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Bereits verlegte Stolpersteine



Dr. Jacob Sakom * 1877

Curschmannstraße 13 (Hamburg-Nord, Hoheluft-Ost)

1941 Litauen

Siehe auch:

Weitere Stolpersteine in Curschmannstraße 13:
Martha Goldschmidt, Sophie Sakom

Dr. Jakob Sakom, geb. 9.7.1877 in Panevezys/Litauen, verschollen in Litauen im Herbst 1941
Sophie Sakom, geb. Kagan, geb. 14.8.1880, Geburtsort unbekannt, verschollen in Litauen im Herbst 1941

Curschmannstraße 13

"Mein Großvater wollte mich zum ersten – und zum letzten – Mal in die Oper führen. Man spielte die Zauberflöte. In der Pause gingen wir auf und ab und da Sakom bei Musikern wie Publikum sehr bekannt war, war anzunehmen, dass Leute ihn begrüßen würden. Er sagte immer: Ach, das ist So und So ... aber all die So und Sos drehten sich um und grüßten nicht." An dieses traumatische Erlebnis im Jahr 1935/36 erinnerte sich seine Enkelin.

Jakob Sakom kam als Kind einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie in Litauen zur Welt. An den Besuch des Gymnasiums in Riga schloss er ein naturwissenschaftliches Studium an, das er mit der Promotion zum Dr. rer. nat. abschloss. Parallel studierte er von 1897 bis 1902 an der Kaiserlichen Musikschule in Kiew Cello bei Friedrich W. Mulert. 1902 ging er mit seiner Frau Sophie nach Leipzig, wo er bis 1905 sein Musikstudium fortsetzte.

1905, noch in Leipzig, wurde ihre Tochter Valentine geboren. Die Familie zog nach Hamburg, denn zum Saisonbeginn 1905/1906 unterschrieb Jakob Sakom ein Engagement als Solocellist im Orchester der Philharmonischen Gesellschaft, der er bis zu seiner Entlassung 1934, 28 Jahre lang angehörte. Er engagierte sich in Kammermusikensembles und trat als Solocellist bei den "Volkstümlichen Konzerten" auf, die der Verein der Hamburgischen Musikfreunde aufführte, um neue Hörer mit den Werken der klassischen Musik bekannt zu machen. Hinzu kamen die Auftritte bei den "Volkstümlichen Kirchenkonzerten" von Alfred Sittard und die jährlichen Aufführungen der Johannes-Passion von Bach, bei denen Jakob Sakom das Solo-Cello spielte.

Anfang der 1920er Jahre wirkte er in dem 1923 gegründeten Konzertzyklus für Neue Musik mit. So spielte er Cello in Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" am 3. März 1924, bei dem der Komponist selbst dirigierte. Neben dieser Tätig­keit als ausübender Musiker war Sakom auch als Lehrer sehr gefragt. Von 1907 bis 1916 unterrichtete er am Bernuthschen Konservatorium in Hamburg. In dieser Zeit erschien seine heute noch gespielte Violoncello-Etüden-Schule in sechs Heften. Ab 1928 war er Lehrer am Vogtschen Konservatorium im Curiohaus. Daneben hatte er Privatschüler, die er zuhause unterrichtete.

1929 gründete sich die Gesellschaft Hamburger Tonkünstler, die sich die Belebung der Hausmusik zum Ziel gesetzt hatte. Auch Jakob Sakom gehörte zu den Förderern. So schrieb der "Hamburgische Correspondent" am 22. Februar 1929: "Von dieser Neueinrichtung ... kann man sich das beste versprechen, zumal sie unter dem Protektorat bekannter Persönlichkeiten steht, wie: ... Dr. Jakob Sakom." Allerdings schützte ihn seine Bekanntheit bereits vor 1933 nicht vor antisemitischen Äußerungen. Robert Jaques zufolge hatte Karl Muck, seit 1922 Leiter des Philharmonischen Orchesters, anlässlich eines Auftritts für alle Orchestermitglieder hörbar bemerkt: "Jetzt trete ich durch‘s Judentor". Sowohl der Konzertmeister Heinrich Bandler links, als auch Jakob Sakom, der rechts von ihm stand, waren Juden.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten blieb Sakom zunächst weiter beschäftigt. Seit den 1920er Jahren bestanden Pläne, die beiden großen Orchester Hamburgs, das Philharmo­nische Orchester und das Orchester des Stadttheaters, aus finanziellen Gründen zusammenzulegen.

