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Bereits verlegte Stolpersteine



Louis Braunschweiger * 1877

Husumer Straße 10 (Hamburg-Nord, Hoheluft-Ost)

1941 Minsk

Weitere Stolpersteine in Husumer Straße 10:
Jenny Braunschweiger, Dr. Heinz Braunschweiger, Dr. Hermann Samuel, Hans-Jürgen von Halle

Louis Braunschweiger, geb. 13.3.1877 in Altona, am 8.11.1941 nach Minsk deportiert
Jenny Braunschweiger, geb. Dörnberg, geb. 30.12.1876 in Vacha, am 8.11.1941 nach Minsk deportiert
Dr. Heinz Braunschweiger, geb. 28.6.1906, Tod auf der Flucht am 3.9.1939

Husumer Straße 10

Louis Braunschweiger, der Sohn von Abraham Lichtenstein, wurde von Moritz und Marianne Braunschweiger adoptiert. Er heiratete Jenny Dörnberg, die Tochter von Heinrich und Jeanette Dörnberg, geb. Goldschmidt, aus Vacha in Thüringen.

Von Bayern kommend, lebte die Familie Dörnberg seit mehr als 100 Jahren in Vacha. Jenny Braunschweigers Großvater, Feist Dörnberg, zog zusammen mit seinem Bruder Meyer Dörn­berg von Maroldsweisach, Franken, nach Vacha. 1827 waren beide Dörnbergs Hausbesitzer und führten Geschäftshäuser für Kurzwaren und Textilien. Meyer Dörnberg amtierte zu dieser Zeit als Vorsteher der Gemeinde. Als Jenny ein kleines Mädchen war, 1882, führte ihr Vater das Geschäft und leitete die Jüdische Gemeinde Vachas. Erst mit dem Tod ihres Bruders Ferdinand 1927, der das Geschäft 1900 übernommen hatte, erlosch die Firma Ferdinand Dörn­berg.

Louis Braunschweiger war Einzelhandelskaufmann und betrieb ein Geschäft für "Hausstandswaren" in der Kieler Straße 26 und später am Paulsplatz 12. Das Ehepaar wohnte zunächst in der Schmuckstraße 7 auf St. Pauli und zog Anfang der 1920er Jahre in den zweiten Stock des Hauses Husumer Straße 10.

Ihr Sohn Heinz Braunschweiger wurde am 28. Juni 1906 geboren. Er besuchte die Thaer Oberrealschule vor dem Holstentor und ab der Quinta die Oberrealschule Hegestraße, an der er 1925 das Abitur bestand. In Würzburg und Hamburg studierte er Jura und arbeitete nach der ersten juristischen Staatsprüfung Ostern 1930 drei Jahre als Referendar im Vorbereitungsdienst der Hamburgischen Justiz. Am 10. Juli 1933, kurz vor der Meldung zum zweiten Staatsexamen, teilte ihm der nationalsozialistische Justizsenator Rothenberger mit, dass er wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Referendariat entlassen werde.

Dennoch promovierte er im Dezember 1933 zum Dr. jur. mit dem Thema "Wie kann der Reichstag einen Volksentscheid aufheben?" an der Hamburgischen Universität. Da er als Jude keine Chance hatte, Rechtsanwalt zu werden, eröffnete er im Mai 1934 eine Rechtsberatungsstelle, die ihn aber kaum ernähren konnte. Der Verdienst verbesserte sich, als ihm das Inkasso einer jüdischen Firma der Lebensmittelbranche übertragen wurde und er deren "Syn­dicus" wurde. Gleichzeitig begann er, sich als Hausmakler zu betätigen. Zunächst betrieb er sein Büro auf der Reeperbahn und wechselte innerhalb desselben Hauses im Juni 1935 in einen kleineren Raum. Seit dem 1. Oktober 1935 arbeitete er am Großen Burstah 23.

Schon seit seiner Kindheit kannte Heinz Braunschweiger Gertrud L. Beide wuchsen im selben Viertel auf und hatten häufig zusammen gespielt, sich jedoch später aus den Augen verloren. Gertrud war die Tochter eines Kapitäns und sogenannte "Arierin".

Im August 1927 traf Heinz Gertrud L. zufällig vor einem Kino wieder. Aus der Bekanntschaft wurde ein Liebesverhältnis, das jahrelang sehr eng blieb. Gertrud L. tippte auf ihrer Schreibmaschine seine Examensarbeit für das Referendarexamen 1930 und seine Doktorarbeit 1933. Außerdem erledigte sie die schriftlichen Arbeiten für sein Inkassogeschäft. Beide gingen häufig aus oder trafen sich in den elterlichen Wohnungen. Obwohl Gertrud L. sich zwischenzeitlich verlobte und auch Heinz Braunschweiger eine Bindung zu einer anderen Frau einging, bestand ihre Beziehung auch noch zur Zeit des Erlasses der Nürnberger Gesetze am 15. September 1935, des sogenannten Rassenschandegesetzes. Braunschweiger wurde denunziert und angeklagt.

