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Bereits verlegte Stolpersteine



Elise Wagener (geborene Polack) * 1908

Wrangelstraße 80 (vorm. 66) (Eimsbüttel, Hoheluft-West)

1941 Minsk

Weitere Stolpersteine in Wrangelstraße 80 (vorm. 66):
Herbert Wagener, Adolf Wagener, Bruno Wagener, Therese Wagener, Uri Wagener

Adolf Wagener, geb. am 2.5.1877 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Therese Wagener, geb. Worms, geb. am 3.10.1876 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Bruno Wagener, geb. am 1.8.1909 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Elise Wagener, geb. Polak, geb. am 1.3.1908 in Oldersum, am 18.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Uri Wagener, geb. am 18.5.1940, am 18.11.1941 in das Getto Minsk deportiert

Wrangelstraße 80


Herbert Wagener, geb. am 17.8.1902 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Therese Wagener, geb. Polak, geb. am 31.8.1896 in Oldersum, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Willi Walter Wagener, geb. am 23.8.1927, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Heinz Wagener, geb. am 29.11.1934, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert

Gneisenaustraße 18


Norbert Nathan Wagener, geb. am 21.7.1901 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Edith Mary Wagener, geb. Lippmann, geb. am 28.9.1916 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Bela Wagener, geb. am 11.1.1939 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert
Jana Wagener, geb. am 15.11.1940 in Hamburg, am 8.11.1941 in das Getto Minsk deportiert

Heinrich-Barth-Straße 19, Rotherbaum


Therese und Elise Polak stammten aus der ostfriesischen Gemeinde Oldersum. Dieser Ort, südöstlich von Emden gelegen, hatte ca. 1.200 Einwohner. Jüdische Familien hatten sich seit Anfang des 17. Jahrhunderts hier niedergelassen, eine Familie Polak wurde erstmals bei der Bevölkerungs- und Wohngebäudezählung vom 1. April 1842 erwähnt.

Die Schwestern gingen in den 1930er Jahren nach Hamburg. Therese meldete sich bei der Jüdischen Gemeinde an, sie wohnte im Woldsenweg 14, bis sie am 6. Oktober 1933 Herbert Wagener heiratete. Elise ehelichte am 24. Dezember 1939 dessen Bruder Bruno Wagener. Beide sollen äußerst sparsame, arbeitsame Menschen gewesen sein.

Therese brachte den Sohn Willi Walter mit in die Ehe, den Herbert Wagener adoptierte. Der Sohn Heinz war ein gemeinsames Kind. Nach der Heirat bezogen sie eine Wohnung in der Gneisenaustraße 18, Erdgeschoss. In diesem Haus wohnte im zweiten Stock auch ihre Tante Therese Presser (s. dort). Herbert Wagener hatte den Schlachterberuf erlernt, 1933/34 firmierte er im Adressbuch als "Kopfschlachter" in der Düppelstraße 33. Er war Mitglied der Jüdischen Gemeinde, allerdings blieb sein Einkommen so gering, dass er keine Kultussteuern abführen musste. Die Dreizimmerwohnung soll mit Mahagonimöbeln und Teppichen gut eingerichtet gewesen sein. Doch Wageners Existenzgrundlage, die Schlachterei, musste bald eingestellt werden. Herbert Wagener "nahm dann jede Arbeit an und hat auch beim Kohlenabladen geholfen", berichtete später eine Nachbarin. Im Zuge der Pogromnacht 1938 wurde Herbert Wagener in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel eingewiesen.

Elise Polak verdingte sich in Hamburg (zumindest 1936) als "Stütze", also als Dienstmädchen. Nach der Heirat mit Bruno Wagener kam am 18.5.1940 der Sohn Uri zur Welt, und sie gab die Erwerbstätigkeit auf. Bruno Wagener arbeitete als Angestellter bzw. – wie es damals hieß – Handlungsgehilfe. Die junge Familie bewohnte zwei Zimmer bei den Eltern bzw. Schwiegereltern, bei Adolf Wagener und Therese, geb. Worms, in der Wrangelstraße 66 (heute ist das die Wrangelstraße 80). Ihr geringes Einkommen hätte die Anmietung einer eigenen Wohnung wohl nicht zugelassen. In dieser Kellerwohnung betrieb der gelernte Wagenbauer Adolf Wagener auch eine Kinderwagen-Reparaturwerkstatt, die allerdings kaum einen Erlös abwarf.

