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Bereits verlegte Stolpersteine



Helene Seligmann und ihr Sohn Jacob, 1934 in Wandsbek
© Privatbesitz

Jacob Seligmann * 1884

Bärenallee 30 (Wandsbek, Marienthal)

1943 aus NL nach Sobibor

Weitere Stolpersteine in Bärenallee 30:
Helene Seligmann

Helene Seligmann, geb. Kallmes, geb. 5.4.1861, deportiert ins Durchgangslager Westerbork/NL, dort verstorben am 23.6.1943
Jacob Seligmann, geb. 25.7.1884, deportiert vom Durchgangslager Westerbork/NL ab März 1943 ins Vernichtungslager Sobibor, dort ermordet am 21.5.1943

Bärenallee 30 (Bärenallee 16)

In der Bärenallee stand einst eine repräsentative Villa, ein typischer Bau der Gründerzeit, der Jahrzehnte lang das Domizil der Familie Seligmann war. Der Hausmakler Moritz Seligmann (Jg. 1852) hatte das Grundstück 1892 erworben. Die Übereignung war durch Helene Seligmanns Zwillingsbruder Julius Kallmes und die Hausmaklerfirma J. & S. Hirsch zustande gekommen.

Helene Kallmes wurde in Wandsbek geboren. Sie war 21 Jahre alt, als sie 1882 den in Wandsbek wohnhaften Moritz Seligmann heiratete, mit dem sie u. a. in der Schlossstraße 37 lebte. Am 25. Juli 1884 bekam sie ihr erstes Kind und einzigen Sohn Jacob Moritz, auch Maurice genannt. Vier Töchter folgten: die Zwillinge Regina und Henny (Jg. 1886), Olga (Jg. 1890) und Erna (Jg. 1892).

Lebensmittelpunkt der gutsituierten Familie waren und blieben – nach einem einjährigen Aufenthalt in Königsberg 1904/05 – Haus und Garten in der Bärenallee. Dort lebte später zeitweise auch die Tochter Olga mit ihrer Familie. Der Lebensstil orientierte sich an den Gepflogenheiten des gehobenen jüdischen Bürgertums: kulturell und religiös im Judentum verwurzelt – die Kinder erhielten privaten Religionsunterricht bei Rabbiner Bamberger – offen und modern im Hinblick auf die Neuerungen der Zeit. Jacob Seligmann besuchte das Matthias-Claudius-Gymnasium und nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, wobei er sich eine Verwundung zuzog. Seine Schwester Olga wurde Lehrerin und arbeitete bis zu ihrer Heirat, und während ihr Ehemann Soldat war, in ihrem Beruf. Die Schwester Henny war als Kontoristin tätig. Sie starb 1917 im Alter von 31 Jahren.

Das Engagement für die jüdische Gemeinde blieb eher den Eltern vorbehalten. Neben ihrem Ehemann war auch Helene Seligmann in der Gemeinde aktiv, und zwar im Unterstützungsverein von 1876, einem Frauen-Verein, dessen Zweck darin bestand, in Not geratenen jüdischen Frauen zu helfen. Im Jahre 1910 firmierte sie als Kassiererin "Frau Moritz Seligmann", in den 1930er Jahren übernahm sie das Amt der Vereinsvorsitzenden. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1911 zahlte sie regelmäßig Gemeindesteuern bis 1923, danach nicht mehr bzw. geringe (freiwillige) Beiträge.

Jacob Seligmann hatte nach dem Tod seines Vaters dessen Maklerbetrieb in der Hamburgerstraße 14 übernommen und sich als Haus- und Hypothekenmakler etabliert. Alles deutete auf eine behagliche bürgerliche Zukunft hin, zumal sich auch sein Privatleben erfreulich gestaltete. 1923 heiratete er Frieda, geb. Lüttmann (Jg. 1894), die nicht nur wegen ihres einnehmenden Wesens und ihrer attraktiven Erscheinung von der Familie gut aufgenommen wurde. Sie war zum Judentum konvertiert und führte einen koscheren Haushalt. Die Eheleute bezogen ein eigenes Haus in der Schillerstraße 23, der heutigen Straße Schlossgarten. Die Ehe blieb kinderlos. Ende der 1920er Jahre stiftete Jacob Seligmann der Wandsbeker Synagoge Vorhang und Decke zu Ehren seines verstorbenen Vaters. 1929 fungierte Seligmann als Hausmakler in eigener Sache. Er verkaufte die Familienvilla in der Bärenallee im Auftrage seiner Mutter, die mit ihren Kindern in einer Gütergemeinschaft lebte, an den Hausmakler Josef Beith, der für seine Familie ein größeres Domizil benötigte (s. Kap. Beith). Im Kaufvertrag war vorgesehen, dass dieser Helene Seligmann seine freiwerdende Wohnung in der Jüthornstraße 1 zur Verfügung stellen würde. Doch bereits zwei Jahre später musste die Übereignung wieder rückgängig werden, da der Käufer seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnte und die Zwangsversteigerung drohte. Das Haus ging wieder auf Helene Seligmann über und fand kurz darauf einen anderen Besitzer; die Eigentumsübertragung wurde Ende 1931 registriert.

