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Harry Becker * 1913

Conventstraße 4 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
HARRY BECKER
JG. 1913
EINGEWIESEN 7.5.1930
ALSTERDORFER ANSTALTEN
1943 HEILANSTALT EICHBERG
"VERLEGT" 1943
HADAMAR
ERMORDET 29.10.1943
AKTION T4

Harry Becker, geb. am 26.12.1913 in Hamburg, ermordet am 29.10.1943 in der Landesheilanstalt Hadamar

Conventstraße 4

Harry Becker war das zweite Kind des 1884 in Hamburg geborenen Commis (Handlungsgehilfe) Johann Becker und der ein Jahr jüngeren Plätterin Adelheit, geborene Hattendorf. Die beiden hatten am 9. Mai 1912 geheiratet. Damals lebte Adelheit nicht mehr bei ihren Eltern in der Schellingstraße in Eilbek, sondern in einem Haushalt in der Kottwitzstraße im Stadtteil Hoheluft.

Harry Becker wurde im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf geboren und fünf Tage später, am 31. Dezember 1913, in der dortigen Gemeinde getauft. Möglicherweise handelte es sich um eine Nottaufe, Paten waren seine Mutter und ein Pfleger.

Harry Becker verlor seinen Vater im Alter von noch nicht vier Jahren. Dieser hatte als Ersatzreservist der 3. Kompanie des Infanterie-Regiments 187 am Ersten Weltkrieg teilgenommen und fand am 1. Dezember 1917 in Flandern durch einen Artillerie-Volltreffer den Tod. Wann Adelheit Becker von dem Tod ihres Mannes erfuhr, ist nicht bekannt. Sein Regiment zeigte Johann Beckers Tod erst nach Kriegsende beim zuständigen Standesamt an.

Mit sechs Jahren war Harry noch nicht schulreif. Er wurde zwei Jahre später in die "Hilfsschule" eingeschult und durchlief sie ohne Schwierigkeiten bis zum Abschluss nach acht Jahren. Harry konnte trotz des Schulabschlusses wegen seiner geringen schulischen Leistungen und einiger persönlicher Eigenheiten keine weitere Ausbildung oder eine Berufstätigkeit aufnehmen. Anders als sein älterer Bruder, der inzwischen eine Töpferlehre begonnen hatte, galt Harrys Interesse fast ausschließlich Straßenbahnen, und in fast autistischer Weise sprach er mit sich selbst oder einem imaginären Gegenüber, wobei er zuweilen heftig wurde. Körperlich fielen eine asymmetrische Bildung des Kopfes und fehlendes Haar am Hinterkopf auf. Harry war mittelgroß, mittelschwer und wirkte schwächlich. Das Jugendamt und die Wohlfahrtsbehörde nahmen sich seiner an und veranlassten seine Aufnahme in den damaligen Alsterdorfer Anstalten am 7. Mai 1930. Die Wohlfahrtsbehörde übernahm die Kosten.

Harry verbrachte die ersten Wochen in der Anstalt meist ruhig im Bett liegend. Das änderte sich nach einem Monat. Von starker motorischer Unruhe getrieben, ließ er sich nur schwer auf seiner Abteilung halten. Die erste von mehreren Furunkulosen und Hautkrankheiten befiel ihn. Nach deren Ausheilung wurde er mit Hausarbeiten beschäftigt, die er jedoch, sobald es ging, verließ, um sich im Hof oder Garten zu bewegen. Dabei spielte er laut und ausdauernd auf seiner Mundharmonika. Er besuchte die Anstaltsschule. Aus dieser Zeit ist sein eigenhändig geschriebener Berufswunsch überliefert: "Was ich gerne werden möchte, wenn ich aus der Anstalt entlassen werde. Ich möchte Schuhmacher lernen. Dann kann ich Geld verdienen. Das Geld geb ich meiner Mutti."

Harrys Mutter hielt engen Kontakt zu ihm, sie bedeuteten einander offenbar sehr viel. Für Urlaube zu Hause holte sie ihn aus Alsterdorf ab, bis sie das Fahrgeld nicht mehr aufbringen konnte. Gegen den Willen der Anstaltsleitung ließ sie ihn allein kommen, was auch gut ging. Wurde ihm der Urlaub gesperrt, wenn er krank war, erregte das Harry sehr. Als seine Mutter einmal einen Besuch versäumte, beschimpfte und bedrohte er sie in Abwesenheit.