Obwohl beide im Prozess aussagten, dass sie sich nach dem Erlass der Gesetze nur noch ein Mal getroffen hatten, und dass seitdem zwischen ihnen nur noch ein rein kameradschaftliches Verhältnis bestehe, wurde Heinz Braunschweiger, der seit dem 9. Dezember 1937 in Untersuchungshaft saß, am 8. Juni 1938 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aus der Urteilsverkündung: "Vielmehr erscheint eine Gefängnisstrafe in einem so ausgesprochenen Übergangsfall wie diesem ausreichend. Diese durfte andererseits nicht so gering be­messen werden. Einmal aus allgemeinen Gründen: zur Abschreckung vor der Rassenschande sind, wie die Erfahrung gezeigt hat, nur harte Strafen geeignet. Ferner aber auch aus Gründen, die in der Person des Angeklagten liegen. Er hat sich weder im Vorverfahren noch in der Hauptverhandlung zu einem freimütigen, offenen Bekenntnis seiner Straftat durchringen können, sondern bis zuletzt versucht, sich durch allerhand Spitzfindigkeiten und Winkelzüge der gerechten Bestrafung zu entziehen ..."

Heinz Braunschweiger wurde am 14. Juni ins Gerichtsgefängnis Altona eingeliefert und sollte bei Anrechnung der Untersuchungshaft am 9. Dezember 1938 wieder frei kommen, wurde aber am 9. September 1938 in das Gefängnis Glasmoor überstellt. Noch im Gefängnis beantragte er einen Reisepass für die USA, der ihm am 1. September ausgestellt wurde.

Inzwischen bemühte sich der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Hamburg darum, ihm seinen akademischen Grad abzuerkennen. Im Juli 1938 schrieb er an den Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät: "Ich bitte ergebenst, von dem Inhalt des Urteils Kenntnis zu nehmen und die Stellung eines Antrags auf Entziehung der Doktorwürde in Er­wä­gung zu ziehen." Der Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät folgte dieser Anregung prompt.

Vier Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Glasmoor wurde Heinz Braunschweiger von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen und bis zum 30. September 1938 im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert. Wahrscheinlich wurde er anschließend direkt ins KZ Buchenwald verlegt, wo er unter der Häftlingsnummer 2938 als "Rasseschänder" registriert wurde. Während dieser Zeit bemühte sich sein Vater um Ausreisepapiere und die Verlängerung des Reisepasses für seinen Sohn. Für sich und seine Frau stellte der Vater keinen Ausreiseantrag.

Erst im Juli 1939 aus dem KZ Buchenwald entlassen, meldete sich Heinz Braunschweiger einen Monat später am 14. August beim Oberfinanzpräsidenten dauerhaft nach New York ab und reiste zunächst nach England. Ursprünglich hatte er wohl eine Passage auf einem Schiff der "Cunard White Star Line" nach New York gebucht. Wegen des drohenden Kriegsbeginns wurde das Schiff jedoch für militärische Zwecke requiriert und lief nicht aus. Er buchte auf das britische Passagierschiff Athenia um, das am 2. September von Glasgow nach Montreal fahren sollte. An Bord des Schiffes waren zahlreiche Menschen, die das kriegsbedrohte Europa verlassen wollten, die meisten von ihnen Kanadier und US-Amerikaner. Aber einige waren wie Heinz Braunschweiger auf der Flucht aus dem Deutschen Reich und Osteuropa. Die Athenia war kurz vor der Fahrt so umgebaut worden, dass sie 200 Personen mehr an Bord nehmen konnte. Zusammen mit den Verdunkelungsmaßnahmen führte das für die 1417 Passagiere auf dem Schiff zu einer engen und bedrohlichen Atmosphäre. Am Abend des 3. September wurde die Athenia 250 Seemeilen nordwestlich von Irland vom deutschen U-Boot U-30 torpediert. Schon bei der Explosion starben viele Menschen. Aber auch während der Rettungsaktion durch mehrere zur Hilfe geeilte Schiffe konnten nicht alle in die Rettungsboote geflüchteten Passagiere gerettet werden. Unter den 112 Menschen, die bei dem Angriff den Tod fanden, war auch Heinz Braunschweiger.

Diese erschütternde Nachricht erreichte vermutlich auch seine Eltern in Hamburg, die in den vergangenen Jahren alles für ein Entkommen ihres Sohnes getan hatten. Sie bekamen zwei Jahre später am 8. November 1941 den Deportationsbefehl für das Getto Minsk.

© Maria Koser

Quellen: 1; 2; 4; 8; StaH 522-1 Jüd. Gemeinden, 992e 1 Band 2; StaH 314-15 OFP, Fvg 5669; StaH 364-5 I Universität I, L 50.06.023; StaH 242-1 II, Abl.13 jüngere Kartei; StaH 242-1 II, Abl.13 ältere Kartei; StaH 242-1 II, Abl.16; StaH 314-15 OFP, R 1938/1651; AB 1933, 1935; StaH 332-8 Meldewesen 51/1 (Dr. Heinz Braunschweiger, Louis Braunschweiger); Auskunft G. Hermes aus Vacha vom 21.1.2010; Recherche und Auskunft von Inge Wimmer aus Philippsthal vom 25.1., 31.1. und 5.2.2010; Morisse, Der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen, in: MHR 4/2009, S.16f.; Bajohr, "Arisierung" 1998; Rademacher, Drei Tage, 2009; Juden in Thüringen, Europäisches Kulturzentrum in Thüringen, Bd. 1, 1996; Foto Studentenausweis: Universitätsarchiv Würzburg UWü StK Braunschweiger, Heinz.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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