haus 36; 1919 konnte er in der Johnsallee 68 einen Neubau für seine Klinik beziehen, das sogenannten Calmann-Palais, errichtet von Erich Elingius. 1938 wurde er zu dessen Verkauf gezwungen, er selbst arbeitete an seiner alten Wirkungsstätte noch weiter. In letzter Minute konnte er mit seiner Ehefrau Jente, geborene Cohn, am 21. Januar 1941 nach Montevideo fliehen. Sein Bestand von 450 Fachbüchern wurde für 5 Mark von einem nicht jüdischen Kollegen ersteigert. 1954 kehrte Dr. Calmann nach Hamburg zurück; er starb hier am 7. Februar 1962.
Tragisch ist die Geschichte der Menschen im Calmann-Palais. Seine Patienten wurden zwangsweise in die diakonische Siloah-Klinik, Johnsallee 54, verlegt. Danach kamen die Patienten in das "Judenhaus" Schäferkampsallee 29, von wo aus 47 Patienten und acht Mitarbeiterinnen der Klinik nach Theresienstadt verschleppt wurden.
Jenny Rosenmeyers älterer Bruder Aaron Louis Calmann starb bereits 1936.
Gotthelf Calmann verstarb 1938. Er war wohl Teilhaber der Bank E. Calmann gewesen.
Hanna Calmann, verheiratete Hecht, starb schon 1930. Dr. Felix Hecht, ihr Ehemann wurde, am 19. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert und starb am 28. Oktober desselben Jahres in Auschwitz. Ihre Enkelin Ingeborg beschreibt das Leben ihrer Vorfahren in dem Buch "Als unsichtbare Mauern wuchsen. Eine deutsche Familie unter den Nürnberger Rassegesetzen" (Hamburg 1984).
Über die beiden anderen Geschwister, Helene und Max, sind keine weiteren Informationen bekannt.
Zu den Kindern von Jenny und Gustav Rosenmeyer:
Nach dem Besuch der Schule bis 1909 machte Kurt Rosenmeyer eine Lehre im väterlichen Bankhaus, dann von 1911 bis 1914 eine Ausbildung im Ausland; anschließend war er Soldat bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. In den Adressbüchern von 1937 und 1938 wird er als Teilhaber der Fa. E. Calmann genannt, seine Wohnanschrift lautete Alsterchaussee 16. Im Mai 1939 wird seine Anschrift mit Isestraße 69 angegeben. Kurzzeitig war Kurt Rosenmeyer 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Dort musste er zentnerschwere Säcke Zement über lange Strecken tragen, unter deren Last er zunächst zusammenbrach. Er war damals 46 Jahre alt und nicht besonders kräftig. Die Altersgrenze für diese Arbeit war auf 40 Jahre festgesetzt worden, jedoch musste jede Baracke die gleiche Anzahl an Arbeitskräften stellen, und da seine Baracke "überaltert" war, musste er diese Arbeit tun. Nach seiner Freilassung und kurz vor der überstürzten Abreise am 22. Juni 1939 "hat er seine [...] umfangreiche Bücherei verkauft. [...] Einige wertvolle Bücher und Keramiken lagerten im Freihafen zur späteren Versendung. Diese ist jedoch nicht erfolgt." Er besaß ein Durchreisevisum für die USA, kam aber nur bis England, wo er auf der Isle of Man interniert wurde, schließlich blieb er dauerhaft dort. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. […]. Er starb am 16. November 1970 in London.
Auch sein jüngerer Bruder, Werner Rosenmeyer, der Beim Andreasbrunnen 9 wohnte, war mehrere Wochen nach der Pogromnacht verhaftet und nach einer Nacht in Fuhlsbüttel ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht worden. Nach seiner Entlassung wurde er zur Ausreise gezwungen. Ihm gelang die Flucht nach England bereits sechs Monate vor seinem Bruder Kurt; er lebte dort noch 1973.
Über Lilly Rosenmeyer konnten keine weiteren Informationen gefunden werden.
Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber entnommen aus: "Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren" Jüdisches Leben in Hamburg-Blankenese, herausgegeben von Friedemann Hellwig, Frauke Steinhäuser, Alan Kramer und Petra Bopp, Hamburg 2024
Der Stolperstein wurde irrtümlich in der Oderfelder Straße verlegt, auf Wunsch der Familie verbleibt er dort.
