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Bereits verlegte Stolpersteine



Stolpersteine für Theodor und Clara Tuch
© Gesche Cordes

Dr. Theodor Tuch * 1865

Horstlooge 35 (Wandsbek, Volksdorf)

1942 Theresienstadt
1942 weiterdeportiert nach Treblinka
ermordet

Weitere Stolpersteine in Horstlooge 35:
Gustav Jordan, Gella Streim, Clara Tuch

Dr. Theodor Tuch, geb.20.4.1865 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert nach Treblinka.
Clara Tuch, geb. Levie, geb.12.5.1875, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt,

Im Haus Horstlooge 35 bewohnte das Ehepaar Clara und Theodor Tuch von 1939 bis 1942 zwei Zimmer. Sie waren bei Gustav Jordan, dem jüdischen Hausbesitzer, einquartiert worden. Zum Vorort Volksdorf hatten sie bis 1939 keinerlei Bezug, da die Familie bis zur Zwangsumsiedelung in ihrer Villa in Billbrook gelebt hatte.

Clara Levie, verheiratete Tuch, entstammte einer begüterten portugiesisch-jüdischen Familie. Ihr Vater, ein aus Holland eingewanderter Cigarrenfabrikant, hatte 1874 Hannah Ricardo-Rocamora geheiratet. Die Rocamoras gehörten zu den bekannten Familien der sefardischen Gemeinde Hamburgs. Clara Tuch blieb Zeit ihres Lebens stolz auf ihre sefardische Herkunft, worüber ihr Mann gelegentlich spöttische Bemerkungen machte.

Theodor Tuch entstammte einer jüdisch-askenasischen Familie. Sein Vater Gustav Tuch (1834-1909) war ein wohlhabender Kaufmann und Publizist, der mit 30 Jahren das Hamburger Bürgerrecht erworben hatte. Er prägte das jüdische Gemeinde- und Kulturleben nachhaltig, indem er zahlreiche Vereine gründete. Besondere Anerkennung fand Gustav Tuchs Engagement gegen den internationalen Mädchenhandel und dessen jüdische Beteiligung. Auf seine Initiative nahmen sich Frauen aus dem "Israelitisch-Humanitären Frauenverein von 1897" der aus dem Osten "importierten" bzw. nach Südamerika durchreisenden Mädchen an und versuchten, sie vor dem Weg in die Prostitution zu schützen. Als Gustav Tuch 1909 unerwartet starb, wurden seine Verdienste als Philanthrop und Wohltäter für Hamburg ausführlich in der Öffentlichkeit gewürdigt.

Sohn Theodor studierte Philosophie und Mathematik in Jena, Göttingen und Kiel und wurde zum Dr. phil. promoviert. 1896 heiratete er die 21 jährige Clara Levie. Die beiden Kinder des Ehepaares, Hans und Edith, wurden 1897 und 1901 geboren.

Theodor Tuch war Inhaber und Direktor der Firma "Karstadt-Porges", Färberei und Chemische Reinigung. Die Fabrik lag in Billwerder auf demselben Gelände wie die Villa. 20 Filialen verteilten sich über das Hamburger Stadtgebiet.

Tuchs führten ein gastfreies Haus, offen für die weitverzweigte Familie, wobei Theodor Tuch eine besondere Freundschaft mit seinem Schwager Max Mendel verband, dem leitenden Geschäftsführer der Genossenschaft "Produktion" und Senator von 1925-1929 (siehe Broschüre Stolpersteine in Hamburg-Hamm).

Sohn Hans zog für das Deutsche Kaiserreich in den Weltkrieg. Mit 20 Jahren war sein Leben bereits zu Ende. Die Tochter Edith heiratete den Mitinhaber von Karstadt-Porges, Erich Blumenfeld. Das Ehepaar bewohnte vorübergehend den 1. Stock der Villa am Billbrookdeich mit den Kindern René und Malkah.

1939 veränderten die nationalsozialistischen Zwangsmaßnahmen das Leben der Tuchs radikal: Sie wurde enteignet und ihrer Villa, Fabrik und Filialen beraubt; ihr Schwiegersohn Erich Blumenfeld kam ins KZ; nach seiner Entlassung flüchtete er sofort mit Frau und Kindern in die USA.

Tuchs wurden nach Volksdorf umquartiert. Im Alter von 74 bzw. 64 Jahren mussten sie erleben, wie die Nationalsozialisten ihnen auch dort das Leben erschwerten, denn in der Ausgabestelle für Lebensmittelkarten auf dem Rockenhof/Volksdorf handelten die Beamten "vorschriftsmäßig", wenn sie sich weigerten, Theodor Tuch die ihm zustehenden Karten auszuhändigen. Für Juden war eine Sonderdienststelle in der Innenstadt zuständig. Auf seine Nachfrage, wie er dorthin gelangen solle, da ihm als Juden doch die Benutzung der U- Bahn verboten sei, musste der inzwischen 77Jährige sich anhören: "Gehen Sie doch zu Fuß!"

