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Bruno Schragenheim * 1899

Brahmsallee 13 (Eimsbüttel, Harvestehude)

1941 Minsk
ermordet

Weitere Stolpersteine in Brahmsallee 13:
Moritz Bacharach, Erna B. Bacharach, Veilchen Elias, Gretchen Fels, Jona (John) Fels, Irma Schragenheim

Bruno Schragenheim, geb. am 16.3.1899 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Irma Schragenheim, geb. Löwenberg, geb. am 14.6.1897 in Hannover, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk

Brahmsallee 13

Das jüdische Ehepaar Irma und Bruno Schragenheim lebte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Hamburg. Wir wissen, wo sie gewohnt haben, kennen die Daten ihres kurzen Lebens: Geburt, Eheschließung, Deportation, ein fiktives Todesdatum. Facetten ihrer Arbeit. Es gibt kein Foto, keine Briefe, keine persönlichen Aufzeichnungen. Sie hatten keine Kinder. Eine Nachfrage bei einem in England lebenden Neffen blieb unbeantwortet. Was wir in Erfahrung bringen konnten, war vor allem: Beide stammten aus großen jüdischen Familien, die seit Langem in Norddeutschland ansässig waren. Viele Angehörige sind deportiert und ermordet worden, anderen ist die Ausreise gelungen. Deren Nachkommen leben heute in den USA und England. Bei unserm Versuch, die Erinnerung an das Ehepaar Bruno und Irma Schragenheim nicht erlöschen zu lassen, werden wir auch berichten, was wir über ihre Familien in Erfahrung bringen konnten. Aus diesem Beziehungsgeflecht können Wertvorstellungen, Traditionen und Selbstverständnis der beiden Schragenheims erschlossen werden, die den Blick auf ihr Leben ein wenig klarer erscheinen lassen.

Der Buchhalter und Revisor Bruno Schragenheim war 42 Jahre alt, als er am 7. November 1941 die Mitteilung erhielt, er werde zusammen mit seiner Frau Irma evakuiert und in ein Arbeitslager in Minsk verbracht. Am nächsten Morgen hätten sich beide im Logenhaus an der Moorweidenstraße einzufinden. Am Morgen des 8. November nahmen sie Abschied von ihrer Wohnung an der Hansastraße 55 im gutbürgerlichen Grindelviertel. Einige Zeit zuvor waren sie schon einmal umgezogen: Die größere, besser ausgestattete Wohnung Brahms¬allee 13 hatten sie aus finanziellen Gründen aufgeben müssen. Ihre gesamte Habe ließen sie zurück. Jeder von ihnen trug einen voll bepackten Koffer, so wie es die Evakuierungsanordnung vorsah. 420 jüdische Mitbürger teilten das gleiche Schicksal. 20 entzogen sich dem Befehl, indem sie Selbstmord begingen. An ihrer Stelle wurden 20 "Freiwillige" mitgenommen, die ihre Angehörigen nicht allein lassen wollten.

Was die Schragenheims und ihre Schicksalsgenossen im Logenhaus erwartete, schilderte ein gemeinsam mit ihnen Deportierter, Heinz Rosenberg, so:
"Als sie sich in der Loge an der Moorweidenstraße meldeten, wurden ihre Koffer zuerst von Mitgliedern der Gemeinde (des jüdischen Religionsverbandes) und der Gestapo untersucht und dann in einem Lagerraum abgestellt. Sodann mussten sie sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen – entweder rechts oder links aufstellen. Vier Tische standen an jeder Seite und dahinter jeweils ein Mitglied der Gemeinde und ein Gestapo- oder SS-Mann.

Am Tisch 1 musste man seinen Namen, Geburtsdatum und Adresse angeben. Daraufhin wurde eine Karte aus der Kartei genommen, und der Gestapo- oder SS-Mann strich den Namen auf einer Liste durch. Am nächsten Tisch musste man seine Kennkarte abgeben und ein Dokument unterzeichnen, in dem man u. a. anerkannte, kein Anrecht auf das zurückgelassene Eigentum zu haben. Das Dokument wurde in die Kennkarte gelegt. Man wurde zum nächsten Tisch geschoben, um dort alle Taschen auszuleeren, und musste dort Brieftasche oder Geld in einen großen Papierkorb werfen sowie jegliche Art von Briefen zerreißen, die man bei sich hatte. Der vierte Tisch war für das Einsammeln von Gold, Silber oder Juwelen bestimmt, Dinge, die Juden schon 1939 hatten abgeben müssen.

