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Bereits verlegte Stolpersteine



Agnes Petersen * 1939

Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik) (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


AGNES PETERSEN
GEB. 4.11.1939
ERMORDET 10.11.1944

Weitere Stolpersteine in Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik):
Andreas Ahlemann, Rita Ahrens, Ursula Bade, Hermann Beekhuis, Ute Conrad, Helga Deede, Jürgen Dobbert, Anneliese Drost, Siegfried Findelkind, Rolf Förster, Volker Grimm, Antje Hinrichs, Lisa Huesmann, Gundula Johns, Peter Löding, Angela Lucassen, Elfriede Maaker, Renate Müller, Werner Nohr, Harald Noll, Renate Pöhls, Gebhard Pribbernow, Hannelore Scholz, Doris Schreiber, Ilse Angelika Schultz, Dagmar Schulz, Magdalene Schütte, Gretel Schwieger, Brunhild Stobbe, Hans Tammling, Peter Timm, Heinz Weidenhausen, Renate Wilken, Horst Willhöft

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort

Im früheren Kinderkrankenhaus Rothenburgsort setzten die Nationalsozialisten ihr "Euthanasie-Programm" seit Anfang der 1940er Jahre um.
33 Namen hat Hildegard Thevs recherchieren können.

Eine Tafel am Gebäude erinnert seit 1999 an die mehr als 50 ermordeten Babys und Kinder:

In diesem Gebäude
wurden zwischen 1941 und 1945
mehr als 50 behinderte Kinder getötet.
Ein Gutachterausschuss stufte sie
als "unwertes Leben" ein und wies sie
zur Tötung in Kinderfachabteilungen ein.
Die Hamburger Gesundheitsverwaltung
war daran beteiligt.
Hamburger Amtsärzte überwachten
die Einweisung und Tötung der Kinder.
Ärzte des Kinderkrankenhauses
führten sie durch.
Keiner der Beteiligten
wurde dafür gerichtlich belangt.



Weitere Informationen im Internet unter:

35 Stolpersteine für Rothenburgsort – Hamburger Abendblatt 10.10.2009

Stolpersteine für ermordete Kinder – ND 10.10.2009

Stolpersteine gegen das Vergessen – Pressestelle des Senats 09.10.2009

Die toten Kinder von Rothenburgsort – Nordelbien.de 09.10.2009

35 Stolpersteine verlegt – Hamburg 1 mit Video 09.10.2009


Wikipedia - Institut für Hygiene und Umwelt

Gedenken an mehr als 50 ermordete Kinder - Die Welt 10.11.1999

Euthanasie-Opfer der Nazis - Beitrag NDR Fernsehen 29.05.2010

Hitler und das "lebensunwerte Leben" - Andreas Schlebach NDR 24.08.2009
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Agnes Petersen, geb. 4.11.1938 in Hamburg, ermordet am 10.11.1941

Agnes wurde im November 1938 als drittes Kind und erste Tochter des Schiffbauers Walter Petersen und seiner Ehefrau Margarethe geboren. Sie starb mit drei Jahren am 10. November 1941. Die Familie lebte in Wilhelmsburg, Im Busch 41, nach der Eingemeindung 1937 nach Hamburg in "Dröge Elv" umbenannt. Agnes Brüder waren zehn und fünf Jahre älter als sie, die Familie scheint gut situiert gewesen zu sein. Agnes kam gesund zur Welt.

Ihre Krankenhausaufenthalte begannen mit dem 5. Juni 1939, als sie in das Allgemeine Krankenhaus Harburg eingewiesen wurde. Der Grund dafür ist uns nicht bekannt. Nach zehntägigem Aufenthalt wurde sie in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort verlegt, offenbar, weil sie Krampfanfälle bekam. Dort zeigten sich vier Tage später die für eine Masernerkrankung typischen Hautrötungen und hohen Temperaturen, denen Symptome einer Hirnhautentzündung folgten: ein starrer Blick, große Unruhe und hohe Berührungsempfindlichkeit. Agnes erhielt eine Blutübertragung und überstand die Erkrankung, die ein lebensbedrohliches Ausmaß angenommen hatte. Sie wurde am 15. Juni 1939 gesund entlassen.

