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Bereits verlegte Stolpersteine



Jeanette Freundlich * 1873

Peterstraße 33 (Hamburg-Mitte, Neustadt)

1943 Theresienstadt
ermordet 03.08.1943

Weitere Stolpersteine in Peterstraße 33:
Joel Abrahamssohn, Pauline Abrahamssohn, Norbert Abrahamssohn, Jenny Becker, Ludwig Becker, Uri Becker, Else Grossmeyer, Erwin Grossmeyer, Hugo Grossmeyer, Louise Simon

Jeanette Freundlich, geb. am 19.10.1873 in Hamburg, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, dort gestorben am 3.8.1943

Peterstraße 33b

Der Vater von Jeanette Freundlich, Bernhard Freundlich (geb. 29.11.1842, gest. 29.3.1919), war Kürschnermeister und stammte aus Marienfelde im damaligen Ostpreußen (heute Glaznoty/Polen). Das Hamburger Adressbuch verzeichnete ihn erstmals 1874 in der ehemaligen Schlachterstraße 32 als "Mützenmacher", dann fünf Jahre später in der Straße Bei den Hütten 86 (heute Hütten). 1910 eröffnete er als Kaufmann ein "Partiewarengeschäft" in der Peterstraße 34/35. Bernhard Freundlich heiratete in zweiter Ehe die Hamburgerin Dina Braunschild (geb. 14.10.1851, gest. 11.9.1916), Tochter des Schneiders Levy Braunschild und Hanna, geb. Meyer. Das Ehepaar bekam zwischen 1872 und 1893 neun Kinder (s. Leopold Freundlich).

Jeanette Freundlich blieb unverheiratet, auch als sie von dem Kaufmann Bruno Behrens aus Ortelsburg in Ostpreußen schwanger wurde. Mit 37 Jahren, am 21. Dezember 1910, brachte sie einen Sohn zur Welt, den sie Erich nannte und in dem Israelitischen Kinderheim in der Lützowstraße 35–37 in Köln unterbrachte.

Nach einer problematischen Schwangerschaft und einer schweren Geburt, musste Jeanette Freundlich um 1920, nach 17-jähriger Tätigkeit als "Directrice" (Leiterin oder Fachaufsicht) in einem Hamburger Kaufhaus, ihren Beruf wegen einer "Nervenschwäche" und "nervöser Herzstörungen" aufgeben.

Nach einem längeren Landerholungsaufenthalt wurde ihr die Diagnose Diabetes gestellt. Sie konnte keine geregelte Berufstätigkeit mehr ausüben, geriet in finanzielle Not und fand Aufnahme im Haushalt ihrer verheirateten Schwester Martha Graetz (geb. 1.6.1878) in der Eimsbüttlerchaussee 37. Da dies keine dauerhafte Lösung sein konnte, bezog sie ein Zimmer im selben Haus in der zweiten Etage bei Horn. Die Miete übernahm ihr Schwager Waldemar Graetz.

Der Kaufmann Waldemar Graetz (geb. 28.5.1880 in Löwen/Schlesien) besaß zwei Herrenbekleidungsgeschäfte im Neuen Steinweg und Große Bleichen. Wann immer es Jeanettes Gesundheit erlaubte, arbeitete sie in einem dieser Geschäfte als Aufsicht und Kassiererin. 1929 jedoch wurde sie völlig erwerbsunfähig und bezog eine Rente von 71,80 Reichsmark. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten wurde ihr 1930 eine Kur genehmigt, die sie, weil sie streng rituell lebte, in einem Israelitischen Kurhospiz in Bad Kissingen verbrachte.

