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Bereits verlegte Stolpersteine



Sophie Sakom (geborene Kagan) * 1880

Curschmannstraße 13 (Hamburg-Nord, Hoheluft-Ost)


HIER WOHNTE
SOPHIE SAKOM
GEB. KAGAN
JG. 1880
FLUCHT 1938
LITAUEN
VON SS-EINSATZGRUPPEN
ERMORDET 1941

Weitere Stolpersteine in Curschmannstraße 13:
Martha Goldschmidt, Dr. Jacob Sakom

Dr. Jakob Sakom, geb. 9.7.1877 in Panevezys/Litauen, verschollen in Litauen im Herbst 1941
Sophie Sakom, geb. Kagan, geb. 14.8.1880, Geburtsort unbekannt, verschollen in Litauen im Herbst 1941

Curschmannstraße 13

"Mein Großvater wollte mich zum ersten – und zum letzten – Mal in die Oper führen. Man spielte die Zauberflöte. In der Pause gingen wir auf und ab und da Sakom bei Musikern wie Publikum sehr bekannt war, war anzunehmen, dass Leute ihn begrüßen würden. Er sagte immer: Ach, das ist So und So ... aber all die So und Sos drehten sich um und grüßten nicht." An dieses traumatische Erlebnis im Jahr 1935/36 erinnerte sich seine Enkelin.

Jakob Sakom kam als Kind einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie in Litauen zur Welt. An den Besuch des Gymnasiums in Riga schloss er ein naturwissenschaftliches Studium an, das er mit der Promotion zum Dr. rer. nat. abschloss. Parallel studierte er von 1897 bis 1902 an der Kaiserlichen Musikschule in Kiew Cello bei Friedrich W. Mulert. 1902 ging er mit seiner Frau Sophie nach Leipzig, wo er bis 1905 sein Musikstudium fortsetzte.

1905, noch in Leipzig, wurde ihre Tochter Valentine geboren. Die Familie zog nach Hamburg, denn zum Saisonbeginn 1905/1906 unterschrieb Jakob Sakom ein Engagement als Solocellist im Orchester der Philharmonischen Gesellschaft, der er bis zu seiner Entlassung 1934, 28 Jahre lang angehörte. Er engagierte sich in Kammermusikensembles und trat als Solocellist bei den "Volkstümlichen Konzerten" auf, die der Verein der Hamburgischen Musikfreunde aufführte, um neue Hörer mit den Werken der klassischen Musik bekannt zu machen. Hinzu kamen die Auftritte bei den "Volkstümlichen Kirchenkonzerten" von Alfred Sittard und die jährlichen Aufführungen der Johannes-Passion von Bach, bei denen Jakob Sakom das Solo-Cello spielte.

Anfang der 1920er Jahre wirkte er in dem 1923 gegründeten Konzertzyklus für Neue Musik mit. So spielte er Cello in Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" am 3. März 1924, bei dem der Komponist selbst dirigierte. Neben dieser Tätig­keit als ausübender Musiker war Sakom auch als Lehrer sehr gefragt. Von 1907 bis 1916 unterrichtete er am Bernuthschen Konservatorium in Hamburg. In dieser Zeit erschien seine heute noch gespielte Violoncello-Etüden-Schule in sechs Heften. Ab 1928 war er Lehrer am Vogtschen Konservatorium im Curiohaus. Daneben hatte er Privatschüler, die er zuhause unterrichtete.

1929 gründete sich die Gesellschaft Hamburger Tonkünstler, die sich die Belebung der Hausmusik zum Ziel gesetzt hatte. Auch Jakob Sakom gehörte zu den Förderern. So schrieb der "Hamburgische Correspondent" am 22. Februar 1929: "Von dieser Neueinrichtung ... kann man sich das beste versprechen, zumal sie unter dem Protektorat bekannter Persönlichkeiten steht, wie: ... Dr. Jakob Sakom." Allerdings schützte ihn seine Bekanntheit bereits vor 1933 nicht vor antisemitischen Äußerungen. Robert Jaques zufolge hatte Karl Muck, seit 1922 Leiter des Philharmonischen Orchesters, anlässlich eines Auftritts für alle Orchestermitglieder hörbar bemerkt: "Jetzt trete ich durch‘s Judentor". Sowohl der Konzertmeister Heinrich Bandler links, als auch Jakob Sakom, der rechts von ihm stand, waren Juden.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten blieb Sakom zunächst weiter beschäftigt. Seit den 1920er Jahren bestanden Pläne, die beiden großen Orchester Hamburgs, das Philharmo­nische Orchester und das Orchester des Stadttheaters, aus finanziellen Gründen zusammenzulegen.

Im April 1934 wurde allen Orchestermitgliedern gekündigt, die meisten wurden allerdings mit einem neuen Vertrag wieder eingestellt. Ausgenommen waren "nichtarische" Musiker und Musikerinnen. Die Dienstordnung des neuen Hamburgischen Philharmonischen Staatsorchesters legte ausdrücklich fest, dass nur "wer arischer Abstammung ist" Mitglied des Orchesters sein könne. Die Stelle des Solocellisten blieb 1934 vakant. Sakom bezog nun ein monatliches Ruhegeld, von dem er und seine Frau aber nicht leben konnten. Er musste sich andere Möglichkeiten suchen, den Lebensunterhalt zu verdienen. Nach wie vor hatte er Privatschüler, aber auch die durften nur von "arischen" Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. So erzählte seine En­kelin Nora, dass noch um 1935 ein junger Student in Hitlerjugenduniform zum Unterricht erschienen sei, dem Sakom erklären musste, dass er ihn nicht mehr unterrichten dürfe.

