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Elsbeth Fieseler (geborene Riese) * 1872

Vierländer Damm 6 (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


HIER WOHNTE
ELSBETH FIESELER
GEB. RIESE
JG. 1872
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.2.1943

Elsbeth Fieseler, geb. Riese, geb. 17.12.1872 in Berlin, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort gestorben am 24.2.1943

Vierländer Damm 6 (Vierländerstraße 6a)

Elsbeth Fieseler wurde als das älteste von acht Kindern des jüdischen Ehepaars Riese in Berlin geboren. Zwei ihrer Geschwister starben früh, die anderen gingen vor 1933 bzw. vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ins Ausland nach Schweden, Spanien und in die USA. Anlässlich ihrer Heirat mit Franz Fieseler im Jahr 1896 konvertierte Elsbeth zum Katholizismus. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. Die Familie lebte in Berlin und einige Jahre auch in Florenz, weshalb die dort geborene zweite Tochter den Namen Fiorenza erhielt. 1922 wurde die Ehe geschieden. Elsbeth Fieseler zog daraufhin nach Coburg, um in der Nähe ihrer ältesten Tochter zu sein, die eine Hauswirtschaftslehre auf dem Gut der Familie Rückert absolvierte. Später ging sie nach Bad Saarow am Scharmützelsee. Als Jüdin nicht mehr geduldet, verließ sie den Kurort 1937 und kehrte erneut nach Berlin zurück.

Der jüdische Hamburger Kinderarzt Dr. Eduardo Meldola nahm 1939 Kontakt zu ihr auf. Geboren am 23. Mai 1869 in Blumenau in Brasilien, erhielt er in Deutschland seine Ausbildung und nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an. Er wollte ursprünglich Elsbeth heiraten, sie entschied sich aber für Franz Fieseler, doch der Kontakt blieb bestehen.

Eduardo Meldola heiratete Henriette Beermann, geboren am 4. November 1876 in Potsdam. Aus ihrer Ehe gingen fünf Töchter hervor. Nach dem Tod Henriette Meldolas im Jahr 1931 bewohnte die älteste Tochter, Margarethe Bauer, mit ihrem Vater die Villa in der Vierländer Straße 6a, heute Vierländer Damm 6. Angesichts der immer stärker spürbar werdenden Bedrohung der Juden in Deutschland ging Eduardo Meldola zunächst nach Portugal und erwog, sich in Porto niederzulassen. Am 24. April 1939 gab er seine deutsche Staatsbürgerschaft auf und versuchte, Elsbeth Fieseler zu überreden, mit ihm ins Ausland zu gehen. Sie wies das Ansinnen zurück, weil sie sich nicht von ihren Töchtern und Enkelkindern trennen mochte. Daraufhin bot ihr Eduardo Meldola an, doch wenigstens in seine Villa in Hamburg zu ziehen, die wegen seiner brasilianischen Staatsbürgerschaft nicht beschlagnahmt werden könne, so dass sie dort einigermaßen sicher unter­gebracht sei. Elsbeth nahm an. Wer außer ihr und Margarethe Bauer in der Villa am Vierländer Damm wohnte, ist nicht bekannt.

1941 kehrte Eduardo Meldola noch einmal nach Hamburg zurück und bat Elsbeth Fieseler inständig, mit ihm nach Brasilien zu gehen, die Genehmigung für die Ausreise habe er durch Beziehungen erhalten. Sie lehnte wiederum ab und konnte sich nicht vorstellen, "was die Nazis mit mir alten Frau machen wollen, wir verschwenden ja doch kaum etwas mit unseren spärlichsten Lebensmitteln".

Eduardo Meldola nahm Abschied und reiste allein nach Blumenau in Brasilien, wo er weiterhin seine Tätigkeit als Arzt ausübte. Im Oktober desselben Jahres wurde die jüdische Auswanderung offiziell verboten.

In dem Katalog zur Ausstellung "In den Tod geschickt" findet sich ein Schreiben des Fernsprechamts Hamburg vom 9. Januar 1942, mit dem die "Dienststelle für die Verwaltung eingezogener Vermögen" des Finanzpräsidiums Hamburg um Überweisung der ausstehenden Telefongebühren jüdischer Fernsprechteilnehmer gebeten wird, die "infolge ihrer Evakuierung ihre letzten Fernsprechgebühren nicht bezahlt" haben, u. a.:

"Meldola | Eduardo, Israel | Vierländerstraße 6a | Anschluß 38 6551 | Unbezahlter Betrag 5 RM 40 Rpf | Dazu 4 v.H. Zinsen ab 19.9.41." Ob dieses Datum das des Umzugs von Elsbeth Fieseler in die Haynstraße 7 in Eppendorf war, ließ sich nicht klären. Es ist der Tag, ab dem der "Judenstern" getragen werden musste.

Als eine ihr bekannte Jüdin aus der Vierländer Straße zur Deportation aufgerufen wurde, überfiel Elsbeth Fieseler die Angst. Sie trennte den "Judenstern" von ihrem Mantel und fuhr nachts mit der Bahn nach München zu ihrer Tochter Fiorenza, die dort mit ihren vier Töchtern in einem Mietshaus lebte. Elsbeth konnte nicht bleiben, weil die Wohnung zu klein war, um ein Versteck einzurichten, sie ohne Registrierung weder Lebensmittel erhielt noch bei den beinahe täglichen Luftangriffen die Luftschutzräume aufsuchen durfte. So fuhr sie am übernächsten Tag zurück nach Hamburg.

Zwei Monate später teilte Elsbeth Fieseler ihrer Tochter am Telefon verschlüsselt die bevorstehende "Evakuierung" mit, woraufhin Fiorenza nach Hamburg kam. Am 19. Juli 1942 begleitete sie ihre Mutter zur Sammelstelle im Logenhaus in der Moorweidenstraße und zum Hannoverschen Bahnhof am Lohseplatz, von wo der Deportationszug nach Theresienstadt abfuhr.

Aus dem Getto von Theresienstadt erreichten noch zwei Briefe von Elsbeth Fieseler ihre Tochter. In dem letzten schrieb sie: "Ulrike passen jetzt die Kleider von Sonja". "Ulrike" war das vereinbarte Wort für "Elsbeth", Sonja war das jüngste Enkelkind, damals 9 Jahre alt. 1943 teilte die Lagerverwaltung mit, dass Elsbeth Fieseler am 24. Februar 1942 an Typhus gestorben sei. Auf Wunsch könne die Asche gegen eine Gebühr zugesandt werden. Die Familie verzichtete darauf, in der Ahnung, ein wahllos abgefülltes Aschepaket zu erhalten. Elsbeth Fieseler wurde 70 Jahre alt. Nach dem Krieg besuchte eine Jüdin, die das Lager Theresienstadt überlebt und Elsbeth dort kennengelernt hatte, die Familie. Sie sagte, Elsbeth habe in dem Lager bis zu ihrem Tod vielen Trost und Hoffnung gespendet. Sie habe mit den Kindern gemalt, sie Lieder gelehrt und mit ihnen gesungen.

© Michael Zuch

Quellen: 1; 4, 5; 7; BA Volkszählung 1939; StaH 552-1 Jüdische Gemeinden, 992 e 2, Bd. 5; Mitteilungen von Angehörigen 21.6.2009–27.1.2010; In den Tod geschickt, Ausstellungskatalog, Hamburg 2009.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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