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Bereits verlegte Stolpersteine



Meta Müller (geborene Eichenbronner) * 1883

Eppendorfer Landstraße 30 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

1941 Lodz
1942 ermordet in Chelmno

Weitere Stolpersteine in Eppendorfer Landstraße 30:
Dr. Paul Blumenthal, Julius Cohn, Gertrud Cohn, Hermann Müller, Erna Polak, Moritz Polak

Hermann Müller, geb. 25.3.1884 in Leer, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, dort am 19.4.1942 gestorben
Meta (Meda) Müller, geb. Eichenbronner, geb.10.6.1883 in Wiesenbronn, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, zwischen 7. und 9.5.1942 nach Chelmno weiterdeportiert

Eppendorfer Landstraße 30

Meta Eichenbronner wuchs in Wiesenbronn auf, einem kleinen Ort der unterfränkischen Weinbaugegend am Fuße des Schwanbergs, im Landkreis Kitzingen gelegen. Ihr Großvater und ihr Vater waren dort Pferdehändler. Sie zog von Bayern nach Ostfriesland und heiratete Hermann Müller aus Leer. Hermann war das jüngste Kind, ein Nachzügler, des fünfundsechzigjährigen "Mechanicus und Handelsmann" Joseph Müller und seiner Frau Marianne. Da in den Personenstandsbüchern von Leer die Familie Müller ab 1900 nicht mehr erwähnt wird, ist vermutlich die ganze Familie um diese Zeit nach Wilhelmshaven gezogen. Meta und Hermann bauten hier zusammen mit dem Kaufmann A. Paul einen Obst- und Gemüsegroßhandel auf: "Müllers Markthallen für Obst, Gemüse, Südfrüchte und Konserven en gros und en detail OHG". Die Geschäfte liefen gut, so konnten sie das Eckhaus Gökerstraße 35/Marga­re­thenstraße 2 kaufen und als Wohn- und Geschäftshaus nutzen.

In den Jahren 1910 und 1911 wurden jeweils im Mai ihre Töchter Käthe und Irmgard in Wilhelmshaven geboren. Durch den April-Boykott jüdischer Geschäfte 1933 erlitt auch der Obst- und Gemüsegroßhandel von Hermann Müller große finanzielle Einbußen. 1935 gab er das Geschäft auf und verkaufte es an einen "arischen" Kaufmann.

1938 zogen Meta und Hermann Müller nach Hamburg, in die Eppendorfer Landstraße 30. Das sollte aber nur eine Zwischenstation sein. Sie wollten wie ihre Töchter auswandern: Käthe war in die USA emigriert, Irmgard hatte es geschafft, nach Argentinien zu gelangen. In Hamburg gingen die Müllers keiner Beschäftigung nach, sondern lebten vom Erlös des verkauften Hauses, der Grundstückspacht und von Metas Beteiligung an einem Grundstück in der Marktstraße 10 in Wilhelmshaven. Wie alle Jüdinnen und Juden, die mehr als 5000 RM besaßen, standen auch sie unter "Sicherungsanordnung" des Oberfinanzpräsidenten. Dies bedeutete, dass sie nur eine be­stimmte monatliche Summe von ihrem Konto zugeteilt bekamen und alle Mehrausgaben beantragen mussten. So stellte zum Beispiel Hermann Müller am 11. März 1940 einen "An­trag auf Freigabe gem. § 59 Devisen Gesetzes gesicherter Beträge": "Ich beantrage die Frei­gabe von RM 200.- zu Lasten meines beschränkt verfügbaren Sicherungskontos bei der Ham­burger Sparkasse von 1827. Auszahlung an mich zur Bestreitung der erhöhten Lebens­haltungskosten durch Aufnahme von 2 Verwandten, die auswandern wollten, aber durch Absage der Passage gezwungen sind, noch einige Wochen hier zu bleiben.

Da sie ihre Wohnung in Emden schon aufgegeben und ihren Haushalt aufgelöst haben, war ich gezwungen, mich ihrer anzunehmen, um so mehr als sie auch über eigene Mittel nicht mehr verfügen. Voraussichtlich werden sie Anfang April ausreisen können. Es liegt auf der Hand, dass ich diesen Haushaltszuwachs nicht mit dem mir zugebilligten Freibetrag verpflegen kann." Bewilligt wurden ihm aber nur 100 RM. Die Auswanderungspläne von Hermann und Meta Müller schlugen fehl. Am 25. Oktober 1941 wurden sie ins Getto Lodz deportiert und dort in Zimmer 28 im Haus Rembrandtstraße 12 eingewiesen. Hermann Müller starb nach sechs Monaten, 58-jährig, an den elenden Bedingungen des Gettos. Meta Müller erhielt zwei Wochen nach dem Tod ihres Mannes die "Aufforderung zur Ausreise".

Mit einem Brief an die Ausweisungskommission des Gettos versuchte sie diese abzuwenden: "Soeben erhalte ich die Ausreise-Aufforderung und bitte Sie aus nachstehenden Gründen mich davon zu be­freien. Mein Mann Hermann [unleserlich] Er war ab 10. Februar beim Sanitäts-Hilfsdienst beschäftigt und hat seinen Dienst bis ca. 14 Tage vor seinem Tod versehen. Ich selbst bin bettlägerig und seit Wochen in Behandlung des Herrn Dr., [unleserlich] . Bemerken möchte ich noch, daß ich keinerlei Unterstützung in Anspruch genommen und auch niemand zu unterstützen habe. Für meine körperliche Pflege sorgen meine hiesigen Verwandten. Aus obigen Gründen bitte ich sie höflichst mein Gesuch zu genehmigen. Ergebenst Meta Müller Rembrandtstraße 12/Zimmer 28."

Dies sind die letzten erhalten gebliebenen Zeilen von Meta Müller. Ihr Brief wurde mit dem Stempel "odmowa", "abgelehnt", versehen. Sie wurde vermutlich zwischen dem 7. und 9. Mai 1942 ins Vernichtungslager Chelmno weiterdeportiert und dort ermordet.

© Maria Koser

Quellen: 1; 2; 4; 8; StaH 314-15 OFP, 1938/3645; StaH 314-15 OFP, R 1940/324; StaH 351-11 Abl. 2008/1 060510 Müller, Hermann; Recherche und Auskunft Frau Menna Hensmann, Stadtarchiv Leer vom 4.2.2010; Recherche und Auskunft Ulrich Räcker-Wellnitz, Stadtarchiv Wilhelmshaven vom 12.4.2010; Telefonische Auskunft Hartmut Büsing; Büsing, "so viel‘ unnennbare Leiden", Hist. Arbeitskreis des DGB Wilhelmshaven, 1986; USHMM, RG 15.083, M 300/302–304, Fritz Neubauer, Universität Bielefeld, E-Mail vom 9.6.2010.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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