Eine der wenigen Auftrittsmöglichkeiten für jüdische Künstler und Künstlerinnen stellte der im Januar 1934 in Hamburg gegründete Jüdische Kulturbund dar, der zu­nächst unter dem Namen "Jüdische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" firmierte. Hier trat auch Jakob Sakom als Solo-Cellist auf und unternahm sowohl mit einem Kammerensemble als auch als Solist mit dem Orchester der jüdischen Kulturbünde, das seinen Sitz in Frankfurt am Main hatte, Tourneen in andere deutsche Städte. Von 1937 bis 1938 gehörte er zu dessen künstlerischem Beirat.

1938 entschlossen sich Sophie und Jakob Sakom zur Emigration. Er hatte aus Litauen das Angebot erhalten, an den Konservatorien in Vilnius und Kaunas zu unterrichten. Als litauische Staatsbürger hatten Sakoms das Recht auszuwandern. Dennoch hatten sie eine Reihe bürokratischer Hürden zu überwinden, bis sie mit ihren Möbeln nach Litauen emigrieren konnten. So musste Sophie Sakom – wie alle Auswanderer – eine Liste in dreifacher Ausfertigung über den Umfang des Umzugsgutes und des Wertes erstellen und erklären, dass die Gegenstände bereits vor dem 1. Januar 1933 in ihrem Besitz gewesen waren. Ihren Umzug nach Kaunas meldete die Melde- und Passbehörde der Devisenstelle für den 5. August 1938. Erst Ende Dezember folgte ihr Umzugsgut.

In Kaunas unterrichtete Jakob Sakom am Konservatorium und trat im Rundfunk auf. Im November 1939 versuchte Ernst Kaufmann, Sakoms Hamburger Anwalt, aufgrund der veränderten politischen Lage sein Guthaben beim Bankhaus M. M. Warburg und seine Rentenbezüge auf eine litauische Bank zu überweisen. Dies löste eine umfangreiche Untersuchung seiner Bedürftigkeit aus. Er versicherte, er besitze weder in Litauen noch in Deutschland Vermögen und sei deshalb auf die Unterstützungszahlungen für seinen Lebensunterhalt angewiesen; mit dem Ergebnis, dass seit August 1940 seine nochmals geminderte Rente nach Litauen überwiesen wurde. Sein Guthaben beim Bankhaus M. M. Warburg bekam er jedoch nie: Im letzten Schreiben vom Mai 1941 forderte Anwalt Ernst Kaufmann die Devisenstelle auf, den auf dem Sonderkonto stehenden Betrag an die "Garantie- und Kreditbank für den Osten” in Berlin zu überweisen, damit Jakob Sakom an das Geld herankomme. Dieser Antrag wurde abgelehnt.

Für die folgende Zeit wurde keine Überweisungsgenehmigung mehr bei der Devisenstelle beantragt. Seine Enkelin berichtete, sie habe nach dem Krieg aus Litauen erfahren, dass Sophie und Jakob Sakom "ungefähr im Oktober 1941 von Einsatzgruppen der SS im Wald erschossen worden seien".

Seit 1934 versuchte die Tochter Valentine mit ihrer Familie ins rettende Ausland zu gelangen. Nachdem sich Pläne, nach Palästina auszuwandern, zerschlagen hatten, gelang es ihnen, in die Niederlande überzusiedeln, wo Valentines Mann, Wolfgang Meyer-Udewald, einen Bruder hatte, bei dem er arbeiten konnte. Aus den Niederlanden flüchteten sie nach Belgien, wo Wolfgang Meyer-Udewald von den Deutschen nach Frankreich verschleppt wurde und nach Aufenthalten in mehreren Lagern nach Kuba flüchten konnte. Valentine blieb mit den Kindern in Belgien zurück und versuchte mit einem Helfer ins unbesetzte Marseille zu gelangen, wo kubanische Pässe für sie bereit lagen. Dieser "Helfer" verriet sie jedoch an die deutsche Feldpolizei.

Am 7. März 1942 wurden sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Der dreizehnjährige Sohn Hans Siegmund wurde sofort ermordet. Valentine starb noch 1942. Nur der Tochter Nora gelang es, drei Jahre Auschwitz zu überleben. Sie ging 1946 zu ihrem Vater nach Kuba und anschließend in die USA.

Ein weiterer Stein für Jacob Sakom wurde vor der Hamburger Staatsoper verlegt.

© Maria Koser

Quellen: 2; 4; 5; StaH 314-15 OFP, F 2059; StaH 314-15 OFP, 6/1938; Petersen, Peter, Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Hrsg. Claudia Maurer-Zenck und Peter Petersen unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer, ab 2005 Universität Hamburg, http://www.lexm.uni-hamburg.de/ eingesehen am 4.9.2008; Pfaff, Von Deutschen in Litauen ermordet, in: Zündende Lieder, Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg (Hrsg.), 1995,S. 66f.f; Gillis-Carlebach, Jedes Kind ist mein Einziges, 1992, S. 133; Weissweiler, Ausgemerzt, 1999, S.303; Faksimile des "Lexikon der Juden in der Musik", Berlin 1940; Petersen, Juden im Musikleben, in: Die Juden in Hamburg, Herzig/Rohde (Hrsg.), 1991, S. 304, S. 326; Hamburgischer Correspondent am 22.2.1929.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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