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Alfred Norden * 1897

Lippmannstraße 69 (Altona, Sternschanze)


HIER WOHNTE
ALFRED NORDEN
JG. 1897
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Lippmannstraße 69:
Amandus Karges

Alfred David Norden, geb. am 5.3.1897, deportiert nach Auschwitz am 12.2.1943, ermordet

Lippmannstraße 69 (Friedenstraße)

Einige Wochen nachdem die "Mischehe" zwischen ihm und seiner nichtjüdischen Frau Frieda Norden geschieden worden war, musste Alfred Norden die Fahrt nach Auschwitz antreten.

Frieda Norden erklärte am 25. Juli 1948 vor dem Amt für Wiedergutmachung, dass "ich als arische Frau meines jüdischen Mannes durch die Verfolgungen der Gestapo, die einer seelischen Folter gleichkamen, dazu getrieben wurde, mich äußerlich von meinem Mann zu trennen. Anfang 1943 wurde unsere Ehe aufgehoben. Mein Mann wurde im Februar 1943 nach Polen deportiert und ich habe nie wieder von ihm gehört. Man hat ihn im K.Z. ermordet."

Alfred David Norden wurde am 5. März 1897 in Hamburg geboren als Sohn von Hermann und Esther Emilie Norden, geb. Levisohn, die aus Kopenhagen stammte. Er hatte zwei ältere Geschwister: die Schwester Lea, genannt Lieschen, geboren 1890, den Bruder Siegfried, geboren 1892. Nach dem Besuch der Realschule absolvierte Alfred Norden eine kaufmännische Lehre bei dem Altonaer Hausmakler Hermann A. Cohn. Der gelernte Buchhalter blieb dort als Angestellter bis Ende September 1916, als das Geschäft verkauft wurde.

Es folgte der Heeresdienst. Im Ersten Weltkrieg diente Alfred Norden von 1916 bis Kriegsende im Fronteinsatz bei der Infanterie. Zurück in Hamburg, erhielt er 1919 eine Anstellung als Lagerist bei der Hamburger Firma Heckscher und Levy, Lederwaren en gros. Ab März 1921 war er als Buchhalter und Lagerist bei der Altonaer Firma Alfred Friedheim Nachfolger, Polstermaterialien en gros, beschäftigt, wo er verantwortlich war für den Verkauf aus dem Lager, den fernmündlichen Kontakt mit der Kundschaft, die Korrespondenz und die Buchhaltung. Im April 1929 musste die Firma Konkurs anmelden und Alfred Norden wurde im Zuge ihrer Liquidierung entlassen. Im selben Jahr wurde ihm eine "Herzneurose" attestiert, d. h. eine psychische Störung, Angst vor Herzinfarkt ohne organischen Befund.

Während der Wirtschaftkrise und der Massenarbeitslosigkeit war es ihm unmöglich, eine neue Festanstellung zu finden. Seine Zeugnisse waren gut; er galt als "strebsam", "fleissig, ehrlich und gewissenhaft", auch habe er sich als "tüchtiger und absolut sicherer Rechner erwiesen". Dennoch war er in den folgenden Jahren immer nur vorübergehend als Aushilfe tätig, so im November und Dezember 1929 im Betriebsbüro der Altonaer Möbelfabrik Holsatia-Werke, die im Besitz eines jüdischen Inhabers war, und von Juni 1930 bis Ende des Jahres bei der Hausmaklerfirma Hugo Hirsch. Schließlich bezog er Arbeitslosenunterstützung und zusätzlich "Krisenunterstützung" wegen besonderer gesundheitlicher Probleme: Immer noch litt er unter "Herzneurose und schwächlicher Gesundheit". Zum März 1932 lief die Höchstbezugsfrist aus und Alfred Norden schied als Bezugsberechtigter des Arbeitsamtes aus. Er stellte einen Wohlfahrtsantrag bei der Fürsorge, die ihm 5 Reichsmark pro Woche bewilligte.

Zu dem Zeitpunkt lebte er bei seiner pflegebedürftigen 71-jährigen Mutter in ihrer Stiftswohnung im Levy-Stift, Bundesstraße 35, Haus C, Parterre. Auch seine Mutter bezog seit 1931 Wohlfahrtsunterstützung. Nach dem Tode von Alfred Nordens Vater 1913 hatten ihre drei Kinder sie unterhalten, doch im Zuge der Wirtschaftskrise und des zunehmenden Antisemitismus waren alle drei arbeitslos geworden.

