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Bereits verlegte Stolpersteine



Ingeborg Paula Schulz (geborene Rosenblum) * 1912

Deichstraße 23/vor dem Lokal "Deichgraf" (Hamburg-Mitte, Hamburg-Altstadt)


HIER WOHNTE
INGEBORG PAULA
SCHULZ
GEB. ROSENBLUM
JG. 1912
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
MINSK

Ingeborg Paula Schulz, geb. Rosenblum, geb. am 19.7.1912 in Oldenburg/Holstein, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk

Deichstraße 23

Ingeborg Schulz wurde als ältestes Kind des jüdischen Ehepaares Siegfried Rosenblum und Minna, geb. Horwitz am 19. Juli 1912 in Oldenburg geboren. Ihre Eltern hatten am 16. Oktober 1911 in Hamburg geheiratet, obwohl beide hier nicht ansässig waren.

Ihre Mutter Minna war am 2. November 1889 in Ennigloh einem Stadtteil von Bünde in Nordrhein-Westfahlen zur Welt gekommen und hatte zum Zeitpunkt der Eheschließung bei ihrem Vater Gustav Horwitz gelebt, einem Viehhändler, der in der Bahnhofstraße 11 in Winsen an der Luhe im Landkreis Harburg wohnte. Minnas Mutter Pauline, geb. Goldstein, war schon im Jahr zuvor verstorben. Ingeborgs Vater Siegfried Rosenblum wohnte in Oldenburg, wo er am 28. Oktober 1886 als Sohn von Isaak Rosenblum und Pauline, geb. Horwitz zur Welt gekommen war. Er betrieb dort eine "Produktenhandlung aller Art", die er 1908 nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte und in den folgenden Jahren erweiterte.

Nach Ingeborg kamen zwischen 1915 und 1923 neun weitere Kinder zur Welt. Ingeborg wuchs in begüterten Verhältnissen in einer 13-Zimmer-Villa auf, die ihr Vater als erfolgreicher Kaufmann in der Hoheluftstraße 22 in Oldenburg errichten ließ. Mitte der 1920er Jahre verstarb jedoch Ingeborgs Mutter. Zu dieser schwierigen Zeit der Trauer kamen auch finanzielle Sorgen durch die Inflation hinzu. Siegfried Rosenblum soll in seiner Not einen fingierten Einbruch bei seiner Versicherung zur Anzeige gebracht haben und wurde wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Während seiner Haftzeit wurde die Villa, offenbar auf Betreiben der Gläubiger, verkauft. Die Reichsfinanzverwaltung der Stadt Oldenburg erwarb das Grundstück. Ingeborg und ihre jüngeren Geschwister wurden obdachlos. Ihre ehemalige Haushälterin siedelte mit ihnen, unterstützt durch einen Freund der Familie, nach Hamburg über. Siegfried Rosenblum folgte nach seiner Haftentlassung. Er musste in Hamburg zunächst Fürsorgeleistungen in Anspruch nehmen, bis er als Wohlfahrtsbeamter eine Stellung fand. Das Hamburger Adressbuch verzeichnet Siegfried Rosenblum erstmalig 1927 in Hamburg, da wohnte er mit seinen Kindern in der Wandsbecker Chaussee 33 im Stadtteil Eilbeck.

Die Kinder besuchten in Hamburg die Volksschule in der Angerstraße 33 in Hamburg-Hohenfelde. Als Älteste führte Ingeborg den Haushalt und versorgte die jüngeren Geschwister. Sie erhielt eine Ausbildung zur Stenotypistin und ging dann ihre eigenen Wege. Sie zog in die General-Litzmann-Straße 9a (heute Stresemannstraße) in die Altstadt von Altona.

Am 11. April 1934 heiratete sie den nichtjüdischen Konditor Johannes Herbert Schulz. Johannes Schulz war am 17. März 1910 in Dresden geboren worden. Seine Ausbildung zum Konditor hatte er in Lübeck erhalten, bevor er im September 1933 nach Altona kam, wo er in der Juliusstraße 16 im heutigen Schanzenviertel wohnte. Seine Meisterprüfung bestand er im Sommer 1935. Im September des Jahres wurden die Nürnberger Gesetze erlassen, die Eheschließungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Partnern künftig verboten.