Herbert und Bruno Wagener hatten einen älteren Bruder Norbert, der als Handelsvertreter arbeitete. Er heiratete später Edith, geb. Lippmann (am 28.9.1916 in Hamburg geboren). Deren Eltern hießen Siegmund Lippmann (geb. 4.9.1877) und Recha, geb. Tannenwald (geb. 28.10. 1887); sie starb am 7.8.1936. Der Vater heiratete am 18. Januar 1938 seine zweite Ehefrau, Sara, geb. Rosenblatt (geb. 3.4.1881).

Als Edith Norbert Wagener kennenlernte, arbeitete sie als Hausangestellte. Sie gehörte ebenfalls der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg an. Später trat sie eine Lehrstelle an (wir wissen nicht, für welchen Beruf) und führte geringe Kultussteuern ab. Sie wohnte Beim Schlump 5. Norbert und Edith Wageners Tochter Bela wurde am 11.1.1939 geboren, die zweite Tochter Jana am 15.11.1940. Auch diese junge Familie zog nun zu Norberts Eltern in die Wrangelstraße 66. Eine Schwester von Therese und Elise, Dora Dippold, geb. Polak, die in Mischehe verheiratet war und den "Judenstern" nicht tragen musste, erledigte Besorgungen für die Geschwister und verschloss auch die Wohnung, als die Verwandten kurz vor der Deportation ins "Judenhaus" Heinrich-Barth-Straße 19 wechseln mussten.

Dora Dippold: "Meine Schwestern waren der Meinung, sie kämen in ein Arbeitslager und ahnten nicht, daß sie nicht mehr zurückkehren würden. Ich frug meine Schwestern, bevor sie weggebracht wurden, ob sie sich alles notiert hätten, damit sie für den Fall eines Bombenangriffs den Schaden geltend machen könnten. Sie hatten den ganzen Keller voll Eingemachtem, hatten Holz und Kohlen und auf meine Frage, wie viel denn ihre Sachen wert seien, meinten sie, das könne man gar nicht sagen. Mein Schwager (Ehemann der Therese) Herbert Wagener, meinte noch: ‚Ach, Dora, die Sachen sind 20.000 bis 25.000 Mark wert.‘ Das wäre alles."

Die Großfamilie Wagener, darunter der 64-jährige Adolf Wagener ebenso wie die gerade einjährige Bela, wurden am 8. November 1941 ins Getto Minsk deportiert, Siegmund und Sara Lippmann befanden sich im gleichen Transport wie ihre Tochter Edith.

Am 18. November folgte Elise Wagener mit dem eineinhalbjährigen Uri. In ihrem Transport befanden sich auch Thereses und Elises Bruder Siegfried und ihre Mutter Adele, die beide am 28.7.1942 umkamen. Von allen anderen ist das genaue Todesdatum nicht bekannt.

Thereses und Elises Bruder Ludwig, der in Mischehe lebte, wurde am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert, wo er überlebte.

Ihre Schwester Dora blieb dank ihrer Mischehe von der Deportation verschont. Sie stellte nach dem Krieg Wiedergutmachungsansprüche, doch die Finanzbehörde teilte ihr mit, die Vermögenswerte ihrer Verwandten, die am 11. April 1942 versteigert worden waren – Wohnungseinrichtungen, Hausrate und Familienschmuck – hätten gerade einmal einen Erlös von ca. 360 Reichsmark erzielt, ein zu geringfügiger Betrag, um rückerstattungsfähig zu sein. Dora antwortete: "Da lachen ja die Hühner."

© Peter Offenborn

Quellen: 1; 4; 5; 314-15 StAH Oberfinanzpräsident Abl. 1998 J 2/878, Abl. 1998 J 3/386 und Abl. R 1940/1080; StAH 213-13 Staatsanwaltschaft Landgericht-Wiedergutmachungssachen Z 3027 (Elise Wagener, geb. Polak); StAH 213-13 Staatsanwaltschaft Landgericht-Wiedergutmachungssachen Z 15254 (Norbert Wagener); FZH 12-3 S (Personalakten); Herbert Obenaus, Historisches Handbuch, S. 558f.; Klaus Euhausen, Vier Jahrhunderte jüdische Geschichte in Oldersum (1606 bis 1940), auf: www.oldersum. online.de/kirche/juden_in_oldersum (13.9.2010); Meyers Orts- und Verkehrslexikon des Deutschen Reichs, Leipzig/Wien 1912.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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