Am 15. März 1932 beantragte Alfred Norden beim Wohlfahrtsamt einen höheren Unterstützungsbeitrag: "Gewiß, ich wohne in der Freiwohnung meiner Mutter, aber ich kann doch nicht von der ihr unter Berücksichtigung meiner damaligen Einnahmen (nämlich der Krisenunterstützung von RM 8 pro Woche) bereits gekürzten Wohlfahrtsunterstützung noch mitzehren. Ich muss […] meinen Lebensunterhalt ganz allein bestreiten und bin wirklich von schwächlicher Konstitution."

Sein Antrag wurde nicht genehmigt. Alfred Norden kämpfte um seine Existenzsicherung. Eine Zeitlang bewilligte man ihm eine "Essenskarte für rituelles Essen". Im April 1933 teilte ihm die Wohlfahrtsstelle mit, dass "neben der Essenkarte eine höhere Unterstützung als RM 4.- wöchtl. nicht gezahlt werden kann". Er antwortete: "Es muss ein Mißverständnis vorliegen, da mir die Essenkarte für die israelitische Küche ja gerade entzogen worden ist." Schließlich trug er seinen Wunsch vor, ein kleines Zimmer zu mieten, um mit seiner Verlobten Frieda Erna Exner zusammenwohnen zu können. Als zusätzliche Belastung erwähnte er, dass seine Verlobte unter einer Nervenkrankheit leide.

Alfred Norden versuchte mit Gelegenheitsarbeiten wie Adressenschreiben und Vertretertätigkeiten etwas Geld zur kargen Unterstützung hinzu zu verdienen. Schließlich fand er bei "Erdarbeiten" und als Hilfskraft gegen sehr geringe Entlohnung in auswärtigen Arbeitslagern eine Beschäftigung. Im August 1933 konnte er sich bei der Wohlfahrtsbehörde und beim Arbeitsamt abmelden, da er eine Anstellung gefunden hatte, "zu RM 70 pro Monat". Nun sei er selbst in der Lage "ein Zimmerchen zu mieten".

Alfred Norden und Frieda Exner schlossen am 24. Oktober 1933 den Bund der Ehe, zehn Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Frieda Norden, geb. am 1. September 1899, war gelernte Kontoristin und stammte aus Altona. Sie war nichtjüdischer Herkunft.

Ab Dezember 1933 wohnten die Eheleute in Altona im vierten Stock der Friedenstraße 69 (heute Lippmannstraße). Sie vermieden es, Kinder zu bekommen, denn Frieda Norden war jahrelang wegen Nervenleiden in Behandlung gewesen und hatte zweimal eine "Opiumkur" gemacht. Das Paar lebte in dem Arbeiterquartier nach wie vor an der Grenze des Existenzminimums und litt unter dem wachsenden Antisemitismus, wie Frieda Norden beschrieb: "Denn uns trafen schon 1933 die Gesetze mit ganzer Schärfe, weil wir sehr arm waren. Mein Mann verlor schon zwei Tage nach der Heirat seine Stellung. Er war nur ein kleiner Angestellter und hatte keine Ersparnisse machen können, weil er eine alte Mutter zu unterstützen hatte. Diese ganzen Jahre waren eine einzige Notzeit für uns beide, denn ich galt wohl theoretisch als Arierin, wurde aber praktisch als Jüdin gewertet, mit fortgesetzten Demütigungen überall und nur Geduldetsein in Wohnungen usw." Das Arbeitsamt vermittelte Frieda Norden keine Arbeitsstelle. "Ich wurde stets zurückgewiesen mit dem Hinweis, daß ich mit einem Juden verheiratet war. […] Später wurde mein Mann mit allerschwerster Erdarbeit beschäftigt zu niedrigstem Lohn, der nicht zum notwendigsten Lebensunterhalt ausreichte. Ich selbst lag mit Nervenanfällen im Bett. […] Wir haben gemeinsam gehungert und gefroren bei oftmals 5 Grad Kälte in einem nicht heizbaren Zimmer. […] Wir hatten nicht einmal Licht, weil wir weder solches noch die Verdunkelungsmaßnahmen zahlen konnten."