Schließlich betraten wir den großen Raum, in dem sich schon Hunderte von Menschen mit dem gleichen Schicksal befanden. Wir trafen viele Freunde. Zuletzt kam Erika. Sie hatte draußen warten müssen, bis die Gestapo sich vergewissert hatte, dass die Zahlen stimmten; 20 Juden hatten Selbstmord begangen, 20 anderen Juden wurde daraufhin erlaubt, freiwillig mitzugehen. Nun waren wir alle zusammen.

Die Gemeinde hatte die leeren Säle mit Betten und Stroh versehen. Heiße Bohnensuppe, Tee und Brote wurden verteilt. Der Vorsitzende der Gemeinde, Dr. Max Plaut, sagte u.a., der Transport sei dazu bestimmt, die Städte im Osten wieder aufzubauen (!), die Koffer würden in besonderen Eisenbahnwaggons mitkommen und außerdem stünden drei Güterwagen mit Nahrungsmitteln, Bettzeug, Medikamenten und Werkzeug für unsere Arbeit bereit (!). In zwei Wochen würde ein weiterer Transport mit alten Leuten, Frauen und Kindern folgen.

(…) Es gab Verzweiflung und Hoffnung, Weinen und Lachen, Beten und Fluchen. Dass meine Familie, dass Erika und ich zusammen waren, war von nun an unsere größte Stärke und Hoffnung."

Bruno Schragenheim wurde am 16.3.1899 in Hamburg geboren. Seine Eltern hatten lange in der Bornstraße 10III gewohnt, für den Zeitpunk seiner Geburt ist die Rutschbahn 22 eingetragen. Von 1905 bis 1908 besuchte er die Knaben-Vorschule, dann bis zum 15. Lebensjahr (1914) die Oberrealschule. Es folgte eine kaufmännische Lehre im väterlichen Betrieb. Nach ihrem Abschluss arbeitete er dort zunächst als angestellter Buchhalter, später als Revisor. 1924 ließ er sich als selbstständiger Revisor nieder. Er lernte Irma Löwenberg kennen und heiratete sie im Jahre 1928. Das Geschäft litt unter dem allgemeinen Boykott, er hielt bis 1938 durch. Dann arbeitete er bis zu seiner Evakuierung als Buchhalter bei der Jüdischen Gemeinde.

Brunos Familie: Sein Vater, Elias Schragenheim, geb. 25.3.1864, wuchs in Verden (Aller) auf, wo die Familie Schragenheim seit Beginn des 19. Jahrhunderts ansässig war. Samuel Selig Schragenheim, Brunos Urgroßvater erwarb dort im Jahre 1811 das Bürgerrecht. Dessen Söhne Isaak und Samuel waren wohlhabende Kaufleute. Im Stadtarchiv sind größere Grundstücksgeschäfte verzeichnet, darunter der Verkauf eines Bauplatzes in prominenter Lage, auf dem später das sogenannte Prinzessenhaus errichtet wurde. Samuel war Brunos Großvater.

Brunos Großonkel Isaak, Samuels einziger Bruder, war mit Auguste Feuchtwanger verheiratet, einer Tante des bekannten Schriftstellers Lion Feuchtwanger. Ihr Sohn, Dr. Albert Schragenheim (geb. 1887), prominenter Berliner Zahnarzt, war der Vater von Felice Schragenheim ("Jaguar"), deren Schicksal durch das Buch und den Film "Aimée und Jaguar" bekannt wurde. Sie wurde 1922 in Berlin geboren, entzog sich der Deportation durch Flucht, wurde 1944 von der Gestapo entdeckt und nach Theresienstadt deportiert. 1945 starb sie im KZ Bergen-Belsen. Lion Feuchtwanger pflegte die verwandtschaftlichen Kontakte zu den Schragenheims und wurde von Felice "Onkel" genannt.

Brunos Vater, Elias Schragenheim, verzog in den 1890er-Jahren nach Hamburg und heiratete dort 1893 die 25-jährige Clara, geb. Enoch. Im Jahre 1895 erwarb er das Hamburger Bürgerrecht. Er arbeitete zunächst als Buchhalter im Bankgeschäft E. Calmann, Hamburg und machte sich dann selbstständig.