Im April 1934 wurde allen Orchestermitgliedern gekündigt, die meisten wurden allerdings mit einem neuen Vertrag wieder eingestellt. Ausgenommen waren "nichtarische" Musiker und Musikerinnen. Die Dienstordnung des neuen Hamburgischen Philharmonischen Staatsorchesters legte ausdrücklich fest, dass nur "wer arischer Abstammung ist" Mitglied des Orchesters sein könne. Die Stelle des Solocellisten blieb 1934 vakant. Sakom bezog nun ein monatliches Ruhegeld, von dem er und seine Frau aber nicht leben konnten. Er musste sich andere Möglichkeiten suchen, den Lebensunterhalt zu verdienen. Nach wie vor hatte er Privatschüler, aber auch die durften nur von "arischen" Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. So erzählte seine En­kelin Nora, dass noch um 1935 ein junger Student in Hitlerjugenduniform zum Unterricht erschienen sei, dem Sakom erklären musste, dass er ihn nicht mehr unterrichten dürfe.

Eine der wenigen Auftrittsmöglichkeiten für jüdische Künstler und Künstlerinnen stellte der im Januar 1934 in Hamburg gegründete Jüdische Kulturbund dar, der zu­nächst unter dem Namen "Jüdische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" firmierte. Hier trat auch Jakob Sakom als Solo-Cellist auf und unternahm sowohl mit einem Kammerensemble als auch als Solist mit dem Orchester der jüdischen Kulturbünde, das seinen Sitz in Frankfurt am Main hatte, Tourneen in andere deutsche Städte. Von 1937 bis 1938 gehörte er zu dessen künstlerischem Beirat.

1938 entschlossen sich Sophie und Jakob Sakom zur Emigration. Er hatte aus Litauen das Angebot erhalten, an den Konservatorien in Vilnius und Kaunas zu unterrichten. Als litauische Staatsbürger hatten Sakoms das Recht auszuwandern. Dennoch hatten sie eine Reihe bürokratischer Hürden zu überwinden, bis sie mit ihren Möbeln nach Litauen emigrieren konnten. So musste Sophie Sakom – wie alle Auswanderer – eine Liste in dreifacher Ausfertigung über den Umfang des Umzugsgutes und des Wertes erstellen und erklären, dass die Gegenstände bereits vor dem 1. Januar 1933 in ihrem Besitz gewesen waren. Ihren Umzug nach Kaunas meldete die Melde- und Passbehörde der Devisenstelle für den 5. August 1938. Erst Ende Dezember folgte ihr Umzugsgut.

In Kaunas unterrichtete Jakob Sakom am Konservatorium und trat im Rundfunk auf. Im November 1939 versuchte Ernst Kaufmann, Sakoms Hamburger Anwalt, aufgrund der veränderten politischen Lage sein Guthaben beim Bankhaus M. M. Warburg und seine Rentenbezüge auf eine litauische Bank zu überweisen. Dies löste eine umfangreiche Untersuchung seiner Bedürftigkeit aus. Er versicherte, er besitze weder in Litauen noch in Deutschland Vermögen und sei deshalb auf die Unterstützungszahlungen für seinen Lebensunterhalt angewiesen; mit dem Ergebnis, dass seit August 1940 seine nochmals geminderte Rente nach Litauen überwiesen wurde. Sein Guthaben beim Bankhaus M. M. Warburg bekam er jedoch nie: Im letzten Schreiben vom Mai 1941 forderte Anwalt Ernst Kaufmann die Devisenstelle auf, den auf dem Sonderkonto stehenden Betrag an die "Garantie- und Kreditbank für den Osten” in Berlin zu überweisen, damit Jakob Sakom an das Geld herankomme. Dieser Antrag wurde abgelehnt.