Harry wurde mit Webarbeiten beschäftigt, die er eifrig ausführte, wechselte von dort in die Mattenflechterei und kehrte zu Webarbeiten zurück. Sein Bewegungsdrang hielt an. Gegenüber seinen Mitpatienten wechselte sein Verhalten binnen weniger Momente zwischen Beschimpfung und Umarmung.

1934 wurde Harry Becker 21 Jahre alt und damit mündig, womit sich die Frage der Entmündigung stellte. Da er nach Einschätzung der ärztlichen Leitung anstaltsbedürftig bleiben würde, sah man von einer Entmündigung ab. Die entsprechende Auskunft an das Versorgungsamt war die Grundlage für die Weiterzahlung seiner Waisenrente, "solange (Becker) infolge seines Leidens außerstande ist, sich selbst zu unterhalten". Im folgenden Jahr wurde Harry Becker für wehruntüchtig erklärt und 1939 zwangsweise im Krankenhaus Eppendorf sterilisiert.

Im Jahre 1940, nach zehn Jahren in Alsterdorf, hieß es über ihn: "Der Patient besorgt seine Körperpflege selbständig, ist an sich sauber und ordentlich. Im Wesen ist er allgemein ruhig und verträglich. Zeitweise ist er leicht erregt, beruhigt sich aber schnell wieder. Kleine Hilfeleistungen verrichtet er gern und willig, hilft auch schwächeren Patienten. Den Anordnungen des Pflegers fügt er sich." Er hatte von 50 kg auf 57 kg zugenommen. Für die Jahre 1941 bis Mitte 1943 sind bis auf mehrere Verlegungen keine wesentlichen Änderungen vermerkt. Die letzte Verlegung erfolgte in die Abteilung 11, den Wachsaal, denn seine Pflege war schwierig geworden.

"Wachsäle" gab es bereits in den 1920er Jahren. Damals wurden unruhige Kranke isoliert und mit Dauerbädern, Schlaf- sowie Fieberkuren behandelt. Im Laufe der 1930er Jahre wandelte sich deren Funktion: Nun wurden hier Patientinnen und Patienten vor allem ruhiggestellt, teils mit Medikamenten, teils mittels Fixierungen oder anderen Maßnahmen. Die Betroffenen empfanden dies oft als Strafe.

Nach den großen Luftangriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 wurde Harry Becker am 7. August 1943 mit dem ersten von drei großen Transporten aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten in die "Heil- und Pflegeanstalt Eichberg" im Rheingau verlegt.

Auch Harry Beckers Mutter wurde während der Zerstörung Hamburgs durch Luftangriffe ausgebombt. Sie zog nach Lübbecke in Westfalen und verlor den Kontakt zu ihrem Sohn. Die Anstaltsleitung in Eichberg erfuhr ihre Adresse erst, als sie Harry im Dezember 1943 ein Päckchen schickte. Da war Harry bereits in die Landesheilanstalt Hadamar verlegt und dort ermordet worden.

Der Inhalt des Päckchens wurde angeblich an bedürftige Kranke der Anstalt Eichberg verteilt. Die Anstaltsleitung in Hadamar forderte zur Ausstellung der Sterbeurkunde eine Geburtsurkunde von Harry Becker an und stellte seiner Mutter anheim, einen einmaligen Betrag von 50 RM für die Grabpflege zu überweisen. Sie könne das Grab ihres Sohnes Nr. 366 auf dem Anstaltsfriedhof jederzeit aufsuchen. Adelheit Becker zweigte von ihrer Witwenrente, die sich auf 101 RM belief, den genannten Betrag ab und forderte von der Anstaltsleitung einen Bericht über die letzten Stunden ihres Sohnes. Sie erhielt als Antwort: "Ihr Sohn ist an einer Rippenfellentzündung gestorben. Er war schon sehr schwach und elend, als er von der Anstalt Eichberg verlegt wurde. Der Tod erfolgte ohne Todeskampf. Besondere Wünsche wurden von dem Verstorbenen nicht mehr geäußert." Harry Becker wurde 30 Jahre alt.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 113; StaH 332-5 Standesämter, 9546-280/1912; 8050-142/1918; Jenner, Meldebögen, in Wunder, Genkel, Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder, Genkel, Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; ders., Exodus, ebd.

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