Ergänzungen: Jenny Calmann und Gustav Joseph Rosenmeyer heirateten am 30. Mai 1890 in Hamburg. Gustav starb am 29. Oktober 1914 in einem Sanatorium in Bad Oeynhausen, vermutlich hatte er sich dort zur Kur aufgehalten. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel.
Zu Jennys Geschwistern: Ihre Schwester Helene wurde am 25. Oktober 1863 geboren. Sie heiratete 1888 Sophos Horwitz und lebte mit ihrer Familie in Schweden. Max Calmann, geboren 1865, starb am 31. August 1908 in Wiesbaden.
Das Schicksal von Jennys Tochter Lilly konnte inzwischen ebenfalls geklärt werden:
Aufgrund einer Beeinträchtigung lebte sie zeitweilig in verschiedenen Sanatorien und zuletzt bei einer jüdischen Familie in Berlin als Pensionsgast. Sie starb am 11. Oktober 1940 im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Berlin und wurde dort auf dem jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.
Lillys Brüder Kurt und Werner verblieben wie schon erwähnt in England. Werner Rosenmeyer war verheiratet, hatte aber keine Kinder. Er starb am 21. Februar 1976 in London.
Kurts Ehe mit Käte Weiss (geb. 1896) war geschieden worden. Die beiden Söhne Thomas Gustav (geb. 3.4.1920) und Andreas Emil (geb. 15.4.1922) besuchten die Gelehrtenschule des Johanneum. Andreas wurde mit einem Kindertransport nach England gerettet, Käte bekam eine Arbeitserlaubnis als Hausangestellte in England. Sie starb 1987 in den USA.
Thomas, der 1938 sein Abitur am Johanneum abgelegt hatte, konnte mit einem Stipendium in Cambridge studieren, bis er 1940 als "feindlicher Ausländer" in England verhaftet und nach Kanada abgeschoben wurde. Nach seiner Entlassung aus dem Internierungslager 1942 blieb er zunächst in Kanada. Er heiratete Lieselotte Hannes (geb. 11.9.1920 in Hamburg, gest. 2006 in Kalifornien) und wurde später in den USA ein bekannter Altphilologe. Professor Doktor Thomas Rosenmeyer starb am 6. Februar 2007 in Berkeley, Kalifornien. Andreas konnte seine in Hamburg begonnene Lehre in der Londoner Zweigstelle der Versicherungsfirma Bleichröder und Sohn fortsetzen. Als Soldat der Britischen Armee änderte er später seinen Namen in Andrew Rossmere. Er war einer der ersten Soldaten, die nach der Befreiung 1945 in Hamburg einmarschierten. Wie sein Bruder heiratete er eine Hamburgerin, Renate Löser (geb. 6.3.1924, gest. 2017). Das Paar wanderte später in die USA aus, wo Andrew weiter für Bleichröder (dann Bleichröder und Bing) arbeitete. Er starb 1976 in New York. Sowohl Thomas als auch Andrew gründeten Familien, so dass die Familiengeschichte weitergetragen wird.
Stand: November 2024
© Friedemann Hellwig/ Ergänzungen Sabine Brunotte, April 2026
Quellen: Volkszählung 1939, mappingthelives.org — Adressbücher — Gedenkbuch 2004 — geni.com — Wiedergutmachungsakte (Exzerpte Sabine Boehlich) — Christine Pieper, Die Sozialstruktur der Chefärzte des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Barmbek 1913 bis 1945, Munster / Hamburg 2003, S. 97 — Volker Schmiedel / Matthias Augustin (Hrsg.), Leitfaden Naturheilkunde, 7. Aufl., München 2017, S. 18.
Quellen Sabine Brunotte: StaH 264-621-1/85; StaH 332-5_8545; Sterberegister Standesamt Hamburg 03a, Eintrag Januar 1938, Urkunde Nr. 12; Landesarchiv Nordrhein Westfalen Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P3/11 (Standesämter Landkreis Minden), Nr. 126; schriftliche Auskunft Stadtarchiv Bad Oeynhausen, E-Mail vom 12.3.2026; schriftliche Auskunft S.R., E-Mail vom 19.2.2026; Eintrag Sterberegister Standesamt Berlin-Wedding vom 12.10.1940, Urkunde Nr. 5677; viermalleben.de, Mahnmal für die jüdischen Opfer der Deportation aus dem Steubenweg 36, Zugriff 22.1.2026; schriftliche Auskunft Archiv Centrum Judaicum Berlin, E-Mail vom 23.2.2026; schriftliche Auskunft P.R., E-Mails vom 23.3.2026, 26.3.2026 und 5.4.2026; FZH/WdE 163.