Für die folgende Zeit wurde keine Überweisungsgenehmigung mehr bei der Devisenstelle beantragt. Seine Enkelin berichtete, sie habe nach dem Krieg aus Litauen erfahren, dass Sophie und Jakob Sakom "ungefähr im Oktober 1941 von Einsatzgruppen der SS im Wald erschossen worden seien".

Seit 1934 versuchte die Tochter Valentine mit ihrer Familie ins rettende Ausland zu gelangen. Nachdem sich Pläne, nach Palästina auszuwandern, zerschlagen hatten, gelang es ihnen, in die Niederlande überzusiedeln, wo Valentines Mann, Wolfgang Meyer-Udewald, einen Bruder hatte, bei dem er arbeiten konnte. Aus den Niederlanden flüchteten sie nach Belgien, wo Wolfgang Meyer-Udewald von den Deutschen nach Frankreich verschleppt wurde und nach Aufenthalten in mehreren Lagern nach Kuba flüchten konnte. Valentine blieb mit den Kindern in Belgien zurück und versuchte mit einem Helfer ins unbesetzte Marseille zu gelangen, wo kubanische Pässe für sie bereit lagen. Dieser "Helfer" verriet sie jedoch an die deutsche Feldpolizei.

Am 7. März 1942 wurden sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Der dreizehnjährige Sohn Hans Siegmund wurde sofort ermordet. Valentine starb noch 1942. Nur der Tochter Nora gelang es, drei Jahre Auschwitz zu überleben. Sie ging 1946 zu ihrem Vater nach Kuba und anschließend in die USA.

Ein weiterer Stein für Jacob Sakom wurde vor der Hamburger Staatsoper verlegt.

© Maria Koser

Quellen: 2; 4; 5; StaH 314-15 OFP, F 2059; StaH 314-15 OFP, 6/1938; Petersen, Peter, Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Hrsg. Claudia Maurer-Zenck und Peter Petersen unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer, ab 2005 Universität Hamburg, http://www.lexm.uni-hamburg.de/ eingesehen am 4.9.2008; Pfaff, Von Deutschen in Litauen ermordet, in: Zündende Lieder, Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg (Hrsg.), 1995,S. 66f.f; Gillis-Carlebach, Jedes Kind ist mein Einziges, 1992, S. 133; Weissweiler, Ausgemerzt, 1999, S.303; Faksimile des "Lexikon der Juden in der Musik", Berlin 1940; Petersen, Juden im Musikleben, in: Die Juden in Hamburg, Herzig/Rohde (Hrsg.), 1991, S. 304, S. 326; Hamburgischer Correspondent am 22.2.1929.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.


Dr. Jacob (Jakob) Sakom, geb. am 9.7.1877 in Panevézys/Litauen, Emigration 1938 nach Litauen, vermutlich im Oktober 1941 in den Wäldern bei Kaunas durch Einsatzgruppen der SS erschossen

Johannes-Brahms-Platz 1 (vor der Laeiszhalle)
Curschmannstraße 13 (Hamburg-Hoheluft)

Jacob Sakom wurde als Sohn von David und Fanny Sakom in Panevézys/Litauen geboren und stammte aus einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Riga absolvierte er ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Kiew. Noch in Litauen heiratete er Sophie Kagan, Sonja genannt. Das Ehepaar zog nach Leipzig, wo Jacob Sakom sein begonnenes Musikstudium wieder aufnahm. Die gemeinsame Tochter Valentine wurde am 18. Januar 1905 geboren. Im Oktober desselben Jahres zog die Familie nach Hamburg. Seit 1911 lebte das Ehepaar in Hamburg-Eppendorf in der Curschmannstraße 8, später zog es in das Haus-Nr. 13. Jacob Sakom spielte zunächst als Cellist, später auch als Solocellist im Philharmonischen Orchester Hamburg und unterrichtete nebenbei am Vogtschen Konservatorium im Curiohaus. Als die seit den 1920er Jahren bestehenden Pläne, das Philharmonische Orchester und das Orchester des Stadttheaters (heute Staatsoper) aus Kostengründen zusammenzulegen, ein Jahr nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1934 realisiert wurden, schloss man in dem neuen Hamburgischen Philharmonischen Staatsorchester die jüdischen Musikerinnen und Musiker aus. Damit war auch dort das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" mit seinem "Arierparagraphen" umgesetzt. Jacob Sakom wurde zwangspensioniert, erhielt aber aus der Pensionskasse ein Ruhegeld von 312 Reichsmark. In seinem musikalischen Betätigungsfeld eingeschränkt, organisierte er ein privates Streichorchester, trat in den Konzerten des Jüdischen Kulturbunds Hamburg auf und erteilte wie schon früher Musikunterricht in seiner Privatwohnung. Martina Pfaff zitierte in ihrer Biographie über Sakom den Bericht seiner Enkelin Nora, dass noch etwa um 1935 ein junger Student in seiner Hitlerjugend-Uniform zum Unterricht kam. Wenig später erklärte ihr Großvater, dass er ihn nicht mehr unterrichten könne, worauf der Schüler dann auch wegblieb. In einer weiteren Episode beschrieb sie Noras ersten und letzten Opernbesuch mit ihrem Großvater etwa 1935 oder 1936: In der Pause wurde der bekannte Musiker bereits von den anderen Opernbesuchern nicht mehr beachtet.