Als Hypothekenmakler hatte Jacob Seligmann auch die Generalvertretung der Rheinisch-Westfälischen Boden-Credit-Bank, Köln, übernommen. Seine Agentur in Hamburg befand sich 1926 in der Ernst-Merck-Straße 12–14 und fünf Jahre später in der Mönckebergstraße 17; in Wandsbek unterhielt er noch ein Büro in der Hamburgerstraße 22.

Sein prominentester Kunde war wohl der Boxer Max Schmeling. Als er Schmeling 1933 in Berlin traf, schickte er seinem Neffe Heinz Haller eine Postkarte, die auch Schmeling unterschrieb. Das Autogramm des bekannten Sportlers steigerte das Ansehen des Jungen bei seinen Klassenkameraden im Paulinum, der Schule des Rauhen Hauses in Hamm, erheblich.

Vermutlich unter dem Druck der NS-Verfolgung – 1933 war Jacob Seligmann in Polizeigewahrsam genommen worden, 1935 wurde er als Hausmakler auf dem NS-Flugblatt angeprangert, das Behörden und NSDAP in Umlauf gebracht hatten – verlegte er seinen Wohnsitz Ende des Jahres 1935 von Wandsbek nach Hamburg in die Colonnaden 25/27 II. Sein Büro befand sich nun im Speersort 8 II. Infolge seines Umzuges wechselte er im Januar 1936 von der Jüdischen Gemeinde Wandsbek in die Hamburger, wo er sich der Neuen Dammtor-Synagoge anschloss. 1936 kehrte er allerdings für kurze Zeit in sein Elternhaus an der Bärenallee zurück, wo seine Mutter noch gemeldet war. Jacob Seligmann galt als gesellig und großzügig und legte diese Eigenschaften auch unter dem Druck der Verfolgung nicht ab. Auf seinen Fahrten von Wandsbek nach Hamburg benutzte er oft die Straßenbahn. Dort traf er oftmals Bekannte, so eines Tages einen Kiosk-Besitzer vom Marktplatz, bei dem er seine Zeitungen zu kaufen pflegte, und dessen Tochter. Sie war in der Wandsbeker Geschäftswelt auch als Zeitungsausträgerin bekannt. Jacob Seligmann gesellte sich zu den beiden, die auf dem Perron standen, und schenkte dem überraschten Mädchen fünf Mark. "Das war damals viel Geld", erinnert sich die Zeitzeugin heute.

Seligmanns Schwestern waren verheiratet und mit ihren Familien bereits nach Palästina ausgewandert. Auch Jacob Seligmann plante zusammen mit seiner Frau die Emigration. Amsterdam sollte das Ziel sein, und er machte sich dort auf die Suche nach einer geeigneten Wohnung.

Seine Mutter war 1935 nach Palästina gereist, um ihre Töchter Olga und Regina de Haas und Erna Haller zu besuchen und dort ihren 75. Geburtstag zu feiern. Helene Seligmann fühlte sich in dem warmen Klima wohl, das ihren Gliedern gut tat. Ihre Enkelin Alisa erinnert sich an eine folgenschwere Entscheidung, die in der Familie bis heute gegenwärtig ist: "Auf einmal kamen ihr Sohn und die Schwiegertochter, Jacob und Friedchen Seligmann, uns alle hier zu besuchen. Er erzählte, er wäre nach Amsterdam umgezogen und hätte da ein Extra-Zimmer für meine Großmutter eingerichtet – und er wollte sie unbedingt zurück nach Holland mitnehmen. Wir waren alle sehr dagegen, aber wir konnten nichts machen. 1936 fuhr sie mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter wieder zurück."