Bruno hatte einen älteren Bruder Hellmuth (15.8. 1894). Auch er besuchte zunächst (1900–1903) die Vorschule, dann die Oberrealschule in Hamburg-Eppendorf, die er 1910 als "Einjähriger" abschloss. Unmittelbar nach Beendigung seiner kaufmännischen Lehre bei der Fa. A. Auerbach & Co Hamburg (Import/Export) diente er von 1914 bis 1918 als Kriegsfreiwilliger in Frankreich und Russland. Mit nachklingendem Stolz hieß es dazu in seinem Wiedergutmachungsantrag:
"… als am 1. August 1914 der Krieg ausbrach und ich mich sofort freiwillig zum Kriegsdienst in der Deutschen Armee zur Verfügung stellte. Ich habe den ganzen Feldzug von 1914 bis Ende 1918 als Frontkämpfer in der 5. Armee unter dem Kommando des damaligen Kronprinz Wilhelm in Frankreich und Russland mitgemacht, wurde befördert und mit dem Eisernen Kreuz, dem Hanseatenkreuz etc. ausgezeichnet und Ende 1918 mit Ehren entlassen."

Nach Kriegsende heiratete er Selma Böning. Aus der Ehe gingen zwei Töchter, Vera und Margot, hervor, beiden gelang die Auswanderung in die USA. Ab 1919 arbeitete er als Handelsvertreter in der Tabakbranche, 1922 wurde er Filialleiter bei der Firma Emil Wolsdorff A.G. in Hamburg, ab 1927 Generalvertreter für eine Abteilung der Zigarettenfabrik Reemtsma für Hamburg und Nord-West Deutschland. 1932 machte er sich als Tabakwaren-Großhändler selbstständig, wurde aber 1935 durch den allgemeinen Boykott jüdischer Geschäfte zur Aufgabe gezwungen. Der befreundete Tabakwarengroßhändler Carl G. A. Hoffmann beschäftigte ihn bis zu seiner Auswanderung 1939 in die Vereinigten Staaten und sicherte so seine Existenzgrundlage. In Toledo (Ohio) konnte er sich nach erheblichen Startschwierigkeiten als Geschäftsmann etablieren. Dort lebte er unter dem Namen Henry Schrag.

Irma Schragenheim, Brunos Frau, war die Tochter von Michael Löwenberg und Rosa Rebekka, geb. Seewald. Auch nach der Eheschließung im Jahre 1928 arbeitete sie weiter bis 1938 als kaufmännische Angestellte bei der Fa Wienke & Co, Altona.

Familie Löwenberg lebte bis 1904 in Hannover, zog dann nach Hamburg um. Irmas Vater war Teilhaber des gemeinsam mit seinem Bruder Markus geleiteten Bank- und Lotteriegeschäfts. Irma war die jüngste von vier Schwestern: Henny (1892), Else van der Walde (1893) und Flora Sänger (1895). Else wurde mit demselben Transport wie Bruno und Irma am 8. November 1941 nach Minsk deportiert, wo auch sie den Tod fand. Bis dahin hatte sie als Wirtschafterin im Heim für jüdische Mädchen an der Innocentiastraße gearbeitet. Flora wurde 1942 zusammen mit ihrem Ehemann Willy Sänger nach Theresienstadt und beide von dort weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet. Auch der Sohn Erwin Sänger (www.stolpersteine-hamburg.de) überlebte die NS-Zeit nicht: Er wurde in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn getötet, wohin ihn die Eltern vor ihrer Deportation gebracht hatten. Ihr ältester Sohn Jacob (1932), später Jack Black, gelangte 1938 mit einem Kindertransport nach England, wuchs dort in einer Pflegefamilie auf, deren Namen (Black) er später annahm, und wurde Rechtsanwalt (solicitor) in London.

