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Bereits verlegte Stolpersteine



Auguste Schumacher (geborene Braunschweiger) * 1875

Richardstraße 1 vor Schule (vormals Nr. 11) (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)


HIER WOHNTE
AUGUSTE SCHUMACHER
JG. 1875
DEPORTIERT 1941
LODZ
ERMORDET 6.7.1944

Weitere Stolpersteine in Richardstraße 1 vor Schule (vormals Nr. 11):
Isaak Schumacher

Isaak (Iwan) Schumacher, geb. 28.9.1875, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, Todesdatum 12.1.1943
Auguste (Agnes) Schumacher, geb. Lichtenstein, adopt. Braunschweiger, geb. 13.8.1875, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz, Todesdatum 6.7.1944

Richardstraße 11

Isaak Schumacher, genannt Iwan, wurde in Libau geboren, einer Stadt in Lettland. Seine jüdischen Eltern waren der Kaufmann Jacob Isaac Schumacher, geb. am 20. Juli 1838 in Libau und Johanna (Hannchen), geb. am 26. Juni 1851 in Altona. Ihr Vater Hermann Lewandowski war Kantor und Diament der Israelitischen Gemeinde. Nach der Trauung am 20. Januar 1874, die von einem Rabbiner der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg durchgeführt wurde, zogen beide nach Libau. Wenige Jahre später verstarb Jacob Isaac Schumacher und der kleine Sohn kam zu den Großeltern Lewandowski nach Altona, wo er aufwuchs und die Schule besuchte. Als Schüler des Christianeums lernte er Moses Goldschmidt kennen, ein Mitschüler, der in seinen Erinnerungen später von einer lebenslangen Freundschaft berichtete.

Auguste Schumacher, die Agnes genannt wurde, kam am 13. August 1875 in Altona zur Welt. Ihre ebenfalls jüdischen Eltern waren Abraham Lichtenstein und Marianne, geb. Braun­schweiger. 1897 wurde sie vom Kaufmann Moses Braunschweiger adoptiert und nahm dessen Namen an. Sie und Iwan Schumacher waren gleichaltrig und kannten sich schon lange, bevor sie 1907 heirateten. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Aus Moses Goldschmidts Erinne­run­gen wissen wir, dass Iwan und Agnes die Rufnamen des Paares waren.

Moses Goldschmidt und der zwei Jahre jüngere Iwan Schumacher besuchten das Christia­ne­um in Altona ab Ostern 1884 und erlangten das Abitur mit Wiederholungen 1894. In ihrer Klas­se waren sie die einzigen jüdischen Schüler und zeigten sich an den humanistischen Fä­chern nicht sonderlich interessiert. Gute Leistungen erzielten sie in den Fächern Physik und Mathe­matik und entschieden sich beide im Abgangsjahr für ein Medizinstudium. Für Moses war die Fakultät in Würzburg erste Wahl, sein Freund Iwan schrieb sich zunächst in Heidelberg ein, wechselte aber nach einem Semester ebenfalls nach Würzburg.

Hier verbrachten sie laut Moses Goldschmidt eine sehr schöne Zeit, waren Mitglieder einer studentischen Verbindung namens Wirceburgia und knüpften enge Kontakte zu Kommilitonen, Bundesbrüder genannt, von denen etliche später auch in Hamburger Kliniken tätig wurden oder sich hier in der Stadt niederließen. Erwähnt werden die Namen Heinrich Katz, Oettinger, Cramer, Jacoby, Julius Jolo­wicz, Georg Manes und Richard Lewinsohn. Wir erfahren einiges über den damals unverzichtbaren Fechtsport und eine Mensur, der Iwan Schumacher sich zu stellen hatte und von der er die Narbe eines tiefen Schnitts vom Ohr über die Wange bis zum Mundwinkel davontrug. Iwans Dissertation aus dem Jahre 1898, in Würzburg erschienen und im Staatsarchiv Berlin einsehbar, trägt den Titel "Über verästelte Knochenbildung in der Lunge".
Nach dem Studium fand die medizinische Ausbildung in Norddeutschland ihre Fortsetzung.

Es folgten schlecht bezahlte Tätigkeiten in Krankenhäusern und verschiedene Aushilfen. Mo­ses Goldschmidt, inzwischen Familienvater und niedergelassener Arzt in St. Georg mit zahlreichen Patienten, traf 1907 seinen strahlenden Freund Iwan Schu­ma­cher, der soeben seine große Kassenzu­las­sung erhalten hatte und im Stadtteil Barmbek eine Praxis eröffnen wollte. Endlich konnte er seiner langjährigen Verlobten Agnes eine vermeintlich si­chere Zukunft bieten und sie heiraten. Die Praxis befand sich zunächst am Markt, später wurden Wohn- und Pra­xisräume im ersten Stock der Ri­chard­straße 11 gefunden, gut er­reich­bar für Patienten aus den ärmeren Arbeiterquartieren nördlich und zahlungskräftigere Bewohner südlich der Ham­burger Straße, der damals belebten und beliebten Einkaufs- und Flaniermeile. In diesem Haus wohnten beide bis zu ihrer "Aussie­de­lung".

