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Bereits verlegte Stolpersteine



Werner Dabelstein
Werner Dabelstein, 1937
© Archiv Ev. Stiftung Alsterdorf

Werner Dabelstein * 1935

Wachtelstraße 45a (Hamburg-Nord, Barmbek-Nord)


HIER WOHNTE
WERNER
DABELSTEIN
JG. 1935
EINGEWIESEN 1937
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 7.8.1943
HEILANSTALT KALMENHOF
ERMORDET 4.9.1943

Werner Dabelstein, geb. 28.1.1935 Hamburg, aufgenommen in die Alsterdorfer Anstalten 31.7.1937, verlegt 7.8.1943 Kalmenhof Idstein, ermordet 4.9.1943

Wachtelstraße 47

Werner Dabelstein war ein großes Kind, das mit einem Gewicht von 5090 g und einer Länge von 56 cm spontan geboren wurde. Neun Tage nach seiner Geburt in der Frauenklinik Finkenau in Hamburg wurde er nach Hause entlassen. Seine Mutter, Marie Dabelstein, 23 Jahre alt, hatte zum Ende der Schwangerschaft hin gesundheitliche Schwierigkeiten, die sich nach der Entbindung jedoch schnell normalisierten. Werner war noch in der Klinik getauft worden, einziger Taufpate war sein Großvater Friedrich Dabelstein.
Marie Dabelstein lebte im Haushalt ihrer Eltern, getrennt von dem Vater ihres Kindes, dem Lagerarbeiter Karl Hack. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Verkäuferin. Werner wuchs bei seinen Großeltern Friedrich und Margarete Dabelstein auf. Zu der Familie gehörten außerdem die beiden jüngeren Geschwister der Mutter, Fritz und Luise. Sie alle hatten die Volksschule erfolgreich abgeschlossen.

Werner gedieh, seinem Alter entsprechend, unter der liebevollen Pflege besonders seiner Großmutter. Kurz vor Vollendung seines sechsten Lebensmonats kam er, ein "kräftiges, braungebranntes Kind", wie es in der Krankenakte heißt, ins Kinderkrankenhaus Baustraße (heute: Hinrichsenstraße), die damalige Kinderklinik des Krankenhauses St. Georg. Er fieberte, war sehr unruhig, schrie und zuckte am ganzen Körper, hatte sich erbrochen, und sein Stuhlgang war plötzlich dünnflüssig und grün gefärbt. Der Arzt stellte eine Nackensteifigkeit fest, die eine Meningitis, eine Hirnhautentzündung, befürchten ließ, eine Krankheit, die auch heute trotz der Behandlung mit Antibiotika noch tödlich verlaufen kann. Um den Verdacht auf diese gefährliche Infektion abzuklären, wurde eine Lumbalpunktion vorgenommen und das Nervenwasser auf Krankheitserreger untersucht. Der Verdacht bestätigte sich, es fanden sich Meningokokken, die Erreger der Hirnhautentzündung. Mit diesen Untersuchungen waren fünf Tage vergangen, bis die Behandlung beginnen konnte. Sie bestand aus Gaben von Meningokokkenserum und dem Ablassen des Nervenwassers durch weitere Lumbalpunktionen. Als dann der Lumbalsack verklebte, musste man auf Punktionen unterhalb des Hinterhaupts ausweichen. Das eitrige Nervenwasser floss nur schwer ab und enthielt weiterhin Meningokokken.

Werners Zustand verschlechterte sich ständig und war bedrohlich geworden, als sich plötzlich eine leichte Besserung einstellte. Die Steifigkeit ließ nach, ebenso die Schmerzempfindlichkeit, und er begann, wieder Anteil an seiner Umgebung zu nehmen, doch schien es, als könne er nicht sehen. Allmählich gab sich die Sehstörung. Wie erst sehr viel später erkannt wurde, war auch sein Hörvermögen geschädigt worden.

Eine Neigung zu Krämpfen bestand jedoch auch weiterhin, als er am 6. Juli 1935 als gebessert nach Hause entlassen wurde. Bei einer späteren Untersuchung im August 1935 wurde festgehalten, dass er sich noch nicht allein aufrichten und den Kopf nicht allein halten könne, aber Gegenstände verfolge und freundlich sei. Die nächste Untersuchung solle erfolgen, wenn er laufen könne.

Eine Fürsorgerin, die die Familie regelmäßig aufsuchte, notierte nach seinem ersten Geburtstag: "Das Kind wird mit viel Geduld und Liebe gepflegt. Die Verhältnisse machen im Ganzen einen geordneten Eindruck." Aber "Werner bleibt ein Sorgenkind", das ständiger ärztlicher Behandlung bedürfe. Körperlich entwickele er sich gut, sei aber anfällig für Infektionen, vor allem aber bliebe er geistig zurück, sei oft uninteressiert und untätig, wenn sich ihm niemand direkt zuwende. In seinem Aussehen und Verhalten wirke er "nicht unnormal".