In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 geriet ihr Schwager Waldemar Graetz vorübergehend in Haft und nachdem sein letztes Geschäft, jetzt in den Colonnaden 66/68 "arisiert" worden war, entschied sich das Ehepaar Graetz, Deutschland zu verlassen. Im August 1939 emigrierten sie nach Manila. In ihrer Wohnung in der Feldbrunnenstraße 3, die sie 1936 bezogen hatten, konnte Jeanette Freundlich nicht bleiben. Sie lebte in den folgenden Jahren zur Untermiete an verschiedenen Adressen, zog aus der Magdalenenstraße 9 in die Parkallee 4–6 von dort in die Hansastraße 76, dann in die Bundesstraße 35 und am 28. Dezember 1941 in die Schäferkampsallee 29. Die beiden letztgenannten Unterkünfte waren bereits sogenannte Judenhäuser. Ihren Deportationsbefehl für den 23. Juni 1943 nach Theresienstadt erhielt Jeanette Freundlich im jüdischen Altenheim in der Beneckestraße 6.

Jeanette Freundlich ist am 3. August 1943 im Alter von knapp siebzig Jahren im Getto verstorben, laut der Todesfallanzeige an ihrer Herzschwäche, in der Bahnhofsstraße 6, Zimmer 116.

An Jeanette Freundlich erinnert ein Stolperstein vor dem heutigen Haus in der Peterstraße 33b. Der Verlegeort entspricht jedoch einem veralteten Forschungsstand. Das ehemalige Haus mit der Nr. 33b befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Ecke Peterstraße/Hütten.

Martha und Waldemar Graetz gehörten im Februar 1945 zu den Opfern des "Massakers von Manila". Sie wurden von japanischen Marineinfanteristen, die ihren Frust und Ärger an der Zivilbevölkerung ausließen, in der von amerikanischen und philippinischen Verbänden eingeschlossenen philippinischen Hauptstadt Manila im Gebäude des Roten Kreuzes, wo sie Zuflucht gesucht hatten, ermordet.

Jeanettes Bruder Hermann (geb. 30.4.1872) heiratete am 16. Oktober 1917 Dorothea Behrendt (geb. 22.3.1878 in Berlin). Er verstarb bereits am 31. März 1923. Seine Witwe Dorothea Freundlich wurde am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert.

Das Schicksal von Jeanette Freundlichs Sohn Erich
Erich war im Alter von sechs Jahren von Köln nach Hamburg zurückgekehrt. Er lebte in der Familie seines Vormundes David Rosenblatt im Grindelviertel und besuchte die Talmud Tora Schule am nahegelegenen Grindelhof. In der Sexta traten bei Erich epileptische Anfälle auf. Die Behörde der öffentlichen Jugendfürsorge ließ ihn daraufhin in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg einweisen.

Am 25. Mai 1922 wurde er in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. In einem ärztlichen Gutachten klang schon 1922 Antisemitismus durch, denn es hieß: "Er [Erich] hat einen unsozialen Charakter, vergreift sich in jüdischer Weise an seinen Mitpatienten, zeigt Hang zur Lüge und vielerlei Unarten, besonders gefährlich ist seine Neigung mit Feuer zu spielen. Freundlich bedarf dringend der Anstaltsversorgung." Eine spätere Beurteilung klang etwas milder: "[…] lernt in der Schule gut. Ist ein durchtriebener, listiger Knabe, der bei aufmerksamer Erziehung ein leidlich brauchbarer Mensch werden kann, aber ohne Erziehung entarten wird." 1924 übernahm das Jugendamt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde die Vormundschaft für Erich und veranlasste am 13. November 1928 seine Unterbringung in die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof zu Idstein im Taunus. Zu diesem Zeitpunkt war die Einrichtung eine pädagogisch modern orientierte Anstalt für Jungen und Mädchen mit Lernbehinderungen.

Erich absolvierte eine Lehre als Buchbinder, die er im August 1932 mit Auszeichnung als Jahrgangsbester abschloss. Nach halbjähriger Ausbildung an einer Musikschule für Geige und Gesang in Wiesbaden kehrte er etwa 1933 nach Hamburg zurück und wohnte wieder bei seinem Vormund in der Grindelallee 102.