Iwan Schumacher diente während des Ersten Weltkrieges beim Heer, Nach­weise gibt es für die Jahre 1916 und 1917. In dieser Zeit betrug sein Jah­res­einkommen 6000 RM, das nach dem Krieg und der anschließenden In­fla­tion langsam anstieg.

In Goldschmidts Erinnerungen ist die Rede von einem Unfall des Freundes im Jahre 1923, einem nächtlichen Sturz bei der Rückkehr von einem Hausbesuch. Gerade hatte der "Ham­bur­ger Aufstand" stattgefunden, in Barmbek war es zu heftigen Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und der Polizei gekommen. Auf unbeleuchteten Gehwegen lagen noch Sta­chel­drahtrollen, von der Polizei noch nicht entfernt und für Spätheimkehrer Iwan Schuma­cher im Dunkeln eine Stolperfalle. Bei seinem Sturz erlitt er eine Fraktur des Ellenbogen­gelenks und trug dauerhafte Bewegungseinschränkungen davon, doch seine Tätigkeit als prak­tischer Arzt übte er aus, bis das Naziregime es nicht mehr zuließ. Über das Alltagsleben des Ehepaars in Barmbek wissen wir nichts.

Im April 1939, nachdem im Jahr zuvor jüdischen Ärzten erst die Ersatzkassenzulassungen, dann die Approbationen aberkannt worden waren und viele jüdische Kollegen bereits das Land verlassen oder ihre Emigration vorbereitet hatten, wurde gegen Iwan Schumacher eine Siche­rungsanordnung erlassen. Aus einem Schreiben der Zollfahndungsstelle an die Devi­sen­stelle des Oberfinanzpräsidiums geht hervor, ein Kapitalfluchtverdacht begründe sich "auf die Tat­sache, dass Schumacher Jude ist und auszuwandern beabsichtigt." Es gelte "zu verhindern, dass unter Verletzung oder Umgehung bestehender Vorschriften Devisen entzogen werden."

Zugestellt wurde diese Anordnung neben dem Betroffenen auch der Commerz- und Privat­bank Hamburg, die sein Vermögen und ein Girokonto verwaltete, der Depositenkasse Barm­bek, die ein weiteres Konto führte und der Iduna-Germania-Lebensversicherung, bei der eine Police abgeschlossen war. Iwan Schumacher hatte bei der Gewerbepolizei sein Vermögen an­zumelden, es belief sich auf 121985,84 RM zzgl. Lebensversicherung und sonstigen Werten wie Ölbilder, Teppiche, Schmuck und Silber, die auf 4000 RM geschätzt wurden. Per Ein­schrei­ben wurde ihm mitgeteilt, dass er auf Grund von §59 des Devisensteuergesetzes vom 12. Dezember 1938 nur noch mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Devisenstelle über sein inzwischen gesperrtes Girokonto verfügen dürfe, auf das auch alle anderen Ver­mö­genswerte "gutzubringen" seien. Die monatliche Entnahme von 800 RM war ihm gestattet sowie Zahlungen für öffentliche Abgaben und Steuern einschließlich der Judenvermögens­abgabe. Für Zuwiderhandlungen wurden Gefängnis und Geldstrafe, in schweren Fällen Zuchthaus und Geldstrafe angedroht. Begründung: "Herr Dr. I. Schumacher ist Jude. Bei den in letzter Zeit mit Juden gemachten Erfahrungen ist es erforderlich, Verfügungen über ihr Vermögen nur mit Genehmigung der Devisenstelle zuzulassen."

Möglicherweise legte Iwan Schumacher Beschwerde ein, denn mit Schreiben vom Ober­finanz­präsidenten wird die Sicherungsanordnung bestätigt: "Beschwerde ist an den Herrn Reichs­wirtschaftsminister, Berlin, gegeben. Sie ist – in doppelter Ausführung – bei mir einzureichen." Die Commerzbank informierte die Zollfahndungsstelle über Guthabenhöhe und Wertpapiere, die Iduna-Lebensversicherung fragte beim Oberfinanzpräsidenten an, ob sich die Sicherungsanordnung auch auf die Ehefrau bezöge, die bei vorzeitigem Tod des Ver­siche­rungsnehmers Zahlungsempfängerin sein würde. Die Antwort kam per Ergänzungs­an­ord­nung: "... ordne mit sofortiger Wirkung an, dass Frau Schumacher als Bezugsberechtigte ... nur mit meiner Genehmigung verfügen darf."

Im September 1939 musste Iwan Schumacher für eine neue Festsetzung des monatlich zur Verfügung stehenden Betrags einen Fragebogen über laufende Kosten ausfüllen: Miete 180 RM, Lebensunterhalt 250 RM, Hausangestellte 80 RM, Zuwendung an Erna Lewandowski im Jüdischen Siechenheim Altona 10 RM und Sonstiges 250 RM = 800 RM. Es gibt also einen Hinweis auf eine ältere Verwandte mütterlicherseits. Mit Sicherungsanordnung vom 20. Ok­to­ber 1939 wurde der bisher genehmigte Betrag von 800 auf 600 RM reduziert.