Der Weg nach Minsk: Über den weiteren Transport nach Minsk und ihre Ankunft dort berichtete Heinz Rosenberg:
"Um fünf Uhr am nächsten Morgen (…) kamen große geschlossene Polizeiwagen, man lud uns unter Polizeibewachung ein und fuhr uns zum Güterbahnhof. Dort stand ein Zug mit 20 Personen- und fünf Güterwagen. Die Personenwagen waren alt, aber sie hatten Fenster und Türen, die allerdings von innen nicht zu öffnen waren. Je 50 Personen kamen in einen Waggon, jeder Platz musste besetzt werden. Die Prozedur dauerte viele Stunden. …

Gegen fünf Uhr früh konnten sie endlich aus dem Zug aussteigen. Ein SS-Offizier gab Befehle. Jeder hatte sein Handgepäck zu nehmen und sich am Waggon aufzustellen. Sie wurden abgezählt und hatten zu warten. …

Der nächste Befehl lautete: Sie hätten jetzt unter Bewachung seiner Truppen in das Minsker Getto zu marschieren. Falls irgendwer versuche zu fliehen oder den Befehlen nicht gehorche, werde er erschossen. Sie würden hundert von ihnen erschießen für jeden, der einen Fluchtversuch mache. Im Getto sei genug Platz für sie alle. Die Aufräumarbeiten müssten sofort begonnen werden. Und niemand dürfe von 8 Uhr abends bis 6 Uhr früh im Getto auf den Straßen sein."

In Minsk waren im Juli 1941 alle Juden in einem Getto zusammengepfercht worden, das aus einem von allen Bewohnern geräumten Wohngebiet bestand. Weiter aus Rosenbergs Bericht:
"Dieses (Getto) war rundum mit Stacheldraht eingezäunt. Sie (die Deportierten) wurden zu einem Schulhaus, aus roten Ziegeln gebaut, geführt, das noch unfertig war. Gegenüber lag ein weißes Gebäude, offensichtlich auch eine Schule.

Sie erhielten den Befehl, das rote Gebäude auszuräumen: … Hunderte von Leichen bedeckten den Boden … überall war Blut, und auf den Öfen und Tischen stand noch das Essen. Alle Räume waren in einem vollständigen Durcheinander. Es war nicht eine einzige lebende Seele zu finden. Nach und nach kamen die anderen vom Bahnhof. Die älteren waren auf Lastwagen geladen worden.

Endlich standen alle auf dem großen Hof vor dem Schulgebäude, erschöpft, nervös, frierend und hungrig. Viele wollten wissen, was in dem großen Haus sei, gingen hinein und kamen entsetzt zurück. Klagen und Schreien begann und ein großes Durcheinander entstand. …

Die Toten wurden in den Hof getragen. Das Inventar wurde einfach aus den Fenstern geworfen und später verbrannt. … Der Transport verteilte sich auf ca. 30 Säle. Die Menschen mussten auf dem Fußboden sitzen. …

Das Jahr 1941 endete schlecht: Hunger, Kälte, Läuse, Wanzen, Krankheit und Tod waren überall. Das Jahr 1942 begann noch schlimmer: Am Neujahrsabend erschienen betrunkene SS-Männer und erschossen wahllos ca. 5000 jüdische Menschen. Im Januar setzte die Kälte erst richtig ein. … Die Todesrate stieg."

Von Irma und Bruno existiert kein Lebenszeichen aus Minsk. Sie kehrten nicht zurück. Niemand weiß, ob sie erfroren oder verhungert sind, ob sie einer Krankheit erlagen, oder erschossen wurden. In den Wiedergutmachungsakten wurde ihr Tod auf den 8. Mai 1945 datiert.

Stand: März 2017
© Jürgen Kühling

Quellen: Stadtarchiv Hannover, Geburtenregister der Synagogengemeinde Hannover; Hausmeldebücher (Fachbereich Recht und Ordnung) der Stadt Hannover; StaH 332-5 Sterberegister Sterbeurkunden Clara Schragenheim 8168 453/1940 und Elias S. 332-5 1104/1939 (Nr. 7396), (Nr. 17410); StaH 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht Einbürgerungsurkunde Elias S. (B III 46269); StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung 50096 Jack Black; Adressbücher Hamburg 1932–1938, Hannover 1928; 522-1 Jüdische Gemeinde Hamburg 992b, Kultussteuerkarteikarten zu Margot S. Nr. 20686), Rosa S. (Nr. 19900), Hellmuth S. (Henry Schrag Nr. 5347), Ellen S. (Nr. 16086), Rosa S. (Nr. 19900), Elias S. (Nr. 3361), Clara S. (Nr. 3361); Korrespondenz mit Jack Black, solicitor, London; Fischer, Felice Schragenheim.

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