Als Jacob Sakom von den Konservatorien in Kaunas und Wilna/Vilnius ein Angebot als Dozent erhielt, emigrierten er und seine Frau Sophie als litauische Staatsbürger mit sowjetischen Pässen am 15. August 1938 nach Kaunas (heute Kowno) in Litauen. Das Ehepaar wurde zu Devisenausländern erklärt, ihr Vermögen auf einem Sperrkonto festgesetzt, erst im März 1944 erteilte die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten die Genehmigung, ihr Barvermögen an die Amtskasse des Generalkommissars in Kaunas zu überweisen. Jacob Sakoms Rentenbezüge waren zunächst noch nach Litauen weitergeleitet worden, bis im März 1941 die Zahlungen eingestellt wurden. Von ihnen im November 1938 und August 1939 geäußerte Absichten, noch einmal nach Hamburg zurückzukehren, realisierten sich nicht mehr.

Laut Bericht eines litauischen Juden an die Enkelin Nora wurde das Ehepaar Sakom bereits im Oktober 1941, vier Monate nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, in den Wäldern bei Kaunas von Einsatzgruppen der SS erschossen. Der Stolperstein vor der Laeiszhalle erinnert an Jacob Sakom als Musiker. Für das Ehepaar Sakom wurden Stolpersteine an ihrem letzten Hamburger Wohnort in der Curschmannstraße 13 verlegt. Die mehrbändige "Violoncello-Etüden-Schule", die Jacob Sakom ca. 1910 veröffentlichte, ist auch heute noch erhältlich.

Das Schicksal ihrer Tochter Valentine und deren Familie

Valentine heiratete am 17. Dezember 1923 den Hamburger Kaufmann Wolfgang Meyer-Udewald (geb. 17.8.1893). Ihre Schwiegereltern, der Arzt Simon Siegmund Meyer (geb. 5.11.1860, gest. 24.3.1922) und Anna Sophie, geb. Udewald (geb. 5.6.1869, gest. 13.2.1911), waren bereits verstorben. Sie wohnten in der Welckerstraße 10, gegenüber dem damaligen Hamburger Stadttheater.

Die schon erwähnte Enkelin Nora wurde am 8. Mai 1925 geboren, ihr Bruder Hans Siegmund folgte am 16. Juli 1929. Die Familie wohnte in der Hansastraße 21, später im Jungfrauenthal 22.

Früh, schon 1934, beabsichtigte das Ehepaar Meyer-Udewald, mit seinen beiden Kindern Deutschland zu verlassen. Ihre angemeldete und genehmigte Informationsreise nach Palästina, in Tel-Aviv lebte der Onkel Joseph Kagan, kam aus Krankheitsgründen nicht zustande. Auch die Möglichkeit, in absehbarer Zeit ein Visum für die USA zu bekommen, scheiterte an der Quotenbestimmung.