Ingeborg und Johannes wohnten am Schulterblatt 84 und arbeiteten in der Konditorei Schuback am Steindamm. Ingeborg war dort als Kellnerin tätig. Am 31. Mai 1938 zogen sie nach Barmbek in die Hellbrookstraße 49, um dort die Konditorei von Willy Schnoor zu übernehmen.

Kurz nach der Geschäftseröffnung, im Juni 1938 wurde Ingeborgs Vater Siegfried Rosenblum verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Siegfried Rosenblum gehörte zu den Hamburger Juden, die im Rahmen der "Juni-Aktion" wegen einer früheren Verurteilung, auch wenn es sich um Jahre zuvor begangene Bagatelldelikte gehandelt hatte, in "Schutzhaft" kamen.

So sorgte nun Ingeborg für ihre noch unmündigen Geschwister, die seit 1935 mit ihrem Vater in der Dillstraße 3 wohnten. Ihre Brüder Gerhard (geb. 27.4.1923) und Felix (geb. 21.10.1924) konnten am 14. Dezember 1938 mit einem Kindertransport der Jüdischen Gemeinde nach England in Sicherheit gebracht werden. Bruder Rolf (geb. 21.8.1920), der sich mit einer Ausbildung zum Gärtner auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereitete, flüchtete später, im März 1939 über Berlin, Polen und der Tschechei nach Rumänien, von dort gelangte er in den Libanon. Der ältere Paul Günther (geb. 24.4.1919) war zum "jüdischen Arbeitseinsatz" in der Firma "Schmidt Tief- u. Straßenbau" in Harsefeld herangezogen worden und musste im Arbeitslager Wohlerst (heute Stade) leben.

Johannes Schulz schickte seinem Schwiegervater Geld und Lebensmittelpakete nach Sachsenhausen und übernahm das "Reisegeld", als Siegfried Rosenblum im Oktober 1938 entlassen werden sollte. Johannes Schulz vermutete nach dem Krieg, dass seine Hilfeleistungen dem damaligen Obermeister der Konditorinnung gemeldet worden waren. Dieser schloss ihn von weiteren Besuchen der Innungsversammlungen aus und veranlasste, dass Ingeborg die Konditorei nicht mehr betreten durfte. Im Februar 1939 wurde Ingeborg gezwungen, den zusätzlichen Zwangsnamen "Sara" anzunehmen und dieses dem zuständigen Standesamt fristgerecht anzuzeigen. Am 15. April 1939 musste Johannes Schulz die Konditorei aufgegeben, das Geschäft des "jüdisch Versippten" wurde boykottiert.

Ein Großteil ihres Haushaltes, wie die Kücheneinrichtung, musste das Ehepaar verkaufen, um seinen Lebensunterhalt zu fristen. Johannes Schulz zog dann als Untermieter in die Innenstadt Colonnaden 82 und fand wieder Arbeit als Konditor, Koch und Patissier in verschiedenen Cafes und Konditoreien, bis er Anfang 1940 als Soldat eingezogen wurde. Ingeborg lebte als Untermieterin am Schulterblatt 78. Am 24. Januar 1941 ließ sich das Ehepaar vor dem Hamburger Landgericht scheiden. Damit entfiel für Ingeborg der Schutz einer "privilegierten Mischehe", die sie später vor einer möglichen Deportation geschützt hätte.

Johannes Schulz machte nach dem Krieg im Rahmen seiner Wiedergutmachung geltend, dass er in die Scheidung nur eingewilligt habe, um seiner Frau eine Fluchtmöglichkeit nicht zu verbauen, die ein "Herr", den sie im Lokal Heinze am Millerntor kennengelernt habe, ihr angeboten habe. Doch das nicht näher beschriebene Hilfsangebot kam offensichtlich zu spät. Jüdinnen und Juden konnten zu diesem Zeitpunkt Deutschland nicht mehr legal verlassen.