Schon früh hatte sich Alfred Norden an seinen aus Berlin nach Palästina ausgewanderten Bruder Siegfried gewandt mit der Bitte, ihm bei der Emigration zu helfen, weil er selbst völlig mittellos sei. Doch die Auswanderungspläne schlugen fehl.

Am 26. Juni 1935 trat Alfred Norden aus der Jüdischen Gemeinde aus. 1936 verstarb seine Mutter. Im August 1938 zog das Ehepaar Norden in den Rebhuhnstieg in Hamburg-Stellingen. Ende September 1938 schickte das Arbeitsamt Alfred Norden zur Wohlfahrtsstelle, wo er als jüdischer Fürsorgeempfänger zur Pflichtarbeit, "Unterstützungsarbeit" genannt, bei der Hamburger Baufirma Tiefstack in der Kruppstraße eingewiesen wurde. Offenbar war er dort als Hilfskraft im Straßenbau tätig, weil er für die schwere "Erdarbeit" zu schwach war.

Am 25. Oktober 1941 musste Alfred Norden erleben, dass seine Schwester Lea Norden, ehemalige Krankenschwester im Israelitischen Krankenhaus an der Eckernförderstraße (heute Simon-von-Utrecht-Straße), nach Lodz deportiert wurde. Er selbst war durch seine nicht privilegierte "Mischehe" mit einer "Arierin" zwar nicht von der Kennzeichnungspflicht der Juden ausgenommen und musste den "Judenstern" tragen, war aber zunächst vor den beginnenden Großdeportationen geschützt.

Doch auch ihn trafen die Maßnahmen zur Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung. Am 21. September 1942 wurde Alfred Norden in ein Zimmer in einer Dreizimmerwohnung im "Judenhaus" Rutschbahn 25 a zwangseinquartiert. Das Paar lebte seitdem getrennt.

Die Gestapo übte inzwischen zunehmenden Druck auf Frieda Norden aus, sich scheiden zu lassen. Sie konnte der Belastung nicht standhalten: "Es gibt eine Grenze des Ertragbaren. Als nämlich das Schlimmste kam, die fortgesetzten Beorderungen zu der Gestapo, da war ich schon mit meinen Nerven am Ende. […] Nur auf Druck der Gestapobeamten hin ist es zu einer Scheidung zwischen mir und meinem Mann gekommen." Ihr war versprochen worden, "sie würde in Ruhe gelassen, wenn die Ehe geschieden sei".

"Als ich meinen Mann fragte, wie er es denn ertragen könnte, als Verfolgter in Deutschland zu leben, erwiderte er mir, dass er einem Volke angehöre, das schon seit Jahrtausenden verfolgt würde. Erst als wir beide fürchten mussten, daß er hier in Deutschland vernichtet werden würde, entschlossen wir uns zur Trennung. Daß er in Polen dagegen im K.Z. ermordet wurde, war das Ergebnis eines tragischen Irrtums von uns beiden und die Unkenntnis der völligen Vernichtungsziele der Nazis. […] Wir haben unsere Ehe formell trennen lassen, weil wir fürchteten, daß mein Mann hier in Deutschland umgebracht würde und nahmen an, daß er im Ausland genau wie in Mecklenburg u.s.w. in Arbeitslägern arbeiten müsste und nach Aufhören der Nazi-Herrschaft heimkehren würde."

Die Ehe wurde am 14. Dezember 1942 in beiderseitigem Einvernehmen geschieden.

