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Jacob und Annie Lurie
© Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese

Jacob Lurie * 1864

Panzerstraße 14 (Altona, Blankenese)

Freitod 31.12.1938 Hamburg

Jacob (auch Jacques oder Jasper) Lurie, geb. 27.11.1864 in Telschen/Russland, Freitod am 31.12.1938 in Hamburg

Die Familie meines Vaters Jacob Lurie wurde bereits 1869 von der Königlich Preußischen Regierung eingebürgert. Mein Vater hatte eine ältere Schwester, die 1938 eines natürlichen Todes starb und in Berlin-Weißensee bestattet wurde, und einen jüngeren Bruder, der später als Arzt in Hamburg-Wandsbek praktizierte und 1936 den Freitod wählte.

Mein Vater belegte zunächst Pharmazie an der Universität in Königsberg, wurde 1889 dort approbiert und studierte später Zahnmedizin in Breslau mit der Approbation im Jahre 1900. Im selben Jahr erhielt er auch die Staatsangehörigkeit und den Gewerbeschein als Zahnarzt der Freien und Hansestadt Hamburg. Mein Vater richtete seine Praxis am Neuen Wall ein.

Sehr spät in seinem Leben, erst 1921 (mit 57 Jahren) heiratete er meine Mutter, die damals 25-jährige Else Annie Johanna, geborene Kobrow. Sehr glückliche Jahre – wie meine Mutter immer erzählte, waren es die glücklichsten seines Lebens – folgten im Haus Panzerstraße 14, das er 1918 von der Witwe eines Schiffers gekauft hatte. Es gab viele enge und herzliche Verhältnisse zu Freunden und zu den Nachbarn.
1930 wurde ich geboren, ich blieb das einzige Kind.

Ab 1933 griff die Diskriminierung auch der jüdischen Ärzte in alle Lebensbereiche ein. Mein Vater konnte in seinem Alter an eine Auswanderung und einen Neubeginn nicht mehr denken. Ab Januar 1938 verloren die jüdischen Ärzte ihre Kassenzulassungen und am 30. September ihre Approbation – für Zahnärzte galt dies ab 1. Januar 1939. Auch Jacob Lurie musste seine gut gehende Zahnarztpraxis aufgeben. Mein Vater nahm sich am 31. Dezember 1938 das Leben.

Im Bericht des Hamburger Hafenkrankenhauses heißt es, dass Jacob Lurie am 30. Dezember 1938 in Begleitung seiner Frau eingeliefert wurde. Ein Assistent hatte ihn bewusstlos in seiner Praxis aufgefunden. Jacob Lurie hatte Gift genommen. In einem Schriftstück hatte er seinen Willen hinterlassen, dass kein Arzt hinzugezogen werden solle, er wolle nicht wieder ins Leben gebracht werden. Denselben Wunsch äußerte seine Ehefrau. Sie hatte allerdings nichts von der Absicht ihres Mannes gewusst, aus dem Leben zu scheiden. Jacob Lurie starb am folgenden Tag im Alter von 84 Jahren.

In einem Abschiedsbrief an seine Frau hatte er seinen Entschluss begründet: "Ich will keine Kennkarte haben, keine Fingerabdrücke, keine Israels in den Papieren meines Töchterchens und in den Deinen Papieren und ich will und muss vor dem 1. Jan. sterben wer weiß was kommt!!"

Erst einige Monate zuvor war die Familie in ihr neu gebautes Haus im Fichtenweg 29 eingezogen. Nach Jacob Luries Tod sah sich seine Frau gezwungen, im Januar 1940 das Haus zu einem Bruchteil seines Wertes zu verkaufen. Der Antisemitismus hatte in Blankenese stark zugenommen, ihre Tochter wurde auf der Straße von Kindern beschimpft und angefeindet.

© Katja Rosemarie Langenbach, geb. Lurie und Birgit Gewehr

Quellen: 4; StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 18360 (Lurie, Annie); StaH 332-8 Meldewesen, A 50/1 (= 741-4 Fotoarchiv, K 5046); Langenbach, Zur Erinnerung an Jacob Lurie.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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