Ein halbes Jahr später wurde sie aus nicht bekannten Gründen in der Kinderklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf aufgenommen und kehrte nach 18 Tagen nach Hause zurück. Offensichtlich hatte die im Jahr zuvor erlittene Hirnhautentzündung Entwicklungsstörungen zur Folge, die immer deutlicher wurden. Deshalb kam Agnes am 12. April 1941 erneut in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Sie wirkte jetzt aus Sicht des Personals geistig eingeschränkt, schrie häufig, ohne sich zu beruhigen, und zeitweilig waren ihr Rücken und ihre Oberschenkel eiskalt. Einzelheiten über diesen Aufenthalt sind nicht bekannt, doch wurde sie jetzt offenbar an den "Reichsausschuss" gemeldet.

Agnes lag auf der Kleinkinderstation, als das Krankenhaus am 30. Juni 1941 durch die Explosion einer Sprengbombe in seiner Nachbarschaft teilweise zerstört wurde. Die Genehmigung zu ihrer "Behandlung" stand noch aus. Sie wurde mit der Diagnose "Demenzprozess nach Meningitis epidemica" – "Geistesschwäche nach epidemischer Hirnhautenzündung" – und zudem möglicherweise mit Scharlach auf der Kinderstation der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, die nun als Hilfskrankenhaus diente, untergebracht. Für die Kosten kam zunächst der Vater auf, bis die Allgemeine Ortskrankenkasse Hamburg sie übernahm. Am 15. Juli 1941 wurde Agnes in die "Kinderfachabteilung" verlegt.

Von nun an zahlte die Sozialverwaltung. Agnes erlebte ihren dritten Geburtstag in Langenhorn. Nachdem die Erlaubnis zur "Behandlung" eingetroffen war, unternahm Friedrich Knigge einen Tötungsversuch, der misslang, jedoch einen Spritzenabszess zur Folge hatte. Wegen dieses Abszesses wurde Agnes am 7. November 1941 "wegen bestehender Temperaturschwankungen in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort beurlaubt". Sie wurde zurück verlegt, bevor das Krankenhaus seinen vollen Betrieb wieder aufgenommen hatte. 1948 meinte die Langenhorner Stationsschwester Sophie Pertzel, der Abszess hätte auch im Krankenhaus Langenhorn behandelt werden können, Knigge habe wohl einen anderen Grund für die Verlegung gehabt: "Wir hatten das Kind Agnes auf der Station sehr gerne und ausser mir hatte auch die Oberschwester Harberg sehr um das Kind lamentiert. Ich nehme an, dass aus diesem Grunde Agnes nach Rothenburgsort verlegt wurde, weil Dr. Knigge befürchtete, dass wir Schwestern schon zuviel von der Sache wussten."

Am 27. November 1941 schrieb Bayer an seinen Kollegen Knig­ge: "Die Schwester wollte das Kind nicht hierlassen. War sie nicht entsprechend orientiert? Auch bei dem vorherigen Kind, dessen Hierbleiben zwischen uns verabredet war, hat sich – wie mir berichtet wird – ein beträchtlicher Kampf mit der begleitenden Schwester ergeben; die Schwester wollte auf keinen Fall das Kind dalassen."

Agnes’ Vater Walter Petersen erhielt eine schriftliche Nachricht von der Verlegung am 9. November. In der Nacht darauf starb Agnes. Die Stationsärztin Lotte Albers, assistiert von Gudrun Kasch, hatte ihr eine hinreichend hohe Dosis Luminal verabfolgt. Agnes wurde drei Jahre alt.

Der Vater zeigte Agnes’ Tod beim Standesamt Rothenburgsort an. Im Sterberegister wurde lediglich "Pneumonie, Kreislaufschwäche" eingetragen.

In den Ermittlungsakten finden sich abweichende Lebensdaten, die hier genannten sind durch die Geburts- und Sterbeurkunden gesichert.

© Hildegard Thevs

Quellen: StaH 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht – NSG, 0013-59; 0017/001, 002; 332-5 Standesämter, 1145+442/1941; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 2000/1, 36; Zentralregister der Standesämter, mdl. Auskunft am 20. Juli 2009.

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