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Bereits verlegte Stolpersteine



Henny Walzer (geborene Blättner) * 1899

Moorstraße 4 (Harburg, Harburg)

1941 Lodz
1942 ermordet in Chelmno

Weitere Stolpersteine in Moorstraße 4:
Norbert Walzer, Ludwig Walzer, Moritz Walzer

Henny Walzer, geb. Blättner, geb. am 10.6.1899 in Kassel, deportiert nach Łód´z am 25.10.1941, "ausgesiedelt" nach Chełmno am 15.5.1942
Ludwig Lothar Walzer, geb. am 6.4.1927 in Hamburg, deportiert nach Łód´z am 25.10.1941, "ausgesiedelt" nach Chełmno am 15.5.1942
Moritz Walzer, geb. am 3.5.1883 in Zablotow, deportiert von Mechelen (Belgien) nach Auschwitz am 31.10.1942
Norbert Walzer, geb. am 19.1.1926 in Harburg, deportiert nach Łód´z am 25.10.1941, "ausgesiedelt" nach Chełmno am 15.5.1942

Stadtteil Harburg-Altstadt, Moorstraße 4

Das Möbelhaus Walzer in der Moorstraße 4 gehörte zu den jüdischen Unternehmen in Harburg, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg florierten. Der Inhaber Moritz Walzer stammte aus dem kleinen Ort Zablotow (heute: Sabolotiw) am Oberlauf des Pruths am Fuß der Karpaten in Galizien, das vor dem Ersten Weltkrieg der Habsburger Krone unterstand und 1918 polnisch wurde. Heute gelten in dem Ort, in dem auch der bekannte jüdische Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von 1983, Manès Sperber, geboren wurde, die Gesetze der Ukraine. 1910 lebten in Zablotow 2171 Juden und 2587 andere Personen, mehrheitlich Ukrainer. Die beiden unterschiedlichen Volksgruppen kamen nicht immer friedlich miteinander aus, wie auch Manès Sperber in seiner Autobiographie beschreibt.

Moritz Walzers zweite Ehefrau Henny stammte ebenfalls aus einer jüdischen Familie, die in Hessen beheimatet war. Die drei Kinder Klara (geb. 1910), Norbert und Ludwig Lothar Walzer wuchsen in Harburg auf. Die beiden Jungen besuchten zunächst die nahe gelegene Grundschule und wechselten danach auf die Harburger Sammelschule bzw. auf die Knabenschule in der Elisenstraße (heute: Baererstraße). Ihre Schulzeit beendeten sie auf der Talmud Tora Schule in Hamburg.

Als die NSDAP kurz nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 1. April 1933 zu einem reichsweiten Boykott aller jüdischen Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien aufrief, setzten die neuen Herren im Harburger Magistrat auch den Namen der Firma Walzer in der Moorstraße auf die Liste der davon betroffenen Firmen. Das Möbelhaus wurde ab sofort von weiteren städtischen Aufträgen ausgeschlossen und am 1. April öffentlich als ein Geschäft gekennzeichnet, in dem "gute Deutsche", wie es hieß, nichts zu suchen hätten.

Trotz dieser Maßnahmen konnte Moritz Walzer seinen Kundenstamm in den folgenden Jahren weitgehend halten; sein zu versteuerndes Einkommen blieb von 1933 bis 1938 nahezu gleich. Dieser Zustand änderte sich schlagartig in den letzten Monaten des Jahres 1938. Die "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938, die Juden jede weitere selbstständige Tätigkeit im Handel und Handwerk untersagte, vernichtete auch Moritz Walzers wirtschaftliche Existenzgrundlage. Nach diesem Verbot blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Möbelgeschäft und das dazugehörige Grundstück in der Otto-Telschow-Straße 4, wie die Moorstraße jetzt hieß, zu einem Preis weit unter Marktwert zu verkaufen. Nach Abschluss dieser Transaktion, der auch der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann seine Zustimmung geben musste, wurde für seine Konten am 27. März 1939 mit sofortiger Wirkung eine "Sicherungsanordnung" erlassen, weil er "Jude" und mit seiner Auswanderung zu rechnen sei. Danach durfte er, abgesehen von einem festen Betrag von 300 RM für den Lebensunterhalt seiner Familie, nur mit Genehmigung des Hamburger Oberfinanzpräsidenten über diese Konten verfügen.

Dass Moritz Walzer anschließend alle Kräfte mobilisierte, um Deutschland möglichst schnell zu verlassen, ist unter diesen Umständen kein Wunder, zumal seine Tochter Klara ihrer Heimat schon bald nach 1933 den Rücken gekehrt hatte. In seinem Auswanderungsantrag nannte er die Vereinigten Staaten von Amerika als Zielland. Doch bevor er die letzten bürokratischen und finanziellen Auflagen erfüllen konnte, begann der deutsche Überfall auf Polen. Moritz Walzer floh daraufhin nach Belgien. Sein Sohn Ludwig fand kurz danach einen Platz in einem Umschulungslager, in dem jüdische Jugendliche für ein zukünftiges Leben als Landarbeiter in Palästina vorbereitet wurden. Diese Ausbildung konnte er allerdings nicht zu Ende führen.

