Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Ausriss aus der Ersatzliste der Deportationsliste, die Rückstellung zeigend
© StaH

Vera Adelheid Marcus * 1893

Eiffestraße 606 (Hamburg-Mitte, Hamm)


gedemütigt / entrechtet
Flucht in den Tod 11.03.1943

Weitere Stolpersteine in Eiffestraße 606:
Bruno Gortatowski

Vera Adelheid Marcus, geb. 5.12.1893, Todesdatum 11.3.1941 Hamburg
Eiffestraße 606

Am 2. Juli 1940 schrieb Vera Adelheid Marcus an den Jüdischen Religionsverband Hamburg:
"Ich beziehe kein Einkommen, da ich meine Tätigkeit als Haushälterin schlicht um schlicht ausübe und kein Entgelt erhalte. Für Vermögenssteuer bin ich nicht veranlagt, da meine Ersparnisse unterhalb der Freigrenze liegen (wie am 13.12.1939 mitgeteilt RM 3400,-)." Auf ihrer Karteikarte stand der Vermerk "neutrale Umschläge", vermutlich, um andere Hausbewohner nicht zu alarmieren, dass eine Jüdin unter ihnen lebte.

Vera Adelheid Marcus war am 5.12.1893 in St. Petersburg zur Welt gekommen. Ihr Vater war Hugo Marcus, ihre Mutter Luise Meyer, eine Protestantin. Sie war eine zierliche Person von 149 cm Größe. Die Umstände ihrer Übersiedlung nach Hamburg sind unbekannt. Sie übte den Beruf einer Buchhalterin aus. Zwischen 1930 und 1935 trat sie der jüdischen Gemeinde bei und gab die Adresse Eiffestraße 606 a III an, ohne Bruno Gortatowski als Vermieter zu nennen.

Obwohl sie sich als Jüdin begriff, vermied sie es, in der Wohnumgebung als solche erkennbar zu sein, wenn man den Angaben von Nachbarinnen Glauben schenken darf.

Vera Adelheid Marcus wurde zum 25. Oktober 1941 zur ersten Deportation Hamburger Juden "für den Aufbau im Osten" in das Getto von Lodz als Ersatzperson aufgerufen, aber zurückgestellt. Am 24. Februar 1943 sollte sie sich zum Transport nach Theresienstadt einfinden, vermutlich, weil sie aus einer Mischehe stammte. Wiederum gelang es ihr, sich der Deportation zu entziehen.

Wie in der biographischen Skizze Bruno Gortatowskis dargelegt, stellte die Polizeibehörde seine Abstammung in Frage und lud ihn am 10. März 1943 vor. Was ihm gesagt wurde, ist unbekannt. Jedenfalls war dieser Besuch bei der Polizeibehörde der Auslöser dafür, dass sich Vera Adelheid Marcus und Bruno Gortatowski am 11. März 1943 gemeinsam in der Küche erhängten.

Vera Adelheid Marcus hinterließ an Papieren und Wertsachen ihr Arbeitsbuch, ihr Sparbuch und ihre Armbanduhr. Aus ihrem Sparguthaben sollte ihre Beerdigung bezahlt werden. Gemeinsam mit Bruno Gortatowski hatte sie ein Schreiben an die Polizei verfasst und unterzeichnet, wonach sie beide freiwillig aus dem Leben schieden. Der Kriminalbeamte holte bei Nachbarinnen Erkundigungen über Vera Adelheid Marcus ein. Frau K. gab zu Protokoll:

"Ich habe mit G. und dessen Haushälterin, von der ich früher angenommen hatte, dass sie die Ehefrau des G. war, nachbarlich verkehrt. Anfang des Krieges 1939 [vertraute] mir die Marcus an, dass sie jüdischer Abstammung sein sollte. Sie will während des 1. Weltkrieges aus Russland ausgewiesen worden sein und mit Juden in keinerlei Verbindung gestanden haben. Seit Einführung des Judensterns hat sie das Haus nicht mehr verlassen, da sie den Judenstern nicht tragen wollte. Weitere Angaben kann ich … nicht machen. Am Mittwoch, den 10.3.43, gegen 9 Uhr habe ich zuletzt mit der Marcus gesprochen. Sie brachte mir ein Strickmuster und sagte, dass ich dieses behalten könne. Sie brauche es nicht mehr. Seit dieser Zeit habe ich die Marcus nicht mehr gesehen." Die Leichen wurden wie üblich in das Hafenkrankenhaus transportiert und die Todesursache festgestellt. Wo Vera Adelheid Marcus und Bruno Gortatowski beigesetzt wurden, hat sich nicht feststellen lassen.

Der Polizeipräsident beschied zum Abschluss: "Die RM 7,– für die Ver- und Entsiegelung sind nicht in dieser Leichensache zu erheben, da die M. nur als Untermieterin bei dem zur gleichen Zeit erhängten Bruno G. gewohnt hat. Die Gebühr ist von den Angehörigen des G. bezahlt. Rechnung über RM 3,– f. d. Todesbescheinigung a/d. Nachlasspfleger Dr. Alfred Israel Islar, Am Foßberg 107."

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 4; 5; StaH, 331-5 Polizeibehörde – Unnatürliche Todesfälle, 1943/923; 522-1, Jüdische Gemeinden, 992e 2Deportationslisten Bd. 1 und 5; 391 Mitgliederliste 1935; BA Bln., Volkszählung 1939.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

druckansicht  / Seitenanfang