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Bereits verlegte Stolpersteine



Hedwig und Walter Alexander
© Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese

Hedwig Alexander (geborene Grundmann) * 1877

Erik-Blumenfeld-Platz 15 (Altona, Blankenese)

1942 Theresienstadt
ermordet am 15.2.1943

Weitere Stolpersteine in Erik-Blumenfeld-Platz 15:
Dr. Walter Bismarck Alexander

Hedwig Alexander, geb. 4.11.1877 in Wien, deportiert nach Theresienstadt am 19.7.1942, Todesdatum 15.02.1943
Dr. Walter Alexander, geb. 16.9.1871 in Brooklyn, New York, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, Todesdatum 6.12.1942

Mein Großvater Walter Alexander wurde in Brooklyn geboren. Aus wirtschaftlichen Gründen waren seine Eltern, Albert Alexander und Ernestine, geborene Gumpert, in die USA ausgewandert und hatten zusammen mit ihren Kindern die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Doch das amerikanische Intermezzo dauerte nicht allzu lange. Wenige Jahre nach der Geburt meines Großvaters zog die Familie zurück nach Deutschland, nach Berlin, und ließ sich wieder einbürgern. Mein Urgroßvater war ein derartiger Patriot, dass er Walter, seinem Ältesten, den zusätzlichen Namen Bismarck gab. Nach dem Abitur studierte mein Großvater Chemie sowie Philosophie und Literatur und wurde ein selbst im Ausland bekannter Chemiker. Er heiratete 1902 die sechs Jahre jüngere Hedwig Grundmann aus Wien, Tochter von Jonathan und Rosalie Grundmann, geborene Taussig. Wie er war seine Frau jüdischer Herkunft, hatte sich aber taufen lassen. 1903 wurde der Sohn Gerhard, mein Vater, geboren. Auch er wurde getauft.

Hedwig Alexander hatte eine Lehrerausbildung mit Auszeichnung bestanden, ihren Beruf aber meines Wissens nie ausgeübt. Sie spielte hervorragend Klavier und schrieb sehr anschauliche Berichte über die Reisen, die sie mit ihrem Mann gemacht hatte. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mir oft Märchen vorlas, was mir sehr gefiel.

Mein Großvater hatte zusammen mit einem Vetter in Köpenick eine Chemische Fabrik gegründet, trennte sich aber nach dem Ersten Weltkrieg von dieser und zog nach Hamburg, wo er Teilhaber der deutschen Ölfabrik Dr. Grandel und Co. wurde. Wirtschaftlich ging es meinen Großeltern sehr gut, sie wohnten in Hamburgs Nobelvorort Blankenese in einer geräumigen Villa mit vielen Dienstboten, hatten ein Auto und einen Chauffeur, viele gute Freunde und Bekannte. 1917, erst vierzig Jahre alt, hatte meine Großmutter einen Schlaganfall bekommen, von dem sie sich nie wieder ganz erholte. Es blieb eine starke Schwerhörigkeit zurück, und wenn sie in der Hamburger City etwas einkaufte (sie ist bis zu ihrer Verschleppung eine sehr elegante Frau gewesen, erzählte man mir), dann passierte es manchmal, dass sie die Orientierung verlor und nicht mehr wusste, wo sie war und wo sie wohnte. Deshalb trug sie bei solchen Ausflügen ein Schild mit ihrer Adresse bei sich. Auch zu Hause wusste sie oftmals nicht, was sie eigentlich vorgehabt hatte, und ich höre sie noch mit ihrem Schlüsselkörbchen in der Hand "Walter, Walter" rufen.

Mein Vater hatte nach seinem Studium eine Pastorentochter geheiratet. Als ich 1935 geboren wurde, ließ mein Großvater auf dem südlichen Teil seines Grundstücks für uns drei ein etwas kleineres Haus bauen.

Im März 1939 verbrachte Walter Alexander aus politischen Gründen über 14 Tage in Gestapo- und Untersuchungshaft im Stadthaus und im Gefängnis Fuhlsbüttel.
Im selben Jahr mussten die Großeltern ihr Haus verkaufen. Sie zogen dann in unser Häuschen (wir fanden eine andere Bleibe). Im Juli 1942, eine Woche nach meinem siebten Geburtstag, erhielten sie den Deportationsbefehl. Meine Mutter fragte sorgenvoll meinen Großvater, wie ihm zumute sei. Er antwortete: "Ich denke, ich gehe auf eine große Reise".

Es war eine Reise ohne Wiederkehr. Beide wurden am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Mein Großvater ist dort am 6. Dezember 1942 gestorben. Verhungert? Ermordet? Die Todesfallanzeige gibt Blutzersetzung und Herzmuskelentartung als Todesursache an. Meine Großmutter starb am 15. Februar 1943 – laut Todesfallanzeige litt sie an Wundrose und Durchfall.

Ihr Sohn Gerhard Alexander, bis dahin durch seine "privilegierte" Mischehe geschützt, wurde noch am 14. Februar 1945 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Am 8. Mai 1945 erlebte er dort die Befreiung. Er starb 1988 in Hamburg.

© Ulrike Bork

Quellen: 1; 3; 4; StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 1730 (Dr. Alexander, Walter Bismarck).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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