Kurz nach dem endgültigen Auswanderungsverbot für alle deutschen Juden traf der "Evakuierungsbefehl" der Hamburger Gestapo für Henny Walzer und ihren fünfzehnjährigen Sohn Norbert in der Otto-Telschow-Straße in Harburg ein, wo sie weiterhin wohnten. Ihr Abtransport mit dem ersten Hamburger Deportationszug war für Samstag, dem 25. Oktober 1941, vorgesehen. Der Name des 14-jährigen Ludwig Walzer wurde nachträglich auf die Liste gesetzt. Die Gestapo hatte Anweisung, Eltern und minderjährige Kinder zusammen zu deportieren. Vermutlich hatte sie den Jungen zunächst "übersehen".

Der Transport führte ins Getto Łód´z, wo Henny Walzer und ihre beiden Söhne zunächst in einer Unterkunft in der Alexanderhofstraße 31 und später in der Hohensteinerstraße 43 unterkamen, die sie sich jeweils mit fünf weiteren Personen teilen mussten. Nachdem in den ersten Monaten des Jahres 1942 ca. 45000 polnische Juden und "Zigeuner" des Gettos ermordet worden waren, befahl Heinrich Himmler im April 1942 die Ausdehnung des Mordprogramms auf alle nicht-polnischen arbeitsunfähigen und arbeitslosen Bewohnerinnen und Bewohner des Sperrgebiets. Die so genannte Aussiedlung der Betroffenen begann am Montag, dem 4. Mai 1942.

Elf Tage später verließen Henny und ihre beiden Söhne Norbert und Ludwig Lothar mit dem letzten der zwölf Transporte dieser zweiten großen Deportationswelle den Radegaster Bahnhof in Łód´z. Auch diese Fahrt endete wie alle anderen nach wenigen Stunden im Vernichtungslager Chełmno/Kulmhof, das sich hinter den Mauern eines verfallenen Schlosses verbarg. Hier wurden die Menschen gleich nach ihrer Ankunft in die Kellerräume geleitet und von dort durch einen engen Gang über eine Rampe in die Laderäume mobiler Gaswagen getrieben. Diese Fahrzeuge und das Personal waren schon bei der "T4"-Aktion eingesetzt worden. Die Leichen wurden anschließend in einem nahe gelegenen Wald vergraben.

Nach der Besetzung Belgiens durch die Wehrmacht war auch für Moritz Walzer die kurze Atempause beendet, die ihm die Flucht in das neutrale Nachbarland verschafft hatte. Die Verfolgung setzte erneut ein. Gleich im Oktober 1940 musste Moritz Walzer sich auf Anordnung der deutschen Militärverwaltung als Jude registrieren lassen. Es folgten diverse Verordnungen, die auch die in Belgien lebenden Jüdinnen und Juden schnell ins materielle und menschliche Elend stürzten. Es dauerte keine zwei Jahre, bis auch aus diesem Land die ersten Deportationszüge in den Osten rollten. Moritz Walzer betrat am 30. Oktober 1942 das Sammellager Mechelen und wurde gleich am nächsten Tag mit dem 17. belgischen Deportationskonvoi nach Auschwitz abtransportiert.

Die Bahnfahrt dauerte drei Tage. Nach der Selektion auf der Ausladerampe wurden 777 Männer und Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen und die anderen 919 Menschen in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Wir wissen nicht, welcher Gruppe Moritz Walzer zugeteilt wurde. Vom Amtsgericht Harburg wurde er am 9. März 1962 für Ende 1942 für tot erklärt.

© Klaus Möller

Quellen: 1; 2 (F 2338 Moritz Walzer, R 1939/2083 Moritz Walzer, R 1940/1013 Henny Walzer); 4; 5; 8; StaH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 060427 Walzer, Ludwig Lothar, 190126 Walzer, Norbert; StaH, Bestand Harburg, 2 Stadtbücher, III 1 Bd. IX, Protokolle der Magistratssitzungen 1933; StaH, 430-5 Dienststelle Harburg, 1810-08, 430-74 Polizeipräsidium Harburg-Wilhelmsburg II, 60, 40; StaH, 430-5 Dienststelle Harburg, Ausschaltung jüdischer Geschäfte und Konsumvereine, 1810-08, Bl. 89ff.; Heyl (Hrsg.), Harburger Opfer; Heyl, Synagoge; http://www Het Joods Museum van de Deportatie Verzet, E-Mail: jmdv@telenet.be (14.1.2010); Czech, Kalendarium, S. 332; Krakowski, Chelmno/Kulmhof; Sperber, Vergangene, S. 14ff.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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