Abb. Portraitfoto

Werner war fünfzehn Monate alt, als Maria Dabelstein am 5. Mai 1936 ihren zweiten Sohn zur Welt brachte. Ihre Mutter Margarete fühlte sich der Fürsorge für beide, Werner und den Säugling, nicht gewachsen, weshalb Maria Dabelstein das Neugeborene in Pflege gab. Werner fing an zu laufen, sprach aber nicht und sah seine Umgebung unbeteiligt an. Damit war der Zeitpunkt gekommen, Werner wieder im Krankenhaus "vorzustellen". Dort wurde ein sehr guter Ernährungszustand festgestellt, aber auch eine starke geistige und körperliche Entwicklungsverzögerung, wozu auch sein unsicherer Gang rechnete.

Im Dezember 1936, Werner war fast zwei Jahre alt, vermerkte die Fürsorgerin, dass Werner zwar körperlich altersgemäß entwickelt sei, aber "reichlich dick und schwerfällig", weshalb er meist krieche. Statt zu sprechen, mache er mit merkwürdigen Lauten und Gesten auf sich aufmerksam und könne dabei sehr unwillig werden. Mit seinem energischen Willen und seiner Unsauberkeit bringe er seine Großeltern oft zur Verzweiflung, die ihn dennoch nicht missen möchten, weil er zeitweise wiederum lieb und zutraulich sei. Da sie keine Besserung seines Zustandes wahrnähmen, machten sie sich Gedanken über Möglichkeiten von Fortschritten seines Befindens. Dem Kinderkrankenhaus trauten sie nicht, sondern drängten auf eine Anordnung des Jugendamtes zu Werners Untersuchung im Waisenhaus.

Nach Ablauf eines halben Jahres fand diese schließlich statt. Der Großvater war beim Jugendamt vorstellig geworden, weil er sich angesichts der zunehmend schweren Pflege Werners nicht anders zu helfen gewusst hatte. Die Untersuchung wurde durch Werners unbändige ständige Bewegungen erschwert. Auch zuhause verhalte er sich so, sagte die Großmutter, so dass er entweder angebunden oder ständig gehalten werden müsse. Der Arzt erläuterte ihr die Notwendigkeit, Werner in eine Anstalt zu geben. Schließlich stimmten die Großeltern und die Mutter überein, dass Werner in den damaligen Alsterdorfer Anstalten aufgenommen werden solle. Die Kosten für seinen Aufenthalt übernahm die Hamburger Fürsorgebehörde. Am Aufnahmetag, dem 31. Juli 1937, war Werner zweieinhalb Jahre alt.
Wie in der Anstalt üblich, erstellte Gerhard Kreyenberg, damals Beisitzer des Erbgesundheitsgerichts, einen Stammbaum von Werners Familie. Er zeigte das bereits Bekannte, dass Werner die Behinderung nicht ererbt haben konnte, da niemand in den drei erfassten Generationen eine entsprechende Behinderung hatte.

Werner Dabelstein blieb in der neuen Umgebung unbändig, "warf sich auf den Fußboden, riß alles aus den Betten und vom Tisch, schlug kleinere Kinder, bis er glücklich [sic!] im Bett am Gurt festgemacht wurde. Er lässt sich gut füttern, schreit mit einer Ausdauer, reagiert auf nichts, weder Schelten noch Zureden, spricht nichts. Er nässt ein und schmiert mit Kot." Der nächste Eintrag in der Krankenakte erfolgte am 23. August 1937: Werner wurde wegen einer Ruhrerkrankung auf die Isolierstation verlegt, von der erst ein halbes Jahr später entlassen wurde. Die Krankheit war ungewöhnlich verlaufen. Untersuchungen der Stuhlproben im Hygienischen Staatsinstitut hatten unerklärliche Ergebnisse gezeigt: Einer Untersuchung ohne Befund von Ruhrerregern folgte eine mit Paratyphuserregern, dann wieder eine ohne Befund. Die nächste enthielt Erreger beider Krankheiten usw., ohne dass die Quellen der Erreger zu finden waren. Schließlich konnte Werner nach drei befundfreien Stuhluntersuchungen auf seine Abteilung zurückkehren. Trotz der schweren Erkrankung hatte er leicht an Gewicht zugenommen und wog nun mit drei Jahren 18 kg.

Nach nur drei Wochen erkrankte Werner erneut und kehrte auf die Krankenstation zurück, dieses Mal nur für drei Wochen: Er hatte Mumps. Zurück auf seiner Abteilung, gebärdete er sich unbändig. Es dauerte wiederum nur drei Wochen, bis er erneut erkrankte, nun an einer Entzündung der Mundhöhle. Dieses Mal dauerten der Aufenthalt in der Krankenabteilung zwei Wochen und die Zeit bis zur nächsten Erkrankung fünf Monate. Das reichte, um die wegen der vorhergehenden Erkrankungen aufgeschobene erste Diphtherie-Schutzimpfung endlich nachzuholen.

