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Helene und Martin Oppenheim mit den Söhnen Arthur und Werner
Helene und Martin Oppenheim mit den Söhnen Arthur und Werner
© Privatbesitz

Helene Oppenheim (geborene Hirsch) * 1876

Billhorner Kanalstraße 18 (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


HIER WOHNTE
HELENE OPPENHEIM
GEB. HIRSCH
JG. 1876
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Billhorner Kanalstraße 18:
Friederike Oppenheim

Friederike Oppenheim, geb. Hirsch, geb. 6.3.1863 in Oldesloe, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 21.9.1942 nach Treblinka
Helene Oppenheim, geb. Hirsch, geb. 10.6.1876 in Oldesloe, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk

Billhorner Kanalstraße 18

Namensgleichheiten kommen in Familienkreisen öfter vor, manchmal sind sie Verwandtschaft, manchmal dem Zufall geschuldet. Oft fordert es intensive Nachforschungen, ihre Herkunft bzw. die Verwandtschaftsbeziehungen aufzuklären wie bei Helene Oppenheim.

Sie teilte am 19. September 1938 dem Wohlfahrtsamt mit: "Andere Einnahmen habe ich nicht, im Gegenteil, ich muss noch für meine bei mir wohnende Schwiegermutter, die selbst mittellos ist, sorgen." Eineinhalb Jahre später, am 27. Februar 1940, schrieb sie: "Über Rücklagen verfüge ich nicht, wobei ich bitte zu berücksichtigen, dass ich bisher meine völlig mittellose Schwester Fr. Sara Oppenheim (76 Jahre alt) wohnhaft Im Tale 13b. Hirsch ernährt habe." Dass sich hinter "Fr. Sara Oppenheim" ihre Schwester Friederike verbarg, ließ sich bald klären, aber wer war ihre Schwiegermutter?

Helenes Mann war der 1938 verstorbene Martin Oppenheim, Sohn des Ahron und seiner Ehefrau Jettchen Oppenheim. Friederike wiederum war die Witwe von Ahron Oppenheim aus dessen zweiter Ehe. In erster Ehe war Ahron Oppenheim mit Jettchen, geb. Arensberg, verheiratet gewesen. Aus ihrer Ehe ging als einziges Kind der Sohn Martin hervor. Mit Friederike Oppenheim erhielt er eine nur fünfzehn Jahre ältere Stiefmutter. Martin Oppenheim heiratete 1908 deren Schwester Helene Hirsch, seine zwei Jahre ältere (Stief)Tante. So wurde die Schwester zur Schwiegermutter.

Friederike und ihre dreizehn Jahre jüngere Schwester Helene stammten aus dem damaligen Oldesloe, das seit 1919 Bad Oldesloe heißt. Ihre Eltern, Menny und Fanny Hirsch, betrieben dort einen Handel mit Manufakturwaren, der 1881 in Konkurs ging. Sie hatten eine weitere Tochter Clara, verheiratete Gaede, sowie zwei Söhne, Hugo und Julius, die ebenfalls verheiratet waren. Julius Hirsch blieb als Bürstenbinder mit seiner Frau Bertha und ihren Söhnen in Oldesloe, er wurde im Ersten Weltkrieg als Soldat getötet.

Nach Ahron und Jettchen Oppenheims Eheschließung 1877, er 30, sie 34 Jahre alt, kam am 17. März 1878 ihr Sohn Martin zur Welt. Er wurde Händler wie sein Vater. Die Familie zog zunächst in die Jacobi-Kirchenstraße 6 in der Altstadt und 1896 aus deren Enge in die Anckelmannstraße in Borgfelde. Kurz vor Martin Oppenheims 19. Geburtstag starb seine Mutter. Sein Vater ging am 8. Mai 1898 eine zweite Ehe ein, mit der 16 Jahre jüngeren Friederike Hirsch. Sie war 1897 nach Hamburg gekommen. Auch aus der zweiten Ehe Ahron Oppenheims ging ein Kind hervor, die am 20. Juni 1900 geborene Tochter Martha.