Im Frühjahr 1937 wurde Wolfgang Meyer-Udewald nach 27-jähriger Tätigkeit, zuletzt als Prokurist, aus der Firma Gustav Zülzer, Saaten Im- und Export, in der Kleinen Reichenstraße 1 entlassen, das Unternehmen wurde "arisiert". Um sich andernorts eine neue Existenz aufzubauen und von dort die Einreise in die USA weiter voranzutreiben, emigrierte die Familie am 23. August desselben Jahres zunächst nach Tilburg in die Niederlande, hier betrieb Wolfgangs jüngerer Bruder Paul Clemens Meyer-Udewald (geb.11.2.1898) eine Textilfabrik. Von dort zogen sie im September weiter nach Antwerpen.

Am 10. Mai 1940, nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Belgien, wurde Wolfgang Meyer-Udewald als feindlicher Ausländer durch die belgische Regierung verhaftet und nach Südfrankreich gebracht.

Er durchlief fünf verschiedene Lager, unter anderem das Lager Gurs. Wolfgang Meyer-Udewald wurde auf ein Internierungsschiff gebracht, das vor Martinique von Holländern und Engländern aufgebracht wurde. Die "Passagiere" kamen in ein Lager nach Port of Spain/Trinidad. Wolfgang Meyer-Udewald gelang es, ein Visum für Kuba zu erhalten. Am 11. Juli 1941 kam er in Havanna an. Von dort schickte er seiner Frau und den Kindern Einreisevisa, die allerdings im kubanischen Konsulat in Marseille hinterlegt wurden, das in der nicht besetzten Zone Frankreichs lag. Valentine Meyer-Udewald versuchte nun, sich mit den beiden 17- und 13-jährigen Kindern von Antwerpen aus mit gefälschten Pässen nach Südfrankreich durchzuschlagen, um von dort weiter nach Kuba zu entkommen.

Bei der Überschreitung der Demarkationslinie zwischen den besetzten und unbesetzten Gebieten in Frankreich wurden sie am 7. März 1942 um 6 Uhr morgens von deutschen Feldgendarmen in La Rochefoucauld verhaftet und nach einem vorübergehenden Aufenthalt im Gefängnis Angoulems ins Lager Poitiers gebracht. Am 17. Juli 1942 wurden sie dem Sammellager Angers überstellt und drei Tage später nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sohn Hans war im Lager Poitiers zurückgeblieben und wurde vermutlich mit den anderen Kindern und den älteren Personen in das Sammellager für Juden in Drancy bei Paris gebracht, da von dort seine Deportation am 23. September 1942 mit dem 36. Transport nach Auschwitz belegt ist. Vermutlich wurde er dort ermordet.

In Auschwitz-Birkenau erhielt Nora die Haftnummer 10255 und wurde zusammen mit ihrer Mutter im Straßenbau eingesetzt. Nach etwa drei Wochen erfolgte eine Verlegung in das Hauptlager Auschwitz I, ihre Mutter Valentine blieb im 3 km entfernten Nebenlager Birkenau (Auschwitz II) zurück. Anfang Oktober erfuhr Nora von einer Mitgefangenen, dass ihre Mutter nach mehreren Fluchtversuchen sich zuletzt im Block 25 befunden habe und ca. Anfang September 1942 "vergast" wurde.

Am 18. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz vor den heranrückenden russischen Truppen evakuiert. Darüber berichtete Nora, dass sie nach einem dreitägigen Marsch in Schnee und Eis, auf offene Viehwaggons verladen, etwa am 23. Januar 1945 im KZ Ravensbrück ankam. Zwei Wochen später wurde sie in das Außenlager Malchow im Süden von Mecklenburg-Vorpommern weitertransportiert. Zuletzt wurde sie in das Lager Leipzig-Schönefeld gebracht, das zum größten weiblichen Außenkommando Buchenwalds gehörte. Hier musste sie in einer Munitionsfabrik zwölf Stunden am Tag Zwangsarbeit verrichten. Als im April 1945 auch dieses Lager evakuiert wurde, gelang ihr nach tagelangen Märschen Richtung Dresden der zweite Fluchtversuch und in den ersten Maitagen traf sie auf der Landstraße auf amerikanische Truppen. Am 9. Mai 1945 wurde sie mit einem Kriegsgefangenentransport nach Belgien zurückgebracht und erreichte Brüssel am 15. Mai. Nora, die drei Jahre Auschwitz und andere Konzentrationslager überlebt hatte, konnte 1946 endlich zu ihrem Vater nach Kuba reisen. 1951 zog sie nach New York und heiratete 1960 den ebenfalls in Hamburg geborenen Harry Stiefel. Am 20. März 1961 kam ihr gemeinsamer Sohn Lewis zur Welt. Ihr Vater Wolfgang Meyer-Udewald starb am 31. Oktober 1964 in Miami/Florida. An ihre Mutter Valentine und Bruder Hans Meyer-Udewald erinnern Stolpersteine im Jungfrauenthal 22, in Hamburg-Harvestehude.