Ein Ausdruck von Werners unbändiger Kraft findet sich im Eintrag in der Krankenakte vom 13. Juni 1938: "Pat. zerreißt alle Wolldecken, trotz Schutzjacke kommt er mit den Händen heraus, auch wenn er angegurtet ist." Vor allem mit diesem Verhalten begründete Gerhard Kreyenberg, der zuständige Arzt, gegenüber der Sozialverwaltung die notwendige Fortdauer von Werners Anstaltsaufenthalt. Sie reagierte darauf schriftlich am 6. Oktober 1938 mit der Anerkennung von Werner Anstaltspflegebedürftigkeit bis zum 30. September 1943. Dreieinhalb Wochen davor starb er.

Werners akute Erkrankungen wurden seltener. 1939 wurde sein Alltag nur zweimal durch akute Durchfallerkrankungen unterbrochen, 1940 gar nicht, im Oktober 1941 wegen einer Zahnentzündung. Inzwischen bald sieben Jahre alt, wurde Werner im November 1941 anstaltsintern aus der Kinderabteilung in das Haus Karlsruh verlegt. Im letzten Bericht vor seiner Verlegung wurde Früheres wiederholt, ergänzt um einen Verstehensversuch: "Die Umgebung gefährdet er durch seine große Wildheit, wirft die Kinder um, reißt ihnen das Zeug entzwei, aber man hat den Eindruck, dass es nicht aus Bosheit geschieht, sondern aus seiner unbändigen Kraft heraus."

1942 wurden lediglich die beiden noch fälligen Diphtherie-Schutzimpfungen vermerkt und monatlich die Gewichtsangabe: Werner nahm von Januar bis Dezember 1942 von 24 kg auf 22.7 kg ab.

Der letzte Eintrag in der Krankenakte zu seinem Verhalten und Ergehen vom 11. März 1943 enthält über Wiederholungen hinaus erstmals die Information: "Obgleich er taubstumm ist, weiß er sich verständlich zu machen. Sein Zeug hält er einigermaßen sauber." Wie sich Werner Dabelstein entwickelt hätte, wenn seiner Taubstummheit gezielt Rechnung getragen worden wäre, wissen wir nicht.

Nach den Großangriffen der Alliierten im Juli/August 1943 auf Hamburg, durch die auch die damaligen Alsterdorfer Anstalten beschädigt worden waren, verlegte die Anstaltsleitung mit Zustimmung der Hamburger Gesundheitsverwaltung insgesamt 469 Bewohnerinnen und Bewohner in weniger luftgefährdete Anstalten, um Raum zu schaffen.
Der erste Transport von 128 Kindern beiderlei Geschlechts und Männern führte in den Rheingau und verließ Hamburg am 7. August 1943 vom Güterbahnhof Langenhorn. Zu ihm gehörten Werner Dabelstein sowie weitere 51 Jungen unter zwölf Jahren, die für die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein am Taunus bestimmt waren, wo sie am folgenden Tag eintrafen. Aus der ehemals pädagogisch fortschrittlichen Einrichtung war eine Mordanstalt geworden, die im Rahmen der Aktion T4 als Zwischenstation der Tötungsanstalt Hadamar diente. Nach Einstellung dieser direkten Aktion richtete dort der "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden," eingebettet in ein komplexes bürokratisches Verfahren, eine "Kinderfachabteilung" ein, in der "arische" Säuglinge und Kleinkinder beobachtet und gegebenenfalls aufgrund des Urteils eines externen dreiköpfigen Gutachterausschusses ermordet wurden. Offenbar ohne das "Reichsausschuss-Verfahren" durchlaufen zu haben, wurde Werner Dabelstein vier Wochen nach seiner Verlegung aus Hamburg, am 4. September 1943, ermordet. Er wurde achteinhalb Jahre alt und auf dem Anstaltsfriedhof beerdigt.

Wie oben erwähnt, hatte die Hamburger Sozialverwaltung die Übernahme der Kosten bis zum 30. September 1943 zugesagt. Erst zwei Jahre nach Kriegsende, am 23. Mai 1947, fragte das Jugendamt Hamburg bei den damaligen Alsterdorfer Anstalten nach einem Bericht über Haltung und Ergehen Werner Dabelsteins nach. Eine Todesnachricht hatte das Amt nicht erhalten.

Stand: April 2016
© Hildegard Thevs

Quellen: Hamburger Adressbücher; Archiv der Ev. Stiftung Alsterdorf, V 034; Michael Wunder et. al.: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr, Hamburg, 2. Aufl. 1988.

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