Martin Oppenheim verließ sein Elternhaus und baute in Winterhude ein Fuhrunternehmen auf. Mit 30 Jahren heiratete er am 10. April 1908 Helene Hirsch, die bis dahin mit im Haushalt ihrer Schwester in der Anckelmannstraße gelebt hatte. Nun zog sie mit ihrem Mann nach Winterhude zum Lattenkamp 12. Sie brachte zwei Söhne zur Welt, Arthur, geboren am 16. Januar 1909, und Werner, geboren am 27. September 1910. Arthur besuchte die Volksschule in der Alsterdorferstraße.

Etwa gleichzeitig mit Friederike Hirsch zog ihr Bruder Hugo Hirsch (geboren am 3. März 1861 in Oldesloe) und verheiratet mit Johanna, geb. Unger, nach Hamburg und baute hier einen Weißwarenhandel auf. Die drei Kinder des Paares heißen Elfriede, Kätie und Menni, benannt nach seinem Großvater Menny Hirsch; er starb jung.

Wann Friederikes Schwester Clara nach Hamburg kam, ließ sich nicht feststellen. Sie lebte vermutlich in einer "Mischehe" und trat erst 1940 dem Jüdischen Religionsverband als Zweigstelle der Reichsvereinigung bei.

Friederike Oppenheim verwitwete nach 17-jähriger Ehe am 28. Dezember 1915; ihr Mann Ahron starb im Israelitischen Krankenhaus. Sie blieb mit ihrer Tochter Martha in Borgfelde wohnen und ließ sich selbst als Mitglied in der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg registrieren. Ihr Bruder Hugo Hirsch, ebenfalls Gemeindemitglied, starb am 18. November 1920. Seine Frau Johanna führte das Geschäft weiter. Die Tochter Elfriede heiratete den schwer kriegsbeschädigten Dagobert Bernstein. Aus dieser Ehe ging ein Kind hervor, die am 31. Dezember 1923 geborene Else. Elfriede starb bereits im darauf folgenden Jahr, und Dagobert Bernstein heiratete ihre jüngere Schwester Kätie.

1923 beendete Arthur Oppenheim seine Schulausbildung und schloss eine kaufmännische Lehre an. Nach deren Abschluss trat er in das Fuhrgeschäft seines Vaters ein. Martin Oppen­heim gab 1932 das Geschäft aus Krankheitsgründen auf und zog in einem der folgenden Jahre aus nicht bekannten Gründen nach Rothenburgsort in die Billhorner Kanalstraße.

Martha Oppenheim erhielt eine Ausbildung als Stenotypistin und Buchhalterin. Sie begann ihre Berufstätigkeit in einer Rechtsanwaltskanzlei am Neuen Wall und setzte sie in anderen Praxen fort, bis sie heiratete. Am 11. August 1927 ging Martha Oppenheim die Ehe mit Wilhelm Jonas ein, geboren am 7. Juli 1892 in Neuwedell in Westpommern, der zu ihr und ihrer Mutter in die Anckelmannstraße 73 zog. 1931 wurde dort ihre Tochter geboren. Friederike Oppenheim passte auf ihre Enkelin auf, wenn Martha aushilfsweise arbeitete. Ab 1936 fand sie keine reguläre Anstellung mehr, wurde aber von früheren Arbeitgebern "illegal" weiter beschäftigt.

In den dreißiger Jahren zogen Bertha Hirsch, geb. Magnus, Julius Hirschs Witwe, und ihre Söhne Max und Hans von Bad Oldesloe zu. Sie nahmen sich eine Wohnung in Eppendorf, Im Tale 13. Bertha Hirsch lebte von der Hinterbliebenenrente, die sie seit dem Tod ihres Mannes 1915 erhielt. Max Hirschs Einkommen als Fahrstuhlführer war gering. Er verließ als erster der Cousins und Cousinen Deutschland und wanderte 1935 aus.