Wolfgangs Bruder Paul Clemens Meyer-Udewald, wurde am 10. April 1943 mit seiner Familie aus den Niederlanden nach Bergen-Belsen deportiert. Er starb am 15. April 1945 während des letzten der drei Eisenbahntransporte von Bergen-Belsen nach Theresienstadt. Sein Leichnam wurde, laut Information des niederländischen Roten Kreuzes, an der Bahnstation Wittenberge zurückgelassen. Paul Clemens Meyer-Udewalds Grabstätte, gemeinsam mit seiner 1925 geborenen Tochter Joan Anna Meyer-Udewald, die am 15. Mai 1945 in Schilda starb, sieben Tage nach der deutschen Kapitulation, befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Tilburg.

In der Maria-Louisen-Straße 4, in Hamburg-Winterhude, wurde ein Stolperstein für Paul Clemens Meyer-Udewald verlegt.

Die jüngere Schwester von Wolfgang und Paul, die Zahnärztin Johanna Rosa Meyer-Udewald (geb. 24.9.1894), praktizierte und lebte in der Hansastraße 21, zuletzt ebenfalls im Hause Jungfrauenthal 22. Nachdem ihr die Approbation entzogen worden war, folgte sie ihrer Familie im Sommer 1937 nach Holland und im Februar 1940 nach Belgien. Zwei Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien begann im Juli 1942 auch in Belgien die Konzentration der Jüdinnen und Juden. Sie wurden in das von der SS eingerichtete Sammel- und Durchgangslager Mechelen (Malines) in der Dossin-Kaserne gebracht. Der erste Transport in ein Vernichtungslager verließ Mechelen am 4. August 1942; bis zum 31. Juni 1944 sollten noch 27 weitere Transporte folgen. Johanna Meyer-Udewald wurde verhaftet und am 5. August 1943 nach Mechelen verbracht, wo sie mit der Nummer 97 in die Deportationsliste des Konvois XXII A aufgenommen wurde. Mit diesem Transport verließ sie Belgien am 20. September 1943 und kam zwei Tage später in Auschwitz-Birkenau an. Johanna Meyer-Udewald wurde in Auschwitz ermordet.


Stand: August 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 4; 8; StaH 351-11 AfW 47461 (Stiefel, Nora); StaH 351-11 AfW 17893 (Meyer-Udewald, Wolfgang); StaH 351-11 AfW 24994 (Meyer-Udewald, Johanna); StaH OFP F 2059; StaH 314-15 OFP, R 1940/972; StaH 232-5 Amtsgericht Hamburg 1800; StaH 720-1_215 Sa 131; StaH 332-5 Standesämter 2798 u 1158/1892; StaH 332-5 Standesämter 2346 u 3431/1894; StaH 332-5 Standesämter 2456 u 539/1898; StaH 332-5 Standesämter 9795 u 803/1922; Dokumentationszentrum Kaserne Dossin (Mechelen/ Belgien), Auskunft von Dorien Styven, E-Mail vom 29.8.2016; Pfaff: Zündende Lieder, S. 67; Bruhns: Kunst, Band I, S. 251; http://www.communityjoodsmonument.nl/person/118620/nl (Zugriff 2010); Memorial de la Shoah, Musée, Centre de Documentation, http://bdi.memorialdelashoah.org/internet/jsp/core/MmsRedirector.jsp?id=40030&type=VICTIM (Zugriff 14.8.2013); http://resistancemalherbe.e-monsite.com/pages/temoignages/hans-meyer.html (Zugriff 5.4.2015).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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