Nach der Scheidung konnte sich das Paar nur noch heimlich treffen: "Er wurde in einer Gettowohnung am Grindel untergebracht. Wir haben uns nach vorher getroffener Vereinbarung am 1. Weihnachtstag 1942 auf der Straße getroffen." Bei diesem Treffen gab Alfred Norden ihr einen Brief mit der Bitte, ihn zu verbrennen:
"Ja, immer meine geliebte […], mögen die Leute auch tausendmal sagen, dass du längst nicht mehr meine bist. […] Wie du bin auch ich ganz einsam und verlassen worden und bin so traurig, daß ich immerzu weinen möchte. […] Was habe ich alles schon für Pläne ausgedacht, um dir ein Lebenszeichen von mir zu geben, um dich aus deinem evtl. Wahne aufzuschrecken, als habe dein Boschy Dich vergessen. […] So bleibe auch ich dir innerlichst immer treu und du selbst bist mein Neues Testament. So wahr Jesus gelebt hat, so wahr lebst du in mir. [...] Heute ist Sonntag. Da sitze ich ganz verwaist in meinem Zimmer. […] Du sagtest immer, darum sei ich besser dran, weil es mir nicht schwer fällt, den äusseren Konnex mit der Umgebung zu finden. Das mag wahr sein, doch umso grausamer ist dadurch die Erkenntnis der inneren Leere und Kälte der Mitmenschen. Das warme Gefühl, das Geborgensein in meinem geliebten Weibe, alles Herzliche, geistige und Ideale, das uns gemeinsam umfing und uns selbst gegen bitterste Armut zäh machte, ist dahin. Ach, glaube auch du an die Auferstehung! […]
Mein Zimmer ist geräumig, neu dekoriert und tapeziert, es ist elektrisches Licht da, Verdunkelungsrollo und es ist warm. Ein Bett ist da und ich habe zu essen und zu trinken. Müsste man da nicht zufrieden sein? […] Du, die Seele fehlt! [...] Mir ist es, als sitze ich in einem Wartesaal und tatsächlich kann ja auch jeden Tag ganz plötzlich mein Abschub losgehen. In Berlin sollen dauernd Transporte gehen. In Hamburg wird es schlagartig wieder einsetzen. Dann muss es sich erst zeigen, ob ich mich bewähre, und ob mein Glaube auch stark genug ist, dass er mich in glücklicheren Zeiten wieder dahin trägt, wo ich glücklich war, zu Dir. […] Das walte Gott! Ich muss den Kelch trinken, gehorsam sein, wie sein Sohn. Tiefinnigst Dein Boschy".

Alfred Nordens letzte Nachricht an seine Frau lautete: "Ich muß Freitag um 9 Uhr vorm. auswandern. Weil ich dich so gern noch einmal sehen möchte, sei bitte unbedingt am Donnerstag um 12 Uhr mittags an der Stelle, wo wir uns Weihnachten getroffen haben. Immer dein […]"

Frieda Norden sah bei dieser Gelegenheit ihren Mann zum letzten Mal. "Am 12.2. wurde er nach dem Osten deportiert. Am Tag der Abreise haben wir uns nochmal getroffen. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört."

Alfred Norden wurde auf Veranlassung der Gestapo am 12. Februar 1943 von Hamburg nach Berlin und vom zentralen Sammellager Berlin am 19. Februar weiter nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.

Frieda Norden hatte immer damit gerechnet, ihr Mann werde zurückkehren, erst 1945 wurde ihr klar, dass das nicht der Fall sein würde. Die Ehe zwischen Alfred und Frieda Norden wurde am 2. Juli 1956 nach langwierigen Bemühungen der Witwe wieder anerkannt. Frieda Norden litt lebenslang unter Depression und Migräne. "Wir Menschen sind alle unzulänglich und wenn mich ein Verschulden treffen sollte, dann dadurch, daß durch die nach außen hin verschleierten aber sadistischen seelischen Quälereien der Gestapo meine Nerven damals versagt haben, so büße ich solches durch ein nur noch vegetierendes Dasein und schlaflose Nächte seit Jahren ab." Sie starb 1967.

Für Alfreds Schwester Lea Norden (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) liegt ein Stolperstein in der Simon-von-Utrecht-Straße 4 vor dem Gebäude des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses, wo sie zwanzig Jahre lang als Krankenschwester tätig war.

Stand September 2015

© Birgit Gewehr

Quellen: 1; 4; 5; 8; AB Altona; StaH 424-111 Amtsgericht Altona, 5800 (Todeserklärung Alfred Norden); StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 21766 (Norden, Frieda, auch Fürsorgeakte); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge – Sonderakten, 1635 (Norden, Julius); StaH 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 e 2 Band 5 (Deportationsliste Auschwitz via Berlin, 12.2.1943); Biographie für Lea Norden siehe Jungbluth/ Ohl-Hinz, Stolpersteine in Hamburg-St. Pauli, S. 149 f.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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