Sein Bruder Hans heiratete eine Katholikin und emigrierte mit ihr 1938 nach Japan. In Japan lebte bereits Werner Oppenheim. Er arbeitete in der Hamburger Niederlassung der französischen Getreidefirma Louis Dreyfus. Nach deren Auflösung aufgrund der antijüdischen Maßnahmen der Regierung wurde er 1936 in die Firmenniederlassung in Osaka in Japan versetzt. Werner forderte seinen Bruder Arthur auf, ihm nach Japan zu folgen. Als 1938 der Druck auf ihn als jüdischen Geschäftsinhaber keinen anderen Ausweg erkennen ließ, verkaufte Arthur seinen Wagenpark von vier Lkws, überließ die Wohnungseinrichtung seinen Eltern und reiste am 1. Juli nach Japan ab. Er traf auf dem Weg über Sibirien und Mandschukuo am 13. Juli 1938 in Osaka ein; sechs Tage später starb sein Vater Martin Oppenheim.

Auf demselben Weg und mit demselben Ziel emigrierten Martha, Wilhelm und Ingeborg Jonas. Wilhelm Jonas plante, an einer Mädchenschule in Osaka zu arbeiten. Er erhielt jedoch keine Arbeitsgenehmigung und reiste nach etwa sechswöchigem Aufenthalt in Osaka mit dem Dampfer weiter nach Tientsien in China. Die japanische Arbeitsgesetzgebung machte es auch Arthur Oppenheim unmöglich, eine Anstellung zu finden, weshalb er nach zweimonatigem Aufenthalt in Osaka nach Schanghai übersiedelte, wo er sich mit Hilfe der Wohlfahrtsorganisationen mühselig durchschlug. Tientsien war von den Japanern besetzt. Die mit einem "J" versehenen Pässe von Martha, Wilhelm und Ingeborg Jonas wurden vom deutschen Konsulat eingezogen, wodurch sie ihre Bewegungsfreiheit einbüßten und ähnlich wie die Emi­granten in Schanghai gettoisiert wurden. Über das Rote Kreuz konnte Martha Jonas noch mit ihrer Mutter schriftlichen Kontakt halten.

In Hamburg war inzwischen Friederike Oppenheim zu ihrer Schwester nach Rothenburgsort gezogen. Werner Oppenheim unterstützte seine Eltern bis zum Tod seines Vaters und die mit ihnen im selben Haushalt lebende Friederike Oppenheim mit Geldüberweisungen aus Japan von mtl. 150 RM. Davon konnten sie die Miete, den Lebensunterhalt und einen Teil der Krankenhauskosten Martin Oppenheims begleichen. Martin Oppenheim erlitt im April und im Juli 1938 zwei Schlaganfälle, er starb am 19. Juli 1938 im Israelitischen Krankenhaus. Helene Oppenheim erhielt einen Vorschuss von der Fürsorgebehörde, den sie in Raten von 10 RM abzahlte. Für die Beerdigung ihres Mannes benötigte sie weitere Mittel. Aufgrund einer Vereinbarung der Fürsorgebehörde mit der Deutsch-Israelitischen Gemeinde aus dem Jahr 1925 beteiligte sich die Wohlfahrtsstelle an den Beerdigungskosten "in dem üblichen Umfang". Helene Oppenheim geriet in große Not. Da die Überweisungen ihres Sohnes an ihren Mann gerichtet waren, wurde ihr das Geld erst ausgezahlt, als Werner Oppenheim der Reichsbank gegenüber die Genehmigung dazu erteilte. Zudem starb nur zwei Monate nach ihrem Mann Helene Oppenheims Schwägerin Johanna Hirsch am 29. September 1938.