Die Anordnungen vom Oberfinanzpräsidium, Devisenstelle, waren immer noch an die An­schrift Richardstraße 11 gerichtet. Die Wohnung konnte weiter bewohnt werden, da Hypo­theken auf das Grundstück von der Depositenkasse milder Stiftungen des Jüdischen Reli­gions­­verbandes Hamburg e.V. verwaltet wurden und der seit 1939 aufgehobene Mieterschutz für Juden hier nicht die üblichen Auswirkungen hatte. 1943 gehörte das Haus zu den von der Gestapo beschlagnahmten Immobilien, doch deren Freude daran währte nicht lange. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli wurde es im Rahmen der "Operation Gomorrha" durch Bomben zusammen mit den benachbarten Häusern bis auf die Grundmauern zerstört.

Moses Goldschmidt befand sich seit 1939 im Exil in Brasilien. Unter widrigen Umständen war ihm die Auswanderung zu seinen bereits dort lebenden Söhnen gelungen, während die Tochter in Frankreich einen Mann mit britischer Staatsangehörigkeit geheiratet hatte und damit vor Verfolgungen geschützt war. Seine Frau war bereits einige Jahre zuvor verstorben, Freund Iwan hatte die Trauerrede gehalten. Das erarbeitete Vermögen war aufgebraucht oder beschlagnahmt, nahezu mittellos und mit angeschlagener Gesundheit lebte Moses Gold­schmidt nun bei einem seiner Söhne und ahnte, dass er nicht mehr viel Zeit haben würde. Er war schon lange herzkrank. 1941 begann er mit der Aufzeichnung seiner Erinne­run­gen und sorgte sich um die Hamburger Freunde. Sie hatten keine Verwandten im Aus­land, mit deren Hilfe sie an ein Visum gelangen konnten.

Als er seine Aufzeichnungen anfertigte, waren Agnes und Iwan, von denen er keine Nach­richt hatte, vielleicht schon fort, der Deportationsbefehl erreichte sie im Herbst. Am 25. Ok­to­ber 1941 fand der erste Deportationstransport Hamburger Juden statt, deren letzte Reise an der Moorweide am Dammtor begann und im polnischen Getto Lodz endete. Drei Tage zu­vor wurde das Finanzamt Hamburg-Dammtor mit der Verwertung des von der Gestapo be­schlag­nahmten Eigentums beauftragt. Transportteilnehmer waren auch Isaak Iwan Schu­macher und seine Frau Auguste Agnes, beide 66 Jahre alt und damit zu den 30 über 65-Jäh­rigen gehörend, die entgegen den "Richtlinien" mit diesem Transport "ausgesiedelt" wurden.

Iwan Schumacher starb am 12. Januar 1943 im Getto Lodz, ein Aktenvermerk nennt als Todesursache "Unterernährung". Letzte Lebenszeichen besagen, dass er als Lagerarzt andere Gefangene betreut und versucht hatte, Erleichterungen für sie zu erreichen, so etwa durch erbetene Verbesserungen der katastrophalen Unterbringungssituation im Lager oder Atteste, die seine Patienten wegen Transportunfähigkeit vor der "Ausreise" retten sollten. Doch half dies in den meisten Fällen nicht, denn der Auftrag der Aussiedlungskommission bestand ja gerade darin, diejenigen Leute zu deportieren, die nicht mit der Produktion von Waren be­schäftigt waren. In den meisten Fällen führte die Bestätigung "nicht transportfähig" nur dazu, dass die Kommission "przewoz" vermerkte, also "mit Wagen transportieren".
Auguste Agnes Schumacher folgte ihrem Mann Iwan im Jahr darauf am 6. Juli 1944, ihre Todes­umstände sind unbekannt.

Moses Goldschmidt erlag 1943 einem Herz­an­fall. Seine Aufzeichnungen gelangten Jahr­zehnte später in die Hände seiner in England lebenden Enkelin, deren Ehemann Raymond Fromm sie überarbeitet und 2004 veröffentlicht hat.

© Erika Draeger

Quellen: 1; 2; 5; 8; StaHH 314-15, OFP, R 1939/2318; StaHH 314-15, OFP, St Ic 1424; USHMM, RG 15.083 299/77, 719, 720; 300/701-702, 891; 302/351, 611, 662; Meyer: Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden, S. 29, S. 43, S. 48, S. 206; von Villiez: Mit aller Kraft verdrängt., S. 279, S. 396; Goldschmidt/ Fromm: Mein Leben als Jude in Deutschland, S. 59, S. 70, S. 96, S. 109, S. 153; USHMM, RG 15.083 299/77, 719, 720; 300/701-702, 891; 302/351, 611, 662; Brunswig: Feuersturm über Hamburg, S. 248ff.; Humanistisches Gymnasium Christianeum in Hamburg, Archiv der Schulbibliothek; Staatsbibliothek Berlin online: http://stabikat.de/DB=1/SET=6/TTL=1/CMD?ACT=SRCHA&IKT=1016&SRT= LST_aty&TRM=iwan+schumacher, Zugriff am 11.12.2009.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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