Im Herbst 1941 löste sich die vierköpfige Hausgemeinschaft in der Horstlooge wieder auf. Gella Streim gehörte zu dem ersten Deportationstransport, der 1034 Menschen am 25. Oktober 1941 nach Lodz brachte, 1016 davon direkt in den Tod. Die "Evakuierung" ihrer "dritten Parthie" machte den drei alten Zurückgebliebenen in der Horstlooge klar, dass nun für sie eine neue Dimension erreicht war. Mit Deportationen hatten sie nicht gerechnet. Sie waren tief beunruhigt über das weitere Schicksal ihrer Mitbewohnerin und wagten nicht, sich ihre eigene Zukunft vorzustellen. Es ist denkbar, dass Gella Streims Deportation, die Beschlagnahmung ihrer Möbel und ihr "Schweigen" in Lodz Theodor Tuch die letzten Illusionen darüber nahmen, was die Nationalsozialisten mit den Juden vorhatten.

Am 15. Dezember 1941 begann er, ein Tagebuch für seine ausgewanderte Tochter Edith zu schreiben. Dazu verblieben ihm noch sieben Monate Zeit. Auf 50 Seiten eines alten Schulheftes hielt er kleine häusliche Szenen fest. Sie drehten sich um Hunger und Kälte, um Streitigkeiten mit dem "landlord" Jordan. Vor allem aber spiegeln sie den unerträglichen Druck, der das Ehepaar belastete: "Mutter hat im höchsten Grade die Wegpackeritis. Das ist für alle Mitteleuropäer, die mit ihr in Berührung kommen, höchst unangenehm." (5.2.42)
"Madame scheuert auf ‚Deuwelkommraus’, Sie macht sich ganz caput damit und wird immer magerer. Unbelehrbar."(22.2. 42)

Während Theodor Tuch sich zeitweilig mit dem Lesen historischer Werke, mit langen Wegen zum Besorgen der wenigen für Juden noch zugänglichen Lebensmittel ablenken konnte, flüchtete Clara in eine zwanghafte Betriebsamkeit im Haushalt, um möglichst wenig zum Nachdenken zu kommen. So schaffte er es, nach außen hin eine gewisse "Bierruhe" zu bewahren, während sie dem psychischen Druck durch Isolation, Heimweh nach ihren Kindern und Todesangst kaum noch standhalten konnte.

Mitunter kam es zu Begegnungen mit Volksdorfern: "Eine mir unbekannte Frau hielt mich Besternten auf der Straße an und frug mich, ob ich nicht einen Kleiderschrank zu verkaufen hätte, die Juden müssen ja alle ihre Sachen hergeben!" (14.2.1942)

Auch eine kleine Geste der Solidarität ist überliefert: Die Tochter des damaligen Schmieds Frau Köhn, erinnert sich, wie sie als vierzehnjähriges Mädchen mit ihrer Mutter einen reparierten Gegenstand zu Tuchs in die Horstlooge zurückbrachte. Als sie wieder auf der Straße standen, schickte die Mutter sie ein zweites Mal ins Haus mit einer Tüte Zucker. Die Mutter selbst blieb auf dem Bürgersteig stehen, um sicher zu sein, dass keiner sie beobachtete, denn solche Zuwendungen an Juden waren streng verboten. Die Tochter erinnert sich heute noch, wie fassungslos sich Clara Tuch über die Tüte mit dem Zucker zeigte und "im Hintergrund stand ein älterer Herr, der wie ein Künstler wirkte und über allem zu schweben schien."

Nachdem das erste halbe Jahr 1942 ohne weitere Deportationen vorübergegangen war und Tuchs sich innerlich schon auf einen weiteren Umzug nach Altona in die Breite Straße eingestellt hatten, traf sie überraschend das Einschreiben mit dem "Evakuierungsbefehl" in der Horstlooge. Am 4. Juli 1942 schrieb Clara Tuch einen verzweifelten Abschiedsbrief an ihre Kinder, mit dem das Tagebuch endet.

Theodor Tuch schickte sofort das kostbare Heft an "arische" Verwandte in Berlin, die es nach Kriegsende an die Tochter Edith Blumenfeld in den USA weiterleiteten.

Am 19. Juli mussten Tuchs im Hannöverschen Bahnhof den Zug nach Theresienstadt besteigen. Unter den 771 Personen befanden sich auch Gustav Jordan, Max Mendel mit seiner Frau und deren 91jähriger Mutter. Im Theresienstädter Gedenkbuch ist ihr Weitertransport nach Treblinka für den 21. September 1942 angegeben.

© Ursula Pietsch

Quellen:1;4;7; Tuch, An meine Tochter, in: Bulletin Leo Baeck Institut, S..6-32; Bauche, Gustav Tuch, in: Hamburger Biographie, Personenlexikon Band 2, Thevs, Bertha Lobatz, Ida und Max Mendel, in: Stolpersteine in Hamburg-Hamm, S.140; Bauche, Jüdische Lebenswelten in Hamburg – Hamm, in: Stolpersteine in Hamburg - Hamm, S.148; Pietsch, Volksdorfer Schicksale, Teil 5: in: Unsere Heimat die Walddörfer, Nr.2/2005, S.19 und Teil 6, Nr.3/2005, S.35; Interview mit Frau Mohr vom 7.2.2008; Interview mit Frau Köhn vom 7.5.2004.

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