Erich Freundlich schloss sich der Deutsch-Jüdischen Jugend in Hamburg an und erhielt durch die Zionistische Vereinigung ein Engagement in Tiberias. Am 30. Dezember 1933 reiste er über Triest nach Palästina, kehrte aber schon im August 1934 wegen der dort herrschenden politischen Unruhen und einer Malariaerkrankung nach Hamburg zurück. In der Folgezeit arbeitete Erich als Geiger in Kaffeehäusern, bis er als Jude nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Er war dann bei einer Möbeltransportfirma beschäftigt sowie als Hausdiener z. B. in der Pension Liebermann in Volksdorf und als Vertreter der Buchbinderei Rothe, Alter Steinweg 73. Erich Freundlich lebte als Untermieter an verschiedenen Adressen. Innerhalb der Neustadt wohnte er einige Zeit im Langergang 26 und der nahegelegenen Wexstraße 26b. Dort wurde Erich Freundlich im August 1936 verhaftet. Fälschlicherweise hatte ein Denunziant behauptet, Erichs Verlobte sei "arisch". Im Verhör gab Erich Freundlich an, er sei seit drei Jahren verlobt und beabsichtige Deutschland zu verlassen.

Seine Braut wurde in dem Protokoll namentlich nicht erwähnt. Es wurde aber ihre jüdische Herkunft belegt. Während Erichs Untersuchungshaft verfügte das "Erbgesundheitsgericht" auf Antrag eines beamteten Arztes am 23. September 1936 seine Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn. Aufgrund seiner früheren epileptischen Anfälle – den letzten Anfall hatte er 1926! – sollte ein erbbiologisches Gutachten auf "erbliche Fallsucht" erstellt werden. Am 13. Januar 1937 wurde Erich Freundlich nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in der Universitätsklinik Eppendorf zwangssterilisiert. Sein Einspruch blieb erfolglos. Aus der bereits früh für ihn angelegten Fürsorgeakte ist zu entnehmen, dass seine Verlobte Frieda Franziska Emanuel (geb. 8.10.1913) hieß und dass er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus für einige Zeit bei ihren Eltern in der Henriettenstraße 32 wohnte, bis das Paar ein Zimmer in der Treskowstraße 10 fand. Frieda Franziska Emanuel hatte einen Sohn namens Wolfgang (geb. 29.12.1935), der bei den Großeltern lebte und dessen Vater Kurt Benthien nichtjüdisch war. Jetzt wurde Frieda unter dem Vorwurf der "Rassenschande" verhaftet. Sie kam 1938 zunächst ins KZ Fuhlsbüttel und von dort über das KZ Lichtenburg ins Frauen-KZ Ravensbrück. Frieda Franziska Emanuel gehörte 1942 zu den kranken und nicht mehr arbeitsfähigen Häftlingen, die im Rahmen der "Sonderbehandlung 14f13" in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet wurden. (s. Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und Hamburg-Hoheluft-West).

Erich Freundlich gelang es nicht mehr, Deutschland zu verlassen, stattdessen lebte er als Untermieter in der Rosenhofstraße 14, in der Vereinsstraße 14 bei Spitzkopf und in der Rutschbahn 39 bei Wolf. Von dort zog er in die Rappstraße 15.

Am 10. Oktober 1940 heiratete er die ebenfalls jüdische Klara Laupheimer (geb. 24.6.1904). Sie hatte ebenfalls eine Ausbildung als Buchbinderin absolviert und aus einer früheren Verbindung einen drei Jahre alten Sohn namens Manfred Elias Laupheimer.

Kurz nach der Eheschließung geriet Erich Freundlich am 12. Dezember 1940 erneut in Haft. Die Verhaftung veranlasste Willibald Schallert, Leiter der "Sonderdienststelle J" des Hamburger Arbeitsamtes am Sägerplatz.