Am 2. März 1939 zogen Friederike und Helene Oppenheim zu ihrer Schwägerin Bertha Hirsch nach Eppendorf, Im Tale 13, wo sie mietfrei wohnen konnten; nach der Auswanderung ihrer beiden Söhne lebte Bertha allein in der Wohnung. Friederike Oppenheim wollte zusammen mit ihrer Schwester Helene ihrer Tochter Martha Jonas nach Tientsien folgen. Die beiden Schwestern beantragten im März 1939 die Auswanderung nach Schanghai mit der Perspektive, von dort nach Tientsien zu gelangen. Ihre Vermögenserklärungen vom 9. März 1939 lauteten lapidar 12 RM bzw. 380 RM Bargeld im Hause, je ein Ehering und Wirtschaftssilber, das von der Ankaufstelle als unecht zurückgewiesen wurde – es handelte sich um 90er Silberauflage. Die Auswanderungskosten sollte der Jüdische Hilfsverein übernehmen. Das Umzugsgut bestand im Wesentlichen aus gebrauchter Kleidung und Haushaltsgütern mit einem Schätzwert von insgesamt 450 RM. Es wurde am 17. April 1939 von der Zollfahndungsstelle freigegeben, die Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde erteilt.

Doch eine Woche später erhielten Friederike und Helene Oppenheim eine Vorladung wegen ihres Umzugsguts. Es ging um ein echtes Silberbesteck, eine als Geschenk in Aussicht gestellte Schreibmaschine und "nachträgliche Neubeschaffung" einer Kochplatte mit Topf und zwei Thermosflaschen. Mit der Maßgabe, dass das Silber besonders verpackt, die Schreibmaschine zurückgelassen werde und die Neuanschaffungen zu unterbleiben hätten, endete die Vorladung. Ob sich deswegen die Auswanderung so weit verzögerte, dass sie letztlich scheiterte, wird aus den Akten nicht deutlich.

Helene Oppenheim geriet im September 1939 erneut in große Not. Die Überweisungen ihres Sohnes blieben aus, nachdem sein Arbeitgeber ihn, den Deutschen, entlassen hatte.

Anfang 1940 sondierte das Wohlfahrtsamt die finanziellen Verhältnisse von Helene Oppenheim und kam zu dem Schluss, dass sie nicht in der Lage sei, ihren Schuldenrückstand zu tilgen. Ihre Rücklagen waren aufgebraucht, die sie vermutlich durch den Verkauf ihrer Möbel beim Auszug aus der Wohnung in der Billhorner Kanalstraße gebildet hatte. Die Restzahlung wurde ihr angesichts ihrer finanziellen Situation erlassen. Schließlich zahlte der "Jüdische Religionsverband" monatlich 46 RM für beide Frauen zusammen.

Obwohl Helene und Friederike mit 65 bzw. 78 Jahren die in den Richtlinien der Gestapo festgelegte Altersgrenze für die Deportation "in den Osten" weit überschritten hatten, wurden sie zur Deportation nach Minsk am 18. November 1941 aufgerufen. Friederike Oppenheim wurde zurückgestellt, Helene gelangte mit über 400 weiteren Hamburger Deportierten in das Getto von Minsk, wo sich ihre Lebensspur verliert.

Friederike Oppenheim und ihre Schwägerin Bertha Hirsch mussten die Eppendorfer Wohnung verlassen und wurden auf Anordnung der Gestapo in sog. Judenhäusern untergebracht: Friederike Oppenheim wie ihre Schwester Clara Gaede in der Schlachterstraße 40–42, Bertha Hirsch in der Sonninstraße 12 in Altona.

Alle wurden am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Die Älteste von ihnen, Friederike Oppenheim, gelangte am 21. September 1942 mit einem Transport ins Vernichtungslager Treblinka und wurde vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet; Clara Gaede starb am 21. Oktober 1942 77-jährig, Bertha Hirsch 71-jährig am 12. Februar 1943 im Getto von The­re­sienstadt.

Als letzte noch lebende Mitglieder der Familie Hugo Hirschs – Dagobert Bernstein starb am 15. November 1941 – wurden Kätie Bernstein und ihre Stieftochter Else am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert; seither fehlt jede Spur von ihnen.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 2 FVg 7261; 4; 5; 7; StaH 332-8 Meldewesen, K 6691; 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 776, 3007, 160109, 200600; 552-1 Jüdische Gemeinden, 992 e 2, Bd. 3, 4, 5; Stadtarchiv Bad Oldesloe, Personenstandsbücher; Auskunft Dr. Sylvia Zander, Stadtarchiv Bad Oldesloe v. 22.3.2011.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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