Helene Seligmann folgte also ihrem Sohn, dem sie zutraute, dass er auch in schwieriger Zeit für sie sorgen würde. Trotz aller positiven Eindrücke in Palästina hatte sie wohl erkannt, dass die Töchter und deren Ehemänner noch nicht so gut Fuß gefasst hatten, um eine zusätzliche Person ohne Probleme aufnehmen zu können. So war es ihrem Schwiegersohn Alfons de Haas nur unter großen Schwierigkeiten gelungen, eine Zigarrenfabrikation aufzubauen. Um einen Konkurs abzuwenden, kehrte er für einige Jahre nach Europa zurück und nahm in Holland seinen Tabakgroßhandel wieder auf, mit dessen Einnahmen er die Fabrik in Palästina unterstützte. Von 1938 bis zu ihrer Rückkehr nach Palästina 1940 lebte die Familie mit dem jüngsten Sohn in Amsterdam, während die beiden älteren Söhne die Stellung in Palästina hielten. Als sie nach Amsterdam kamen, fanden sie dort bereits Verwandte vor.

Denn Jacob Seligmann und seine Ehefrau hatten Deutschland 1937 verlassen. Auch Helene Seligmann zog aus Wandsbek fort. Doch sie blieb vorerst noch in Hamburg gemeldet, wohnte bis zu ihrer Auswanderung im Juni 1939 in der Parkallee 7 bei Baruch und hatte sich dem Kultusverband der Neuen Dammtor-Synagoge angeschlossen.

Mit der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 durch die deutsche Armee gerieten neben den ansässigen holländischen Juden auch die Emigranten aus Deutschland in die Maschinerie der Verfolgungsmaßnahmen. Vermutlich waren die Seligmanns gezwungen, ins Amsterdamer Judenviertel umzuziehen. Im Februar 1941 wohnten sie in der Haringvlietstraat 15 III. Das letzte Lebenszeichen war eine Rote-Kreuz-Mitteilung von Helene Seligmann an ihre Tochter Erna Haller in Jerusalem, ein Formbrief, verschickt am 8. März 1943. Er enthielt die Worte "Wir sind gesund ...", mit Grüßen und Unterschriften.

Bald darauf hatten sich Helene und Jacob Seligmann im Durchgangslager Westerbork einzufinden. Frieda Seligmann blieb als "arische" Glaubensjüdin in der Wohnung zurück.
Jacob Seligmann wurde im März 1943 von Westerbork ins Vernichtungslager Sobibor deportiert. Als Todestag ist der 21. Mai 1943 eingetragen.

Helene Seligmann überlebte ihren Sohn um etwa einen Monat, sie starb am 23. Juni 1943 in Westerbork. Ihre Enkelin Alisa hat ihr Grab aufgesucht: "Ich besuchte den Friedhof in der Nähe von Amsterdam und sah ihr Grab. Es war ein Reihengrab ... Aber rückschauend war es noch ein Glück, dass sie nicht nach Auschwitz oder (einem) ähnlichen, schrecklichen Vernichtungslager kam." Helene Seligmann ist zwar in einem Grab bestattet, doch ihr Tod in einem Sammellager, einer Art Wartestation auf den Transport in "schreckliche Vernichtungslager" war keineswegs ein "natürlicher". Deshalb wurde auch für sie ein Stolperstein verlegt.

Frieda Seligmann heiratete nach Kriegsende wieder, nach der Erinnerung ihres Neffen Chaim "einen streng religiösen holländischen Juden, der irgendwie überlebte. Wir haben die beiden wiederholt in Amsterdam besucht." Sie sprach jedoch nicht über die Ereignisse des März 1943. "Mehr als das Datum der Deportation konnte (oder wollte) sie uns nicht sagen."

© Astrid Louven

Quellen: 1; StaHH 332-8 Meldewesen K 4553; In Memoriam, 1995, S. 671; Digital Monument to the Jewish Community in the Netherlands: Helene und Jacob Moritz Seligmann, Ausdruck vom 19.02.2007; AB 1910 VI, 1913 VI, 1933 II; Grundbuch Wandsbek Band 2, Bl.5 121/2533; Auskunft von Chaim Haller vom 12.1.1990; Auskunft von Alisa Levy-Marmor, geb. Haller, vom 29.7.2007; Auskunft von Frau Ruland vom 14.1.2008; Astrid Louven, Juden, S. 34, 64, 75, 77, 131, 135, 153ff, 201.

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