Am 25. Oktober 1941 wurden zwei von Ingeborgs Schwestern in das Getto "Litzmannstadt" nach Lodz deportiert: Hildegard Rosenblum (geb. 27.12.1917), die als Hausangestellte in der Innocentiastraße 21 arbeitete, und Ursula Neumann (s. dort), geb. Rosenblum (geb. 8.1.1922). Letztere hatte sich mit ihrem Ehemann Alfred Neumann (geb. 3.1.1920) und den gemeinsamen Kindern Judis (geb. 21.5.1940) und Uri (geb.14.6.1941) freiwillig für diese "Evakuierung" gemeldet, um von Alfreds Mutter Fanny Neumann (s. dort), die mit ihrer Tochter Mirjam und Enkelkind Bela auf der Ersatzliste dieses Transportes standen, nicht getrennt zu werden.

Ingeborg Schulz erhielt ihren Deportationsbefehl in der Deichstraße 23. Sie war zu einer Bekannten, der Gastwirtin Frieda Hillers (späterer Name Grimpe), gezogen. Johannes Schulz erreichte noch ein letzter Abschiedsbrief: "Mein liebes Ghandilein! Soeben habe ich Bescheid bekommen, dass ich ausgewiesen bin, morgen geht es schon los. Dieses werden wohl die letzten Zeilen sein, die Du von mir erhältst. Ich bete, immer für Dich, dass Du Gesund aus dem Krieg zurückkehrst. Mein liebes Ghandilein ich werde Dich nicht vergessen. In liebe Deine Dich nie vergessene Ingeborg."

Am 8. November 1941 wurde Ingeborg mit der Berufsbezeichnung "Arbeiterin" vom Hannoverschen Bahnhof, dem Gelände des heutigen Lohseplatzes, nach Minsk deportiert. Zu den 960 Jüdinnen und Juden, die mit diesem Transport Hamburg verließen, gehörte auch ihr Vater Siegfried Rosenblum, der älteste ihrer Brüder Paul Günther und die Schwester Margot (geb. 27.12.1917). Deren letzter frei gewählter Wohnsitz war in der Marcusstraße 61 (heute Markusstraße), bevor sie in das "Judenhaus" nach Altona in die Breite Straße 54 hatten ziehen müssen.

In der Vereinsstraße 7 in Eimsbüttel erhielten Ingeborgs Schwester Charlotte Spitzkopf, geb. Rosenblum (geb. 4.5.1915) und ihr Ehemann Kurt Spitzkopf (geb.11.12.1914) mit Sohn Heinz Ruben (geb.17.1.1934) den Deportationsbefehl für den 8. November 1941 nach Minsk, sowie der Schwager Rudi Taeger (geb. 26.5.1915) in der Osterstraße 111. Ihre Schwester Gertrud Taeger, geb. Rosenblum (geb. 26.9.1916) wurde mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn John Dan (geb. 20.1.1939) zehn Tage später mit dem zweiten Transport ins Getto Minsk deportiert. Kurt Spitzkopf wurde im Getto Minsk von seiner Familie getrennt, er starb am 13. April 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus. Die Todesdaten der anderen Familienmitglieder sind nicht bekannt.

Für Gertrud, Rudi und John Dan Taeger liegen Stolpersteine in der Osterstraße 111 (s. Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und Hamburg-Hoheluft-West).

In der Markusstraße werden demnächst Stolpersteine an Siegfried Rosenblum, Paul Günther und Margot, sowie an Ursula und Alfred Neumann und deren gemeinsame Kinder Judis und Uri erinnern.

2010 wurde zum Gedenken an Familie Rosenblum sieben Stolpersteine in der Hohenluftstraße 22 in Oldenburg verlegt.

Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 5; StaH 351-11 AfW 35824 (Schulz-Beiss, Johannes Herbert); StaH 351-11 AfW 45996 (Rosenblum, Gerhard); StaH 351-11 AfW 9179 (Rosenblum, Siegfried); StaH 351-11 AfW 43841 (Rosenblum, Rolf); StaH 351-11 AfW 46875 (Rose, früher Rosenblum, Felix); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1744 (Siegfried Rosenblum); StaH 332-15 Standesämter 8676 u 321/1911; StaH 332-15 Standesämter 14368 u 384/1934; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 1; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 2; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; Lohmeyer: Stolpersteine, S. 486; http://www.bbs-old.de/daten/lensahn/Stolpersteinverlegung_am_28.09.2010.pdf (Zugriff 13.12.2012); ancestry.de (Adressbuch Winsen, Niedersachsen 1912, Zugriff 5.10.2017).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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