Erich konnte nach einer Knieverletzung die ihm zugewiesene schwere Zwangsarbeit in der Firma Emil Schmidt Tief- und Straßenbau in Harsefeld nicht mehr leisten. Er kam auf die Idee, sich auf eine Zeitungsanzeige der Firma Lehmann & Hildebrandt in der Wendenstraße 493 in Hamburg-St. Georg zu melden, die einen Kartonagenzuschneider suchten. Er gab sich am Telefon als Mitarbeiter des Arbeitsamtes aus, der einen "Mischling" für die neu zu besetzende Stelle hätte. Mit einer Rasierklinge entfernte er aus seinem Arbeitsbuch den Zusatznamen "Israel", den er wie alle männlichen Juden seit dem 1. Januar 1939 zu tragen verpflichtet war, und fügte an dieser Stelle den Namen Georg ein, stellte sich bei der Firma vor und wurde eingestellt. Nach einer schriftlichen Aufforderung, sich auf der "Dienststelle für den Judeneinsatz" beim Leiter Schallert zu melden, gab er sich dort telefonisch als Vollzugsbeamter aus und erklärte, "Erich Freundlich könne nicht auf dem Arbeitsamt erscheinen, da er sich in Untersuchungshaft befände". Nach drei Wochen flog der Schwindel auf. Am 25. April 1941 wurde Erich Freundlich wegen "gewinnsüchtiger Urkundenfälschung, Nichtführens seines jüdischen Vornamens, Amtsanmaßung sowie Verstoßes gegen das Kriegsgesetz zur Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels" zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, die er im Harburger Männer-Gefängnis verbüßte.

Am 13. Juni 1941 wurde er aus der Haft entlassen. Knapp zwei Monate später wurden die Namen von Erich Freundlich und seiner Frau Klara auf eine Ersatzliste gesetzt, die für eventuelle Ausfälle des Hamburger Transportes am 25. Oktober 1941 ins Getto "Litzmannstadt" nach Lodz vorgesehen war. Ihre Deportationsbefehle erhielten sie im Durchschnitt 8, wo sie bei Klaras Familie wohnten: Bei ihrer Mutter Marianne Laupheimer, geb. Leo (geb. 3.6.1867 in Wandsbek), und der älteren ledigen Schwester Rosalie (geb. 25.12.1899). Klaras Vater Martin Laupheimer (geb. 8.5.1854 in Laupheim) war am 5. Dezember 1939 verstorben.

Im Getto bekam das Ehepaar Freundlich eine Unterkunft in der Hausierer Gasse 2, Wohnung 25 zugewiesen. Erich Freundlich starb, knapp ein Jahr nach seiner Ankunft, am 6. Oktober 1942 in Lodz. Das Todesdatum seiner Ehefrau Klara ist unbekannt.

Ihr Sohn Manfred Elias wurde zusammen mit seiner Großmutter Marianne und seiner Tante Rosalie Laupheimer am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert, auch ihre Todesdaten sind unbekannt.


Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 3; 4; 6; 9; StaH 351-11 AfW 15814 (Freundlich, Wilhelm); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1181 (Freundlich, Jeanette); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge Abl. 1999/2 Freundlich, Erich; StaH 242-1 II Gefängnisverwaltung II, Abl.16 Untersuchungshaftkartei für Männer; StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht-Strafsachen 4374/41; StaH 352-8/7 Abl. 2/1995 Staatskrankenanstalt Langenhorn 23743; StaH 314-15 OFP, R1939/190; StaH 332-5 Standesämter 749 u 813/1916; StaH 332-5 Standesämter 8721 u 283/1917; StaH 332-5 Standesämter 8055 u 236/1919; StaH 332-5 Standesämter 9801 u 746/1923; StaH 332-7 B III 49602/1895; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 1; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; UKE/IGEM, Patientenakte Erich Freundlich der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg Akten-Nr. 48855; Nationalarchiv in Prag/Theresienstädter Initiative, Jüdische Matriken, Todesfallanzeigen Theresienstadt (Jeanette Freundlich); Bajohr: "Arisierung", S. 358; https://de.m.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Manila (Zugriff 31.7.2016); Ephraim: Escape, S. 147–148.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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